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ZEW-Index deutlich besser als erwartet Stimmung in der deutschen Wirtschaft hellt sich auf

Stand: 10.12.2019, 11:49 Uhr

Während der Abschwung in der deutschen Industrie weitergeht, haben sich die Konjunkturerwartungen der Finanzexperten im Dezember deutlich aufgehellt. Ist die Wirtschaft damit wieder auf Kurs?

Finanzexperten schätzen die Aussichten für die deutsche Konjunktur so positiv ein wie seit fast zwei Jahren nicht mehr. Das Barometer ihrer Erwartungen für die nächsten sechs Monate stieg im Dezember überraschend kräftig um 12,8 Zähler auf plus 10,7 Punkte, wie das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Dienstag zu seiner monatlichen Umfrage unter 198 Analysten und Anlegern mitteilte.

Das ist der beste Wert seit Februar 2018. Ökonomen hatten lediglich mit einem leichten Anstieg auf 0,0 Zähler gerechnet. Auch die Lage bewerteten die Experten besser. Der Anstieg basiere auf der Zuversicht, dass sich die deutschen Exporte und der private Konsum besser entwickeln werden als bisher gedacht, sagte ZEW-Präsident Achim Wambach.

ZEW-Konjunkturklimaindex Dezember 10,7

ZEW-Konjunkturklimaindex Dezember. | Bildquelle: ZEW, Grafik: boerse.ARD.de

Konjunkturelle Beschleunigung

"Diese Hoffnung wird gestützt von einem höher als erwarteten Außenhandelsüberschuss für Deutschland im Oktober, einem relativ robusten Konjunkturwachstum in der EU im dritten Quartal sowie einem stabilen deutschen Arbeitsmarkt."

Noch im August hatte der Erwartungsindex der vom ZEW befragten Experten ein Tief von minus 44,1 Punkten markiert. Sollte auch der in der kommenden Woche erwartete Ifo-Index zulegen, sei dies ein Zeichen für eine allmähliche konjunkturelle Beschleunigung im kommenden Jahr, erklärte Helaba-Volkswirt Ralf Umlauf.

Industrie bleibt fragil

Die eher ungünstige Entwicklung in der Industrie zeigt jedoch, dass die Konjunktur noch immer recht fragil ist. Tatsächlich hat sich der Abschwung in der deutschen Industrie im Oktober fortgesetzt. Die gesamte Produktion fiel im Vergleich zum Vormonat um 1,7 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Freitag mitgeteilt hatte.

Neufahrzeuge stehen zur Verschiffung auf dem VW-Autoterminal bereit

VW-Autoterminal. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Analysten hatten im Schnitt mit einem leichten Anstieg um 0,1 Prozent gerechnet. Bereits im Vormonat war die Produktion gesunken. Das Bundesamt meldete für September einen Rückgang um 0,6 Prozent und bestätigte damit vorläufige Ergebnisse. Gegenüber dem Vorjahresmonat fiel die Produktion im Oktober um 5,3 Prozent und damit deutlich stärker als erwartet. Belastet wurde die Lage der deutschen Industrie vor allem von den die gesamte Wirtschaft dominierenden Autobauern und ihren Zulieferern. Sie leiden unter dem Umbruch der gesamten Branche vom Verbrenner zum Elektroauto.

Maschinenbauer unter Druck

Auch die Auslieferungen der deutschen Maschinenbauer kommen nur nur noch mühsam voran. In den ersten neun Monaten dieses Jahres legten sie nach Angaben des Statistischen Bundesamts lediglich um nominal 0,6 Prozent oder 0,82 Milliarden Euro auf 134,6 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr zu.

Im ersten Quartal hatten die Ausfuhren (nach korrigierten Zahlen) noch ein Plus von 3,9 Prozent erreicht. Im zweiten und dritten Quartal 2019 verbuchten die Maschinenbauer dagegen ein Exportminus von respektive 0,8 und 1,1 Prozent.

"Eine Trendumkehr ist vorerst nicht in Sicht. Die Maschinenbauunternehmen verzeichnen seit Monaten Orderrückgänge gleichermaßen im In- und Ausland", sagte VDMA-Chefvolkswirt Ralph Wiechers. "Insofern wird es schwer werden, das nominale Exportplus für das Gesamtjahr 2019 zu halten."

OECD erwartet Dauerflaute

Gleichwohl ist die deutsche Wirtschaft einer technischen Rezession im dritten Quartal knapp entkommen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) lag um 0,1 Prozent höher lag als im Vorquartal. Noch im August hatte der Erwartungsindex ein Tief bei minus 44,1 Punkten markiert. Sollte auch der Ifo-Index zulegen, mehren sich die Zeichen für eine allmähliche konjunkturelle Beschleunigung im kommenden Jahr.

Und wie geht es nun weiter? Die Industriestaaten-Organisation OECD sagt der deutschen Wirtschaft wenig schmeichelhaft eine Dauerflaute voraus. Sowohl im zu Ende gehenden als auch im kommenden Jahr sowie 2021 dürfte das Bruttoinlandsprodukt jeweils um weniger als ein Prozent wachsen. 2018 hatte es noch zu einem Plus von 1,5 Prozent gereicht.

Deutschland stagniert, aber schrumpft nicht

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Damit scheint sich zu bestätigen, was Ökonomen wie der Sachverständigenrat ("Fünf Weisen") schon seit längerem prognostizieren: Deutschland stagniert, aber es schrumpft nicht. Zudem bleibt die Arbeitslosigkeit niedrig. Und finanziell stehen Staat und Unternehmen, auch viele Bürger, weiterhin sehr solide da.

Die Anleger an der Frankfurter Börse reagierten erleichtert auf die neueste ZEW-Umfrage. Der Dax konnte seine Verluste von zeitweise 200 Punkten um gut 50 Punkte verringern.

lg

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Stimmen zum ZEW-Index Langsam aus dem Konjunkturtal

Thomas Gitzel, Volkswirt bei der VP-Bank

Thomas Gitzel, Volkswirt bei der VP-Bank, Liechtenstein:
"Die Botschaft lautet: Wir haben die Talsohle erreicht, ohne dass sich daraus eine dynamische wirtschaftliche Erholung ableiten lässt. Der aktuelle Abschwung gestaltet sich in Anbetracht zahlreicher struktureller Herausforderungen als wesentlich komplexer als sonst übliche Phasen wirtschaftlicher Abkühlung. Stichworte sind: Handelskonflikte und die Umstellung vom Verbrennungsmotor auf den Elektroantrieb."