Inverse Zinskurve Stehen die USA vor einer Rezession?

Stand: 05.12.2018, 15:33 Uhr

Fünfjährige US-Anleihen werfen derzeit eine niedrigere Rendite ab als zweijährige. Eigentlich müsste es umgekehrt sein. An der Wall Street hat diese inverse Zinskurve Konjunkturängste ausgelöst. Ist das Panikmache oder eine berechtigte Sorge?

Tatsächlich gilt eine inverse Zinskurve als Indiz für eine bevorstehende Rezession. "Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich die US-Zinskurve achtmal invertiert und jedes Mal folgte darauf eine Rezession", warnt Analyst Jochen Stanzl vom Online-Broker CMC Markets.

Auch jetzt sei die Angst begründet. Vor allem der Zollstreit zwischen den USA und China könnte den Aufschwung abwürgen und die amerikanische Volkswirtschaft in eine Rezession stürzen. Zwar habe US-Präsident Donald Trump einen Burgfrieden verkündet, eine Bestätigung durch die Regierung in Peking stehe aber noch aus.

Abstand so niedrig wie zuletzt 2007

Außerdem sei zweifelhaft, ob die beiden weltgrößten Volkswirtschaften eine dauerhafte Lösung für den Konflikt finden. In den USA werfen fünfjährige Treasury Bonds mit 2,791 Prozent derzeit weniger ab als zweijährige Titel, die mit 2,799 Prozent rentieren. Die zehnjährigen Papiere liegen mit 2,915 Prozent zwar noch leicht darüber, der Abstand war zeitweise aber so niedrig wie zuletzt beim Ausbruch der Immobilien- und Finanzkrise 2007.

Üblicherweise ist die Rendite einer länger laufenden Anleihe höher als die einer kürzer laufenden. Derzeit trennen sich viele Investoren aber von Letzteren. Sie rechnen dank der brummenden Konjunktur fest mit einer weiteren Zinserhöhung der US-Notenbank Federal Reserve im Dezember. Weitere Schritte könnten im kommenden Jahr folgen. Manche Experten wie Stefan Schneider von der Deutschen Bank rechnen sogar mit fünf zusätzlichen Zinsanhebungen durch die Fed.

Renditen amerikanischer Staatsanleihen

Renditen amerikanischer Staatsanleihen. | Grafik: boerse.ARD.de

Droht eine Rezession?

Stehen die USA also trotz der derzeit brummenden Konjunktur und der niedrigsten Arbeitslosigkeit seit 40 Jahren vor einer Rezession? Neil Wilson, Chef-Analyst des Online-Brokers Markets.com warnt vor Panik. "Ja, die Inversion ist ein Warnsignal, aber es besteht kein Kausal-Zusammenhang." Es gebe keine Anzeichen dafür, dass eine Rezession unmittelbar bevorstehe, sagt auch Sean Darby, der Aktienstratege der Investmentbank Jefferies. Auch der Einkaufsmanagerindex der amerikanischen Industrie bestätigte für November einen anhaltend robusten Zustand der Konjunktur. Anlagestratege Masahiro Ichikawa vom Vermögensverwalter Sumitomo Mitsui bezeichnet die aktuelle Entwicklung am US-Rentenmarkt deshalb als überzogen.

Die inverse Zinskurve könnte aber auch ein Signal für ein nahendes Ende des Zinserhöhungszyklus der Fed sein. Deren Präsident, Jerome Powell, hatte bereits eine "neutrale" Haltung der amerikanischen Geldpolitik angedeutet, und damit bei den Aktienanlegern für Begeisterung gesorgt.

DWS beruhigt

Die Experten der DWS, der Fondsgesellschaft der Deutschen Bank, sehen ebenfalls keine Anzeichen für eine Rezession in den USA. Sie verweisen auf einen anderen deutlich zuverlässigeren US-Konjunkturindex, den Conference Board US Leading Index. Dieser Frühindikator bündelt eine Reihe anderer Daten und weist in der Regel eine gute Erfolgsbilanz bei der Vorhersage der US-Konjunktur auf. Der letzte Indexwert des Board lag bei 5,9 Punkten, etwas rückläufig zwar, aber immer noch auf einem stattlichen Niveau, so die DWS-Experten.

Auf diesem Stand sei die US-Wirtschaft noch nie in eine Rezession geschlittert. "Gemäß den Erfahrungen der Vergangenheit hat es vom aktuellen Niveau aus im Durchschnitt noch drei Jahre gedauert, bis eine Rezession einsetzte", betont die DWS. Tatsächlich erwarten die allermeisten Volkswirte, dass sich das Wachstum der US-Wirtschaft im kommenden Jahr fortsetzt, auch wenn es etwas niedriger ausfallen dürfte als in diesem Jahr.

Oftmals sei es so, dass die Märkte eine mögliche Rezession zu schnell vorwegnähmen, während Ökonomen sie zu spät erkennen, heißt es dazu bei der DWS. "Anders ausgedrückt: Die Wahrheit kann durchaus in der Mitte liegen. Gemäß diesem Muster könnten wir es mit einer stärkeren Verlangsamung, aber nicht mit einer Rezession zu tun haben."

lg