Corona-Krise US-Notenbank senkt überraschend Leitzins

Stand: 03.03.2020, 17:10 Uhr

Gerade noch hatten die Aktienmärkte enttäuscht auf das Treffen der Finanzminister und Notenbanker der sieben führenden Industrieländer reagiert. Doch dann ließ die Fed Taten folgen.

So gab die amerikanische Notenbank am Nachmittag, eine halbe Stunde nach Handelsbeginn an der Wall Street, eine überraschende Zinssenkung bekannt. Der Leitzins wird auf eine Spanne von 1,0 bis 1,25 Prozent gesenkt - und zwar um einen halben Prozentpunkt.

Zuletzt hatte die US-Notenbank ihren Leitzins am 30. Oktober 2019 um 0,25 Prozentpunkte gesenkt. Nach der dritten Zinssenkung in Folge seit Juli lag der Leitzins im Korridor von 1,5 bis 1,75 Prozent.

Die nächste reguläre Sitzung der Notenbank, bei der über die Höhe des Leitzinses entschieden werden sollte, sollte eigentlich erst in zwei Wochen stattfinden.

Wachstumsdelle befürchtet

Die Notenbank hatte bereits Ende vergangener Woche erklärt, dass sie die Auswirkungen der Epidemie des neuen Coronavirus aufmerksam verfolge und notfalls zu handeln bereit sei. US-Präsident Donald Trump forderte die - von der Regierung unabhängige - Notenbank wegen der Auswirkungen des Coronavirus wiederholt zu Zinssenkungen auf. Er fürchtet - wohl auch im Hinblick auf die Präsidentschaftswahl im November - infolge der Epidemie eine Wachstumsdelle.

Die Aktienmärkte reagierten zunächst begeistert auf die Lockerung der Geldpolitik. Der Dow Jones-Index drehte ins Plus, nachdem er zuvor noch ein Prozent schwächer notierte. Auch der Dax in Frankfurt sprang um 100 Punkte in die Höhe und markierte bei 12.272 Punkten ein neues Tageshoch. Auch der Euro schoss kräftig in die Höhe. Mittlerweile sind die Aktienkurse wieder zurückgefallen.

Dow Jones Ind.: Kursverlauf am Börsenplatz Citigroup für den Zeitraum Intraday
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24.784,01
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+1,27%

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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11.391,28
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+2,87%
Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
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1,0917
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+0,20%

Mit der überraschenden Maßnahme reagiert die Notenbank auf die Ausbreitung des Coronavirus, das nach Ansicht der meisten Ökonomen die gesamte Weltwirtschaft in Mitleidenschaft ziehen wird. Schon seit Montag war an den Aktienmärkten über geldpolitische Stützungsmaßnahmen, möglicherweise sogar eine global konzertierte Aktion spekuliert worden.

Was bringt eine Zinssenkung?

Wirtschafts- und Finanzkrisen werden typischerweise durch Engpässe in der Geldversorgung verschärft. So kam in der jüngsten Finanzkrise das Interbankengeschäft zeitweise völlig zum Erliegen. Geldspritzen der Notenbanken versprechen hier Linderung. Für die Finanzmärkte ist vor allem die psychologische Wirkung wichtig. Die Notenbanken signalisieren, dass sie die Märkte für die Dauer der Krise stützen wollen. Dabei bewegen sich die Geldpolitiker auf einem schmalen Grat. Handeln sie früh und mit großen Schritten, kann bei den Märkten leicht der Eindruck entstehen, dass die Lage ernster ist als bisher gedacht.

Niemand weiß, wie hoch der Schaden sein wird

"Die Dimension und die Nachhaltigkeit der gesamten Auswirkungen auf die Wirtschaft bleiben jedoch in hohem Maße unsicher", sagte Powell. Die US-Wirtschaft sei an ihren Kerndaten wie dem Wachstum und der niedrigen Arbeitslosigkeit gemessen weiter gut aufgestellt, sagte Powell. Um einen möglichen Wachstumsrückgang zu vermeiden, entschloss sich die Fed aber zu einer präventiven Absenkung des Leitzinses. "Wir glauben, dass unser Handeln der Wirtschaft einen bedeutenden Anschub geben wird", sagte Powell.

Die Freude der Anleger währte aber nur kurz. Bereits eine Viertelstunde nach Bekanntgabe der Zinslockerung drehte die Wall Street wieder ins Minus. Auch in Frankfurt gab der Dax seine Gewinne wieder ab.

Auch EZB dürfte folgen

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, begrüßte den Schritt der Fed. Dass die US-Notenbank als erste reagiere, obwohl die US-Wirtschaft am wenigsten betroffen ist, zeige wie beunruhigt die Zentralbanken weltweit sind, so Krämer.

"Das signalisiert zudem, dass auch die EZB mehr machen wird. Wir erwarten eine Leitzinssenkung von zehn Basispunkten. Zudem dürfte sie das Volumen ihrer monatlichen Anleihenkäufe von 20 auf 40 Milliarden Euro für einen begrenzten Zeitraum von sechs Monaten aufstocken."

lg