Euromünze mit Deutschland-Flagge vor Europa-Flagge (Quelle u. Montage: Colourbox | boerse.ARD.de).

Alarmsignal? Target-Salden auf Rekordniveau

Stand: 08.07.2018, 16:31 Uhr

Deutschland und die Bundesbank stecken zunehmend in der Target-Falle. Die Verbindlichkeiten und Forderungen, die die Target-Salden abbilden, steigen und steigen. Sie sind inzwischen auf fast eine Billion Euro angeschwollen.

Sollte eines Tages der Euro verschwinden, könnte das die Bundesbank teuer zu stehen kommen. Denn die Ungleichgewichte im Zahlungssystem der europäischen Notenbanken, das sogenannte Target-System, werden immer größer. Im Juni erreichten die Forderungen der Bundesbank im Target-System ein neues Rekordniveau von 976 Milliarden Euro. Deutschland ist mit Abstand größter Gläubiger - vor Luxemburg und den Niederlanden. Die Target-Salden zeigen die Verbindlichkeiten und Forderungen an, die bei den nationalen Notenbanken durch die Zahlungsströme entstehen.

Italiens Verbindlichkeiten so hoch wie nie

Umgekehrt steigen die Target-Schulden anderer Länder. Vor allem in Italien. Die Verbindlichkeiten Italiens im Zahlungssystem der Euro-Notenbanken sind im Juni auf ein Rekordhoch von 480,9 Milliarden Euro gestiegen. Das zeigen am Freitag veröffentlichte Daten der italienischen Notenbank.

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Ökonomen sehen in den weiter angestiegen Salden Anzeichen für eine Kapitalflucht aus Südeuropa und Italien. Der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest, sprach Anfang Juni in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" von einem "Alarmsignal". Da die neue italienische Regierung angekündigt habe, die Staatsverschuldung auszuweiten und die europäischen Defizitregeln nicht länger zu akzeptieren, müsse man mit wachsender Kapitalflucht aus Italien rechnen. "Das fliehende Kapital wird durch Target-Kredite ersetzt", sagte Fuest. Dadurch verbessere sich die Verhandlungsposition Italiens gegenüber dem Rest des Euroraums.

Was passiert, wenn Rom aus der Euro-Zone austritt?

Der neue Europa-Minister Paolo Savona hat angekündigt, dass Italien im Fall eines Euroaustritts seine Target-Schulden nicht begleichen werde. "Die Bundesregierung sollte gemeinsam mit den europäischen Partnern und der EZB erörtern, wie ein weiteres Anwachsen der Target-Salden verhindert werden kann", forderte Fuest.

"Mit der neuen italienischen Regierung muss sich die Bundesregierung auf ein Worst-Case-Szenario bei den Target-Salden einstellen", sagte FDP-Fraktionsvize Christian Dürr der FAZ vom Samstag. Sollte Rom die Währungsunion verlassen, wären die Schulden wohl kaum einzutreiben. "Wenn ein Ausfall in Milliardenhöhe für den deutschen Steuerzahler droht, ist es für den Finanzminister höchste Zeit, das Thema auf die politische Agenda zu setzen", mahnt Dürr.

Fratzscher sieht kein Target-Salden-Problem

Nicht so dramatisch sehen andere Ökonomen die Lage. Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, sieht bei den Target-Salden momentan kein Problem. "Die Target-Salden verursachen im Moment keine Kosten oder sonstigen Nachteile", sagte Fratzscher der FAZ. Das Thema werde missbraucht. "Die Aufregung um die Target-Salden dient nur den Eurogegnern als Alibi, Stimmung gegen die gemeinsame Währung zu machen", glaubt er.

Auch das britische Analysehaus Oxford Economics hält die Target-Debatte für übertrieben. "Ein Austritt Italien aus dem Euro führte nicht zu einem finanziellen Armageddon für die EZB", schreiben die Ökonomen. Da die Target-Salden unbefristet seien, könnten sie nach einem Austritt Italiens zunächst einfach unverändert stehenbleiben: "Währenddessen würden Italiens Target-Verbindlichkeiten sinken, sobald eine abgewertete neue Lira ausländisches Kapital anzieht."

Hans-Werner Sinn wies früh auf die Gefahren hin

Die Diskussion um die Target-Salden hatte der frühere Präsident des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, angestoßen. In seinem Buch "Die Target-Falle" wies er auf die Gefahren der Ungleichgewichte im Zahlungssystem der Zentralbanken hin. Er befürchtet, dass Deutschland die Forderungen nie einlösen kann.

nb