Menschen stehen vor einer abgesperrten Straße, im Hintergrund die USA-Flagge,

Einbrüche im Einzelhandel und in der Industrie US-Wirtschaft steuert auf schwere Rezession zu

Stand: 15.04.2020, 16:41 Uhr

Die schlimmsten Befürchtungen wurden übertroffen. Die Coronakrise hat im März zu einem dramatischen Konjunktureinbruch in den USA geführt. Und für April sieht es noch düsterer aus.

Der viel beachtete Empire State Index, der die Stimmung in den Unternehmen in der Region um New York misst, ist im April auf ein Rekordtief gesackt. Er rutschte um 56,7 Punkte auf minus 78,2 Zähler, gab die regionale Notenbank von New York am Mittwochnachmittag bekannt. Der Indikator signalisiert damit einen beispiellosen Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität in der Region.

Ökonomen wurden von dem extremen Einbruch überrascht. Sie hatten im Schnitt lediglich mit einem Rückgang auf minus 35,0 Punkte gerechnet. Bereits im März war der Stimmungsindikator heftig eingebrochen.

Größter Rückgang der Industrieproduktion seit 1946

Die US-Industrie hat im vergangenen Monat wegen der Coronakrise ihre Produktion so stark gedrosselt wie seit 1946 nicht mehr. Die Betriebe stellten 6,3 Prozent weniger her als im Vormonat, teilte die Notenbank (Fed) am Mittwoch mit. Ökonomen hatten nur mit einem Rückgang von 3,2 Prozent gerechnet.

Die Märzdaten seien erst der Anfang der Katastrophe, meinte NordLB-Ökonom Bernd Krampen: "Die April-Daten zum New Yorker Empire State Index lassen erwarten, dass auch mindestens noch im laufenden Monat mit sehr unerfreulichen Indikatoren gerechnet werden muss. Erst eine langsame Lockerung des Lockdowns könnte dann vielleicht im Mai zu einer Bodenbildung führen - im besten Falle."

"Mit einer deutlichen Erholung im April ist nicht zu rechnen, da die Infektionszahlen in den USA weiter steigen und der Lockdown fortbesteht", meint auch Heleba-Ökonom Patrick Boldt. Die Industrie, die etwa elf Prozent zum Bruttoinlandsprodukt der weltgrößten Volkswirtschaft beiträgt, war bereits vor der Zuspitzung der Corona-Krise schlecht in Form. Dazu trugen die Probleme des Flugzeugbauers Boeing mit seinem Modell 737 MAX ebenso bei wie der Preiskrieg der Öl-Staaten Russland und Saudi-Arabien, der den amerikanischen Förderfirmen mit der kostspieligeren Fracking-Technik zu schaffen macht.

Einzelhandelsumsätze schrumpfen so stark wie nie

Den Reigen der desaströsen Konjunkturdaten komplettierte der US-Einzelhandel. Trotz Hamsterkäufen fielen die Umsätze im März um 8,7 Prozent im Vergleich zum Vormonat. Das ist der stärkste Rückgang seit Beginn der Statistik 1992. Ökonomen waren von einem Minus von acht Prozent ausgegangen. Im Februar waren die Einnahmen nur um 0,2 Prozent gesunken. Wegen der Corona-Pandemie haben im vergangenen Monat Millionen Amerikaner binnen kurzer Zeit ihren Job verloren, während zahlreiche Geschäfte geschlossen bleiben müssen.

Die Kunden hielten sich vor allem mit dem Kauf von Bekleidung zurück: Hier halbierte sich der Umsatz im März. Auch die Autoverkäufe schrumpften um mehr als ein Viertel. Das Geschäft mit Lebensmitteln und Getränken wuchs hingegen gegen den Trend um fast 26 Prozent. Die Panikkäufe in Supermärkten konnten die Ausgabenkürzungen in anderen Bereichen nicht ausgleichen. Der private Konsum steuert rund zwei Drittel zum Bruttoinlandsprodukt der weltgrößten Volkswirtschaft bei und ist deshalb Taktgeber für die Konjunktur.

"Wirtschaft fast im freien Fall"

"Die Wirtschaft befindet sich fast im freien Fall", sagte Sung Won Sohn, Professor für Betriebswirtschaft an der Loyola Marymount University in Los Angeles. "Wir werden den Tiefpunkt erst sehen, wenn sich die Infektionsraten stabilisieren." Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet damit, dass die weltgrößte Volkswirtschaft in diesem Jahr um 5,9 Prozent einbrechen wird.

Im laufenden Quartal könnte die US-Wirtschaft gar um acht Prozent schrumpfen. Darauf deutet das Penn Wharton Budget Model der betriebswirtschaftlichen Fakultät der University of Pennsylvania hin. Dies wäre der tiefste Einbruch seit dem Zweiten Weltkrieg.

"Rasches Zurück wird es nicht geben!"

Die Zwangspause der Konsumenten mache sich bemerkbar, kommentierte Volkswirt Thomas Gitzel von der VP Bank in Liechtenstein die Einzelhandelsdaten. "Auch wenn der Konsum in den kommenden Monaten wieder anziehen wird, ein rasches Zurück zu den altbekannten Niveaus wird es vorerst nicht geben", schrieb er. Wirtschaftliche Unsicherheit und eine höhere Sockelarbeitslosigkeit dürften den Amerikanern noch für längere Zeit die Laune am "Shoppen" vermiesen.

nb