Schielendes Sparschwein auf Euro-Münzen und -Scheinen

Ratssitzung der EZB in Riga Warum die Sparer noch nicht aufatmen können

von von Lothar Gries

Stand: 14.06.2018, 06:50 Uhr

Die Europäische Zentralbank könnte auf ihrer heutigen Ratssitzung in Riga ein Ende ihres Wertpapierkaufprogramms signalisieren. Gründe dafür gibt es reichlich. Doch Vorsicht: Ein Ende der lockeren Geldpolitik ist deshalb nicht in Sicht. Das liegt auch an Italien.

Fast zwei Billionen Euro hat die Europäische Zentralbank (EZB) inzwischen für den Kauf von Staatsanleihen ausgegeben. Rechnet man die Firmenanleihen, Hypothekenpapiere und Pfandbriefe mit dazu, die ebenfalls auf der Erwerbsliste stehen, sind es bereits unfassbare 2,4 Billionen, also 2.400 Milliarden.

Doch mit der Kauforgie soll bald Schluss sein. Nach bisherigen Planungen läuft das Programm Ende September aus. Tatsächlich? Denkbar sind derzeit vor allem zwei Szenarien: So könnte die EZB die Käufe ab Oktober sofort einstellen. Das erwarten nur die wenigsten Ökonomen. Als realistischer gilt vielmehr ein Abschmelzen der Käufe, so dass das Programm etwa bis zum Jahresende ausläuft.

Geringer Spielraum

Peter Praet, Mitglied des EZB-Direktoriums

Peter Praet, Mitglied des EZB-Direktoriums. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Ob die Notenbank dies bereits auf der heutigen Ratssitzung beschließt, bleibt abzuwarten. Denn der Zeitpunkt dafür ist eher ungünstig. Die Konjunktur kühlt sich gerade spürbar ab - auch in Deutschland wie die jüngsten Daten zeigen. Die Notenbank würde also ein Ende ihres Kaufprogramms ausgerechnet dann verkünden, wenn es wirtschaftlich nicht mehr ganz so rund läuft. Zum anderen ist auch die Teuerung noch unzureichend. Die Gesamtinflation ist im Mai zwar wieder in die Nähe des EZB-Zielwerts von knapp zwei Prozent gestiegen, die Kernrate liegt aber immer noch deutlich tiefer.

Trotzdem sind die Erwartungen an das Notenbank-Treffen hoch, nachdem Chefvolkswirt Peter Praet die Diskussion über das Ende der Anleihenkäufe öffentlich auf die Agenda setzte. Zudem erscheint eine Verlängerung des Kaufprogramms kaum möglich, weil die Anleihemärkte weitgehend leer gefegt sind.

Fragile Lage

Doch selbst wenn die EZB bereits heute Klarheit über das Anleihekaufprogramm schaffen sollte, bedeutet das noch lange kein Ende der der Nullzinspolitik. Die meisten Bankvolkswirte gehen davon aus, dass die Notenbank ihren Leitzins nur sehr langsam anheben wird, vermutlich beginnend mit einem ersten Trippelschritt im Lauf des kommenden Jahres. "Darauf werden wir wahrscheinlich bis Juli 2019 warten müssen", prognostizieren die Experten der Bank of America Merrill Lynch.

Denn die Lage in den hochverschuldeten Ländern der Eurozone - allen voran in Italien - bleibt fragil. Dies gilt umso mehr, als die neue Regierung in Rom aus Lega und 5-Sterne-Bewegung die öffentlichen Ausgaben zur Ankurbelung des Wachstums in die Höhe treiben will. Das hat am Rentenmarkt bereits für Turbulenzen gesorgt. Auch der Euro musste Federn lassen.

Staatsverschuldung einiger EU-Staaten in Relation zum BIP

Staatsverschuldung einiger EU-Staaten in Relation zum BIP. | Bildquelle: Statista, Grafik: boerse.ARD.de

Risiken des Euro-Projekts

"Die jüngste Regierungskrise in Italien und die Unruhe an den Anleihemärkten haben Investoren einmal mehr an die Risiken des ganzen Euro-Projekts erinnert“, erklärt SEB-Analyst Carl Hammer. Zwar hat die neue italienische Regierung Spekulationen dementiert, sie wolle aus dem Euro austreten, doch wäre eine Zinswende derzeit das letzte was das Land gebrauchen könnte.

Italienische Euromünze vor angeschrammter italienischer Flagge

Italienischer Euro. | Bildquelle: picture alliance/chromorange

Die Experten der DZ Bank weisen zudem darauf hin, dass ein Zinsanstieg in Ländern wie Italien, Spanien und Portugal zahlreiche Unternehmen in die Pleite treiben werde. Denn dort seien in den letzten Jahren eine Reihe sogenannter Zombie-Firmen entstanden, die nicht mehr wettbewerbsfähig seien und sich nur dank der Nullzinspolitik über Wasser halten könnten. Im Falle von Italien komme erschwerend der hohe Anteil kurzfristiger Kredite und Überziehungen hinzu. Ein Zinsanstieg würde diese fragilen Firmen so stark belasten, dass sie zusammenbrechen - mit entsprechenden Folgen für die Banken und anderen Unternehmen, die dann auf ihren Forderungen sitzen bleiben würden.

Anleihen von einer Billion Euro

Außerdem werde eine Pleitewelle bei Zombie-Unternehmen, die Konjunktur so stark belasten, dass das ganze Land erneut in eine Rezession gestürzt würde, warnen die Fachleute der DZ Bank.

Als besonders gefährdet in Italien gilt auch der Bankensektor. Denn die Geldhäuser sitzen auf einem Berg fauler Kredite im Höhe von 360 Milliarden Euro. In ihren Bilanzen schlummern zudem Anleihen des italienischen Staates im Volumen von rund einer Billion Euro. Eine Zinswende könnte dieses Kartenhaus also zum Einsturz bringen und eine neue Finanzkrise auslösen.

Auch die Commerzbank betroffen

Michael Klaus, einer der Partner der Frankfurter Privatbank Metzler, warnt, Italien beginne nicht erst südlich des Brenner, sondern reiche bis an den Main. Er sorgt sich wegen der italienischen Verbindlichkeiten, die bei einigen deutschen Banken liegen. So halte allein die Commerzbank fast zehn Milliarden Euro in italienischen Staatsanleihen, was immerhin 43 Prozent von deren Kernkapital entspreche. Er glaube zwar nicht, dass durch die italienische Krise "griechische Verhältnisse“ drohen. Sie könne aber dazu führen, dass der Euro in schweres Fahrwasser gerate, so Klaus.

Da ist es womöglich nur ein schwacher Trost, dass der neue italienische Finanzminister vanni Tria Italiens Zukunft im Euro garantieren will. "Die Position der Regierung ist eindeutig und einhellig. Ein Euro-Austritt kommt nicht in Frage", sagte der Wirtschaftsprofessor der Zeitung "Corriere della Sera".

Sicher ist, dass angesichts derartiger Verwerfungen ein Ende der Nullzinspolitik in der Eurozone in weite Ferne rückt. Das Leiden der deutschen Sparer, die ihr Geld immer noch bevorzugt auf Sparkonten transferieren, statt es in Aktien oder andere Wertpapiere zu investieren, ist also noch nicht vorbei.