händler an der New York Stock Exchange
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Fed dämpft Erwartungen Warum die US-Anleger enttäuscht sind

Stand: 01.08.2019, 08:38 Uhr

Wie erwartet hat die US-Notenbank die Leitzinsen um 0,25 Prozent gesenkt. Bis dahin reagierten die Anleger besonnen. Erst als Fed-Chef Jerome Powell andeutete, dass es vorerst keine weitere Lockerung geben werde, sackten die Kurse ab. Ist die Fantasie an den Börsen damit vorbei?

Zwar ließ Jerome Powell die Tür zu weiteren Zinssenkungen einen Spalt weit offen, doch die Hoffnung vieler Investoren auf eine weitere Lockerung bereits im September ist vorerst zerstoben. Denn in seinem Auftritt vor der Presse machte Powells unmissverständlich klar, dass die gestrige Zinssenkung nicht den Auftakt für einen neuen Zinssenkungszyklus einleitet. Damit sorgte er bei vielen Investoren für Ernüchterung.

Entsprechend kräftig drückten sie auf den Verkaufsbutton. Der Dow-Jones-Index der Standardwerte verlor bis zum Börsenschluss 1,23 Prozent oder 333,75 Punkte und schloss bei 26.864 Punkten. Der breiter gefasste S&P-500 gab 1,1 Prozent auf 2.980 Zähler nach. Damit verzeichneten beide Indizes ihren höchsten Tagesverlust seit dem 31. Mai. Die Kurse waren zwischenzeitlich sogar noch stärker unter Druck, so sackte der S&P 500 um bis zu 1,6 Prozent ab.

Bleibt nicht die einzige Zinssenkung

Erst nachdem Powell ein Stück zurückruderte und versicherte, dass die gestrige Zinssenkung nicht das Ende einer expansiven Geldpolitik bedeutet, weitere Lockerungen also folgen könnten, erholten sich die Kurse wieder etwas. "Lassen Sie mich klarstellen: Ich habe gesagt, es ist nicht der Beginn einer langen Reihe von Zinssenkungen. Ich habe aber nicht gesagt, dass es sich nur um eine Zinssenkung handelt."

Die Entscheidung der Fed fiel nicht einstimmig. Zwei Notenbanker in dem geldpolitischen Ausschuss FOMC stimmten gegen die Zinssenkung. Die regionalen Zentralbanker Esther George und Eric Rosengren wollten den Leitzins lieber unverändert lassen. George und Rosengren gelten beide als Befürworter eher hoher Leitzinsen.

Dow Jones Ind.: Kursverlauf am Börsenplatz Citigroup für den Zeitraum 1 Woche
Kurs
28.988,57
Differenz relativ
-0,59%
S&P 500 Ind.: Kursverlauf am Börsenplatz Citigroup für den Zeitraum 1 Woche
Kurs
3.295,26
Differenz relativ
-0,95%
Nasdaq 100: Kursverlauf am Börsenplatz NASDAQ Indizes für den Zeitraum 2 Jahre
Kurs
9.141,47
Differenz relativ
-0,82%

Vorsichtsmaßnahme

Powell nannte drei Gründe, warum die Fed ihren Leitzins reduzierte. Zunächst sei der Schritt eine Versicherung gegen wirtschaftliche Risiken. Damit erscheint die Entscheidung als eine Art vorbeugende Maßnahme, denn noch zeigt die US-Wirtschaft kaum Anzeichen von Schwäche. Die Arbeitslosenquote lag im Juni bei nur 3,7 Prozent. Das Wachstum der Wirtschaft ist robust, hat sich aber von 3,2 Prozent im ersten Quartal auf 2,1 Prozent im zweiten Quartal verlangsamt. Die Inflation indes liegt unter dem Ziel der Notenbank von zwei Prozent.

Darüber hinaus unterstütze die Zinssenkung die wirtschaftliche Entwicklung in den USA. Drittens helfe der Schritt, die verhaltene Inflation anzuheben. "Wir denken, der Schritt wird diesen Zielen dienen", sagte Powell. Konkret nannte Powell Risiken im Handel als Grund für die Zinssenkung. Damit dürfte er auch auf den Handelsstreit zwischen den USA und China angespielt haben.

Zudem verwies der Fed-Chef auf andere Notenbanken, die ihre Geldpolitik ebenfalls gelockert haben oder darüber nachdenken. Zuletzt hatten die Europäische Zentralbank (EZB) und - in schwächerem Ausmaß - die japanische Notenbank ihre Bereitschaft signalisiert, sich gegen wirtschaftliche Risiken zu stemmen.

Für Trump sind 0,25 Prozent zu wenig

Der Leitzins, die sogenannte Federal Funds Rate, ist der Zinssatz, zu dem sich Geschäftsbanken über Nacht Geld leihen. Eine Senkung des Zinssatzes verbilligt Kredite, weswegen Firmen leichter investieren können und viele Bürger weniger für Schuldendienst ausgeben müssen und damit mehr Einkommen zur Verfügung haben.

Mit der Zinssenkung kam die Notenbank auch ihrem prominentesten Kritiker - Präsident Donald Trump - entgegen. Der wettert seit Monaten gegen den Kurs der Notenbank und fordert niedrigere Zinsen. Noch am Dienstag hatte er die Notenbank angesichts der erwarteten leichten Senkung des Leitzinses zu einem größeren Einschnitt aufgefordert.

Folglich kritisierte er die gestrige Entscheidung als unzulänglich. Powell habe die USA einmal mehr "im Stich gelassen". Er begrüßte allerdings, dass die Bank die Drosselung ihres Anleihekaufprogramms beenden will. Die Notenbank hätte damit "nie anfangen sollen", schrieb Trump weiter.

Zinsfantasie kommt zurück

Viele Experten sind überzeugt, dass der gestrige Zinsschritt nicht der letzte sein wird. Nathan Sheets, Chefvolkswirt bei PGIM Fixed Income, sagte: "Powell hat keine konkreten Zusagen für zukünftige Zinssenkungen getätigt. Allerdings ist es eher unwahrscheinlich, dass der heutige Zinsschritt ausreichen wird, um die Ziele der Fed in Bezug auf Inflation und konjunkturelle Unterstützung zu erreichen. Weitere Impulse sind in Vorbereitung. Die Frage ist, wie viel und wann?" Damit dürfte auch die Zinsfantasie an den Börsen nach einer Zeit der Ernüchterung wieder an Fahrt gewinnen - und den Kursen neuen Schwung verleihen.

lg