Schilder der amerikanischen und eurpäischen Zollbehörden
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Direkte Auswirkungen begrenzt, aber gefährliche langfristige Folgen Was bedeuten US-Zölle für die deutsche Wirtschaft?

von Notker Blechner

Stand: 30.04.2018, 17:49 Uhr

Die USA sind für die EU und Deutschland der wichtigste Exportmarkt. Strafzölle auf Stahl und Aluminiumimporte würden die deutsche Wirtschaft Millionen kosten, wären aber verkraftbar. Schlimmer wäre es, wenn auf deutsche Autos höhere US-Zölle zukämen.

Die Lobby-Vertreter in den deutschen Wirtschaftsverbänden sind beunruhigt. Die Sorge vor einem Handelskrieg geht um. Das wäre ein "unkalkulierbares Risiko für die Weltwirtschaft", befürchtet Michael Ziesemer, Präsident der Elektronik-Branche ZVEI. "Angriffe auf den Freihandel sind eine Attacke auf unseren Wohlstand", klagte Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), jüngst auf der Hannover Messe. Schließlich hänge in der deutschen Industrie jeder zweite Arbeitsplatz vom Export ab.

Ein transatlantischer Handelsstreit wäre Gift für die deutsche Exportwirtschaft. Die USA sind seit drei Jahren wichtigster Abnehmer deutscher Waren. 2017 wurden dorthin Güter im Wert von 111,5 Milliarden Euro geliefert - vor allem Autos, Maschinen und Pharmaprodukte. Ein Drittel der 30 Dax-Konzerne erwirtschaftet ein Viertel oder mehr seiner Umsätze im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Durchschnittliche Zölle 2015

Durchschnittliche Zölle 2015. | Bildquelle: WTO, Helaba, Grafik: boerse.ARD.de

Deutsche Stahlimporte unter vier Prozent

Die Strafzölle in Höhe von 25 Prozent auf europäische Stahlimporte und zehn Prozent auf Aluminiumimporte würden die deutsche Wirtschaft Millionen Kosten, glaubt Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Insgesamt aber wären die Auswirkungen nicht dramatisch. Die direkten Folgen durch die amerikanischen Zölle seien beherrschbar, meinte kürzlich Salzgitter-Chef Heinz Jörg Fuhrmann. Aus Deutschland kommen nur 3,7 Prozent der amerikanischen Stahlimporte. Damit sind die deutschen Stahlhersteller nur achtgrößter Stahlexporteur in Amerika. Salzgitter kommt mit 150.000 Tonnen in den Vereinigten Staaten auf einen Umsatz von rund 150 Millionen Euro. ThyssenKrupp liefert weniger als fünf Prozent seiner Jahresproduktion in die USA.

Die größten Stahl- und Aluminum-Exporteure in die USA in Mrd. $

Die größten Stahl- und Aluminum-Exporteure in die USA in Mrd. $. | Bildquelle: US Census, J.P. Morgan Asset Management, Grafik: boerse.ARD.de

Leidtragende seien die Verbraucher in den USA. Produkte wie Getränkedosen und Autos dürften sich verteuern, weil US-Firmen dafür ausländische Stahl und Aluminium verarbeiten müssten. Denn laut Experten seien die USA technisch nicht in der Lage, hohe Mengen an hochwertigen Stahlgütern zur Verfügung zu stellen. Das hätte sich schon 2002 gezeigt, als George W. Bush Zölle zwischen acht und 30 Prozent auf ausländische Stahl- und Aluprodukte verhängte.

In Europa würde eine Billig-Stahl-Schwemme drohen

Stahlproduktion
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US-Zollpolitik: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Die deutsche Stahlbranche befürchtet eher indirekte Auswirkungen der US-Zölle. Salzgitter-Chef Fuhrmann sieht die Gefahr, dass dann der für die USA bestimmte billige Importstahl aus Südkorea oder der Türkei den europäischen Markt überschwemme.

Auch Ökonomen halten die Folgen der Zölle auf Stahl und Alu für überschaubar. Aluminium und Stahl würden gerade einmal 0,9 Prozent Anteil am gesamten Handel zwischen der EU und den USA ausmachen, rechnet Feri-Chefvolkswirt Axel Angermann vor.

Größte Gefahr wären höhere Autozölle

Viel schlimmer wäre es, wenn die Autoindustrie mit höheren Zöllen belegt werden würde. Fahrzeuge haben einen Anteil von fast zehn (9,6) Prozent am transatlantischen Handel. Knapp 500.000 Autos haben VW, Daimler, BMW & Co im vergangenen Jahr in die USA exportiert. Würde auf jedes deutsches Fahrzeug ein Einfuhrzoll von 25 Prozent erhoben, würden den deutschen Herstellern eine Mehrbelastung von über sieben Milliarden Euro drohen, hat Ferdinand Dudenhöffer vom CAR Center Automotive Research ausgerechnet. Daimler und BMW würden Gewinneinbußen von unter zehn Prozent drohen, falls die Exporte aus den USA nicht gegengerechnet würden. Für VW rechnet er mit Gewinnrückgängen von rund fünf Prozent.

Anteil am Handel zwischen EU und USA

Anteil am Handel zwischen EU und USA. | Bildquelle: Feri, Grafik: boerse.ARD.de

Der Branchenverband VDA weist immer wieder daraufhin, dass die deutschen Autobauer in den USA 36.500 Mitarbeiter beschäftigen und fast jedes zweite Auto, das sie dort produzieren, nach Europa und den Rest der Welt exportieren.

Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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BMW ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Daimler: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Angst vor der Protektionismus-Spirale

Solche Argumente scheint Trump zu ignorieren. Ihm gefällt nicht, dass mehr Mercedes-Fahrzeuge in New York zu sehen seien als Chevrolets in Deutschland. Ihn erzürnt, dass die europäischen Zölle auf US-Autos bei zehn Prozent liegen, während die USA nur drei Prozent auf eingeführte europäische Pkw erheben.

Egal ob Stahl- oder Autozölle - die Vertreter der Wirtschaftsverbände fürchten vor allem eines: die Protektionismus-Spirale. Zwar sei die direkte Wirkung von Stahlzöllen auf den Welthandel gering, die Abschottung würde aber Unsicherheit nähren und die Konjunktur belasten. "Das Risiko ist gestiegen, dass es zu einem Handelskrieg kommt, bei dem alle verlieren", warnt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Der Zollwettlauf der 1930er Jahre sei ein warnendes Beispiel.