EZB-Präsident Mario Draghi auf einer Pressekonferenz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt
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Vor dem Zinsspektakel Was dürfen Anleger von der EZB erwarten?

Stand: 12.09.2019, 09:52 Uhr

Heute steht die vorletzte Zinssitzung der EZB unter der Leitung von Mario Draghi auf dem Programm. Die Spannung und die Erwartungen der Finanzmärkte sind immens.

Um 13:45 wird die EZB ihren Zinsbeschluss veröffentlichen. EZB-Chef Mario Draghi wird dann um 14:30 Uhr vor die Presse treten. Für ihn ist es die vorletzte Zinssitzung, bevor seine achtjährige Amtszeit im Oktober abläuft.

Warum ist die heutige Sitzung so wichtig?

EZB-Chef Draghi scheint vor dem Ende seiner Amtszeit und der Staffelübergabe an seine Nachfolgerin Christine Lagarde noch einmal richtig aufdrehen zu wollen. Auf der letzten geldpolitischen Sitzung Ende Juli stellte er eine deutliche Lockerung der Geldpolitik in Aussicht. Es seien "signifikante geldpolitische Impulse" notwendig, so Draghi. Dabei bekräftige der Notenbanker frühere Aussagen, dass die EZB bereit sei, alle geldpolitischen Instrumente einzusetzen. Die Aktienmärkte haben die Ankündigung bereits mit starken Kursgewinnen quittiert.

Warum will die EZB überhaupt so stark durchgreifen?

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Die Notenbank sieht unter anderem geopolitische Risiken und sorgt sich über den um sich greifenden Protektionismus. Der konjunkturelle Ausblick für den Euroraum werde immer schlechter, hatte Draghi nach der letzten Zinssitzung gesagt. Er verwies vor allem auf die negative Entwicklung in der Industrie. Zudem entwickelt sich die Teuerungsrate nicht wie von der EZB gewünscht. Sie lag im August im Euroraum nur bei 1,0 Prozent und lag damit unter der Zielmarke von knapp unter 2,0 Prozent.

Welche Maßnahmen gelten als sicher?

Volkswirte sind sich so gut wie sicher, dass die EZB den Einlagensatz vom derzeitigen Niveau von minus 0,4 Prozent aus weiter absenken wird. Dieser auch "Strafzins" genannte Einlagensatz könnte auf minus 0,5 oder sogar minus 0,6 Prozent sinken. Mit einer solchen Maßnahme sollen die Banken dazu gebracht werden, ihre Kredite noch weiter zu verbilligen, um die Kreditnachfrage anzukurbeln und eben diese Strafzinsen zu vermeiden.

Allerdings sind nicht alle Beobachter sicher, ob ein solcher Effekt auch tatsächlich eintreten würde. Denn auf einem noch niedrigeren Zinsniveau als derzeit könnten Banken dazu übergehen, überzählige Bargeldbestände in ihren eigenen Tresoren zu lagern, um die Strafzinsen zu umgehen.

Was ist mit der Wiederaufnahme von Anleihekäufen?

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Hier gehen die Meinungen auseinander. Es scheint keinesfalls ausgemacht, dass die EZB wieder dazu übergehen wird, europäische Staatsanleihen zu kaufen, um die Zinskosten für Staaten zu senken. Darauf deutet auch ein "Bloomberg"-Bericht hin. Mehrere Ratsmitglieder sind offenbar skeptisch gegenüber der Notwendigkeit dieser Maßnahme, berichtete die Nachrichtenagentur am Dienstag. Zumal die EZB von März 2015 bis Ende 2018 für rund 2,6 Billionen Euro europäische Staatsanleihen gekauft hatte.

Bisher hatte die EZB sich selbst Grenzen für die Käufe auferlegt. So will sie zum Beispiel nicht mehr als ein Drittel aller Staatsanleihen eines Landes erwerben. Nach Berechnungen der Landesbank BayernLB ist diese Grenze in einigen Euroländern nahezu erreicht. Die Notenbank könnte sich daher gezwungen sehen, die Kaufgrenze anzuheben. Damit würde sie sich allerdings erneut dem Vorwurf aussetzen, ihr gesetzliches Mandat zu überschreiten und Staatsfinanzierung mit Hilfe der Notenpresse zu betreiben.

Welche Möglichkeiten gibt es noch?

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Was wird von der EZB erwartet?

Ein Staffelzins wäre möglich. Über Freibeträge könnte die EZB einen Teil der Überschussreserven von Banken von dem Negativzins ausnehmen. Aufgrund der ungleichen Verteilung der Überschussreserven im Euroraum gilt eine solche Maßnahme jedoch als relativ kompliziert.

Außerdem könnte die EZB dazu übergehen, auch Unternehmens- und Bankanleihen zu kaufen, um die Zinskosten für Unternehmen und Banken zu senken. Auch ein Kauf von Aktien durch die Investition in ETFs wäre vorstellbar. Diese Strategie praktiziert die Bank of Japan bereits seit einigen Jahren. Und schließlich gibt es noch das so genannte Helikoptergeld. Dabei würde die EZB Geld drucken und es direkt an Staat, Unternehmen und Bürger auszahlen - quasi mit dem Helikopter abwerfen. Solche - zudem hoch umstrittenen - Maßnahmen gelten aber zum jetzigen Zeitpunkt als sehr unwahrscheinlich.