Janet Yellen, den Kopf auf die Hand gestützt, schaut nachdenklich

Die US-Notenbank als Gefahrenquelle Unterschätzt der Markt das Fed-Risiko?

von Angela Göpfert

Stand: 19.09.2017, 13:49 Uhr

Zehn Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise macht sich die Fed bereit, geldpolitisches Neuland zu betreten. Doch die Finanzmärkte sind offenbar tiefenentspannt. Das könnte sich als Fehler erweisen.

4,5 Billionen – in Ziffern gefasst: 4.500.000.000.000 – Dollar schwer ist die Bilanzsumme der amerikanischen Notenbank Fed. Davon entfallen allein 2,5 Billionen Dollar auf US-Staatsanleihen.

Es sind gigantische Summen – denen die Fed nun den Kampf ansagt. Janet Yellen wird voraussichtlich an diesem Mittwoch den Startschuss für den Abbau der riesigen Bilanz geben. Der technische Terminus dafür lautet: Bilanzverkürzung.

Mit der Finanzkrise fing alles an

Doch wo kommt diese unglaubliche Summe von 4,5 Billionen Dollar überhaupt her? Während der weltweiten Finanzkrise und Großen Rezession 2007 bis 2009 hatte die Fed gigantische Mengen an Staatsanleihen und Hypothekenpapieren gekauft und so die Märkte gestützt.

Das hatte die Bilanzsumme der Fed enorm aufgebläht von 800 Milliarden auf über zwei Billionen Dollar. Selbst nachdem die Finanzkrise beendet war und es an den Börsen wieder steil bergauf ging, machte die Fed im gleichen Stile weiter, die Euro-Krise diente als eine der Ausreden.

Zwischen 2009 und 2014 verdoppelte sich die Bilanzsumme erneut auf nunmehr 4,5 Billionen Dollar.

Die Bilanzsumme der Fed

Die Bilanzsumme der Fed. | Bildquelle: St. Louis Fed

Nur ein Schulterzucken?!

Zurzeit sehen die Finanzmärkte der erwarteten Bilanzreduzierung, bei der etwa fällige US-Staatsanleihen nicht durch neue ersetzt werden, recht gelassen entgegen.

»Dies wurde von der Fed sorgfältig vorbereitet und breit kommuniziert und dürfte daher von den Märkten mit einem Schulterzucken hingenommen werden.«

Commerzbank-Volkswirt Bernd Weidensteiner

Auf unbekanntem Terrain

Doch eine solche nonchalante Haltung verkennt ein wenig den Ernst der Lage. Fakt ist: Wir befinden uns auf einem unbekannten geldpolitischen Terrain. Vorbilder aus der Vergangenheit, an denen man sich orientieren könnte, fehlen.

Es sei allerdings darauf hingewiesen, dass in der Vergangenheit die Märkte immer dann, wenn die Fed Änderungen ihres quantitativen Lockerungsprogrammes ankündigte, die Volatilität schlagartig anstieg.

Börsenschreck "Taper Tantrum"

Das sogenannte "taper tantrum" (abgeleitet von engl. temper tantrum - Wutanfall, Ausraster - und Tapering) bezeichnet die heftige Reaktion der Anleihemärkte im Mai 2013. Damals gab Fed-Chef Ben Bernanke bekannt, die Anleihekäufe zu reduzieren. Die Renditen schnellten daraufhin schlagartig in die Höhe. Das löste eine Art Schockwelle an den globalen Finanzmärkten aus, die insbesondere auch in den Schwellenländern zu heftigen Kursverwerfungen führte.

Anleihen-Crash ein mögliches Szenario

Das Risiko sprunghaft höherer Anleiherenditen dürfte folglich nicht so niedrig sein, wie viele glauben. Ein Anleihen-Crash wäre auch für die Aktienmärkte ein äußerst problematisches Szenario.

»Es scheint, als ob die Märkte unterschätzen, wie sich eine Bilanzreduzierung der Fed und ein schrittweiser Ausstieg aus dem QE-Programm auswirken dürften.«

Andrew Wilson, Europa-CEO von Goldman Sachs Asset Management

Jedes Wort auf die Goldwaage

Läutet also die Fed schon morgen einen heißen Herbst ein? Nicht zwingend. Es wird ganz darauf ankommen, wie vorsichtig Janet Yellen in ihrer Wortwahl sein wird und um welche Summen es gehen wird.

Zuletzt war von einem regelrechten Baby-Schritt die Rede: Laut Insidern soll die Bilanzsumme zunächst um zehn Milliarden Dollar pro Monat sinken. Sollte es dabei bleiben, so dürfte dieser erste Schritt die Finanzmärkte tatsächlich kaum jucken, gefährlich könnte es dann erst ab Runde zwei oder drei der Bilanzverkürzung werden.

Wer hat Recht: der Markt oder die Fed?

Ein weiteres Risiko für die Finanzmärkte geht vom Tempo der Zinserhöhungen der Fed aus. Auch hier könnte die US-Notenbank die Märkte auf dem kalten Fuß erwischen. Zwar hatten nach den jüngsten Inflationsdaten die Zinsspekulationen wieder zugenommen.

Doch nach wie vor erwarten nur 56 Prozent der Marktteilnehmer eine Zinserhöhung durch die Fed auf ihrer letzten Sitzung im Dezember. Das geht aus dem so genannten "Fed Watch Tool" der Chicagoer CME Group hervor. Bis Ende 2018 rechnen nur rund 60 Prozent der Anleger mit einem weiteren Zinsschritt.

Das Überraschungspotenzial liegt damit klar auf der Oberseite. Laut den "Fed Dots" vom Juni, die die Zinserwartungen der Notenbanker wiedergeben, rechnen nämlich 70 Prozent der FOMC-Mitglieder mit einer weiteren Zinserhöhung für 2017; 80 Prozent gehen davon aus, dass der Leitzins 2018 noch höher liegen wird.

"Nicht zu unseren Lebzeiten"!?

Erst im Juni 2017 sagte Fed-Chefin Janet Yellen bei einem Auftritt in London, sie sehe keine weitere Finanzkrise "zu unseren Lebzeiten". Eine gewagte Aussage, bedenkt man, dass ausgerechnet ihre Politik nun eine ebensolche auslösen könnte.

Schließlich ging jeder Finanzkrise - eine solche ereilt die Börsen übrigens im Schnitt alle sieben Jahre - eine deutliche Zinserhöhung voraus.

Fazit: Am Mittwoch steht einer der wichtigsten geldpolitische Entscheide des Jahres 2017 auf der Agenda. Anleger sollten das besser nicht auf die leichte Schulter nehmen.