Venezolaner versuchen 100-Bolivares-Scheine zu wechseln

Hyperinflation Venezuela: Inflationsrate von einer Million Prozent

Von Marcus Pfeiffer

Stand: 24.07.2018, 13:32 Uhr

Venezuela kämpft mit einer massiven Hyperinflation. Bis zum Ende des Jahres rechnet der Internationale Währungsfonds mit einer riesigen Inflationsrate, die an Deutschland während der Weimarer Republik erinnert.

140 Gramm Dosen-Thunfisch für mehr als sechs Millionen Bolívar, ein Kilo Fleisch für mehr als fünf Millionen Bolívar. Diese venezolanischen Preise von Ende Juni erinnern stark an das, was die Deutschen im Hyperinflationsjahr 1923 erlebt haben. Damals kam es zu einer ähnlich rasanten Geldentwertung und tatsächlich zieht der Internationale Währungsfonds (IWF) in einem aktuellen Bericht Parallelen zwischen damals und heute - angesichts einer erwarteten Steigerung der Inflationsrate um eine Million Prozent bis zum Ende des Jahres.

Tägliche Preissteigerungen von drei Prozent

Marktstand in Caras, Venezuela

Marktstand in Caras, Venezuela: Auch hier steigen die Preise. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Dabei waren die New Yorker IWF-Analysten im April noch optimistischer: Damals war noch von einer Steigerung von bis zu 13.000 Prozent bis zum Ende des Jahres die Rede. Doch die Preise in Venezuela steigen und steigen. Fast jeden Tag um drei Prozent.

Der Anstieg ist so stark, dass die Buchhaltungs- und Kassensysteme gar nicht mehr mithalten. Alle zwei Stunden müssen die Angestellten in vielen Geschäften aktuell überprüfen, ob die Gesamtabrechnung nicht schon 100 Millionen Bolívar übersteigt. Bei allen Beiträgen darüber streiken die Systeme.

Als Hauptgründe für diese rasante Geldentwertung gelten die wirtschaftliche und die politische Situation Venezuelas. Im dritten Jahr in Folge sinkt das reale Bruttoinlandsprodukt in zweistelliger Höhe, in diesem Jahr voraussichtlich um 18 Prozent. Das Haushaltsdefizit ist groß. Es gibt Wirtschaftssanktionen. Und der jahrelange innenpolitische Machtkampf zwischen Venezuelas Präsident Nicolás Maduro und der bürgerlichen Opposition tut sein Übriges. Zusätzlich ergreift die Regierung sogar noch Maßnahmen, die die Geldmenge weiter wachsen lassen: Die Steuerausgaben bleiben hoch. Den Menschen wurden außerplanmäßige Spezialboni und höhere Löhne gezahlt. Die Preis- und Devisenkontrollen wurden nicht aufgehoben.

DZ-Volkswirt: "Venezuela ist ein Einzelfall"

Dr. Michael Holstein, Leiter Volkswirtschaft bei der DZ Bank

Dr. Michael Holstein, Leiter Volkswirtschaft bei der DZ Bank, bezeichnet Venezuela als "Einzelfall". | Bildquelle: Unternehmen

Zwar soll im August eine Währungsumstellung kommen. Gegenüber dem alten Bolívar Fuerte sollen beim neuen Bolívar Soberano fünf Nullen gestrichen werden. Weitere Maßnahmen oder Reformen soll es aber nicht geben. Beobachter erwarten deswegen, dass die Währungsumstellung die Lage der Venezolaner nicht verbessern werde.

Und dennoch gilt: "Venezuela ist Einzelfall", sagt Michael Holstein, Leiter der Abteilung Volkswirtschaft bei der DZ Bank. "Das Land ist wirtschaftlich am Ende und versucht mit dem Drucken von Geld über die Runden zu kommen."

IWF: Inflation in Argentinien soll bis 2020 sinken

Argentinier stehen Schlange um Geld zu wechseln

Argentinien will die Inflation mit Hilfe des IWF in den Griff bekommen. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Ein weiteres Land mit sehr hohen Inflationsraten sei Argentinien, so Holstein. "Argentinien kämpft mit dem starken Dollar und einer sinkenden Landeswährung." Tatsächlich wies das Land im vergangenen Jahr die zweithöchste Inflationsrate auf dem lateinamerikanischen Kontinent aus. Dabei hatte der Staatschef bereits vor drei Jahren im Wahlkampf versprochen, die Inflation auf Null zu senken.

Was folgte war eine konsequente Fortsetzung der bisherigen Schuldenpolitik. Solange, bis sich Argentinien schweren Herzens zum zweiten Mal seit der Jahrtausendwende an den IWF wenden musste. Nach der Zusage von IWF-Finanzhilfen von bis zu 50 Milliarden US-Dollar und Argentiniens Zusage, sein Haushaltsdefizit in den Griff zu kriegen, erwartet der IWF eine Stabilisierung der Inflation bis 2020.

Weltweit sehr moderate Inflationsraten

Beim Blick auf den Rest der Welt zeigt sich: Die meisten Länder haben ihre Inflationsraten weitestgehend im Griff. "Bei den Industrieländern haben wir derzeit sehr niedrige Inflationsraten", sagt DZ-Volkswirt Holstein. "Bei den Schwellenländern haben wir die Tendenz einer moderaten Inflation, die im Schnitt bei vier bis fünf Prozent liegt."

In einigen Ländern wächst die Inflation zwar, aber bei weitem nicht so stark wie in Venezuela. Beispielsweise leidet in der Türkei die Kaufkraft unter der Inflation und der Schwäche der Lira. In Staaten wie Brasilien und Mexiko ist die Inflationsrate gerade rückläufig. In Japan muss die Notenbank sogar regelmäßig die Notenpresse anwerfen, weil die Inflationsrate seit fast zwei Jahrzehnten viel zu niedrig ist.

Schutzzölle könnten die Inflationsraten auf Vor-Globalisierungs-Niveau zurückbringen

Eurostapel

Die EU-Länder haben die Inflation im Griff. | Quelle: picture-alliance/dpa

Die Länder der Europäischen Union haben ihre Inflation unter Kontrolle. Das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank für den Euroraum sieht eine Inflationsrate von nahe, aber unter zwei Prozent vor. Aktuell ist sie in Deutschland etwas höher bei 2,1 Prozent, was aber laut DZ-Volkswirt Holstein sogar gut sei. "Das Inflationsziel der europäischen Zentralbank ist ein Durchschnittswert. Wenn Deutschland als stärkste Volkswirtschaft über dem Durchschnitt liegt, ist das angesichts niedrigerer Raten der anderen Länder sogar wünschenswert."

DZ-Volkswirt Holstein sieht die Gefahr dauerhaft niedrigerer Inflationsraten als gebannt. "Das Deflationsgespenst der Jahre 2015 und 2016 ist wieder verschwunden", sagt Holstein. Der mögliche Handelskrieg mit Schutzzöllen könnte die weltweiten Inflationsraten sogar etwas steigern lassen. "Wir haben uns die Inflationsraten aus den Jahren vor der Globalisierung in den 1980ern angesehen. Damals hatten die Industrieländer deutlich höhere Inflationsraten als heute."