Schlapper Luftballon in Deutschland-Farben
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Schwache Daten und kein Ende "Made in Germany" zieht nicht mehr

von Robert Minde

Stand: 06.09.2019, 12:00 Uhr

Nachrichten aus der deutschen Industrie gleichen derzeit eher einem Gang durchs Minenfeld. Egal, welche Kennziffer derzeit veröffentlicht wird, die Botschaft ist eindeutig. Die fetten Jahre neigen sich dem Ende zu, gleichzeitig naht das Rezessionsgespenst.

Eine Entwicklung, die für so manchen jüngeren Analysten und Marktbeobachter hierzulande wohl Neuland sein dürfte. Denn seit dem Ende der Finanzkrise im Jahr 2009 geht es mit der deutschen Konjunktur eigentlich nur bergauf.

Bis jetzt - denn die jüngsten Konjunkturdaten aus der Industrie sprechen eine andere Sprache. Mit dem am Morgen bekannt gewordenen Rückgang der Gesamtproduktion im Juli um 0,6 Prozent im Monatsvergleich setzt sich die Reihe der zuletzt schwachen deutschen Konjunkturdaten fort.

"Das dritte Quartal hat denkbar schlecht begonnen. Mangels Aufträgen steht eine Trendwende auch nicht bevor", kommentierte Alexander Krüger vom Bankhaus Lampe die neueste deutsche Konjunkturzahl.

Bereits gestern gab es eine Hiobsbotschaft von den Industrieaufträgen, wo die deutsche Wirtschaft im Monatsvergleich einen Rückgang von 2,7 Prozent verkraften musste. Im Jahresvergleich lag das Minus sogar bei 5,6 Prozent.

Industrieverbände warnen

Es ist ein Puzzle-Spiel aus schlechten Nachrichten. Erst am Mittwoch hatte der Verband der chemischen Industrie VCI, einer Schlüsselindustrie in Deutschland, Alarm geschlagen.

B5-Moderatorin Yvonne Unger
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B5 Börse 10.31 Uhr: Weniger Aufträge für Maschinenbauer

"Die erwartete Erholung der deutschen Industriekonjunktur in der zweiten Jahreshälfte bleibt aus", erklärte VCI-Präsident Hans Van Bylen und senkte zum dritten Mal in diesem Jahr die Prognose für das laufenden Jahr.

Für das laufende Jahr rechnet der VCI nun mit einem Rückgang der Produktion von sechs Prozent, der Branchenumsatz dürfte um fünf Prozent auf rund 193 Milliarden Euro sinken. Zuletzt war für Deutschlands drittgrößten Industriezweig nach der Autobranche und dem Maschinenbau ein drei Prozent niedrigerer Umsatz und ein Produktionsrückgang von vier Prozent angenommen worden. Auch die deutschen Maschinenbauer berichteten zuletzt über weniger Aufträge.

"Made in Germany" - Geschäftsmodell in Gefahr

Zahlen und Tendenzen, die weh tun. Denn Deutschlands Wohlstand basiert zu einem großen Teil auf der produzierenden Industrie - und die ist nun mal extrem exportlastig. Ob Automobile, Maschinen, chemische Produkte oder Produkte der Elektroindustrie - anders als die angelsächsischen Länder ist das Hochlohnland Deutschland weiter auch ein wichtiger Produktionsstandort mit breiter mittelständischer Industriedichte.

Handelskonflikt zwischen USA und China

USA China. | Bildquelle: imago images / Christian Ohde

Und damit trotz wettbewerbsfähiger Produkte besonders anfällig für eine Verschlechterung der globalen Konjunkturaussichten. Dies wird exemplarisch deutlich mit der derzeitigen "Mutter aller Krisen", dem amerikanisch-chinesischen Handelskonflikt (der auch ein politischer Konflikt um Einfluss und Macht ist).

Ein falscher Tweet von Donald Trump schickt sofort Schockwellen durch die Chefetagen der deutschen Autoindustrie, dem Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Kaum eine Branche hierzulande, die nicht direkt oder indirekt den Autobauern zuliefert und entsprechend verwundbar ist.

Kein Wunder daher, dass der wichtigste deutsche Konjunkturindikator, der Ifo-Geschäftsklimaindex, sich 2019 auf Talfahrt befindet. Er war im August bis auf 94,3 Punkte gefallen und markierte damit ein neues Jahrestief.

"Die Anzeichen für eine Rezession in Deutschland mehren sich", stellte Ifo-Chef Clemens Fuest denn auch nüchtern fest.

Ifo-Geschäftsklimaindex August 2019

Ifo-Geschäftsklimaindex August 2019. | Bildquelle: ifo, Grafik: boerse.ARD.de

Deutschland schon in der Rezession?

Kein Wunder also, dass sich Experten zunehmend Sorgen machen. So äußerte sich der Finanzchef von Goldman Sachs, Stephen Scherr, gegenüber dem Wirtschaftsnachrichtensender "CNBC" besorgt über die Konjunkturabkühlung in Deutschland.

Deutschland befinde sich in der Frühphase einer konjunkturellen Abkühlung, sagte Scherr. "Die allgemeine konjunkturelle Entwicklung in Deutschland ist ein großes Problem." Mit Bezug auf die Entwicklung an den Anleihemärkten erklärte er weiter: "Die Unsicherheit ist zum Teil auf den seit Monaten anhaltenden Handelskonflikt zwischen den USA und China zurückzuführen."

Deutsche Anleihen (mit dem Top-Rating AAA ausgestattet) werden gerade in Krisenzeiten gesucht, was mittlerweile selbst die Rendite der 30-jährigen Bundesanleihe ins Minus getrieben hat.

Ob sich Deutschland nach allgemeiner Lesart schon in der Rezession befindet, wird das dritte Quartal zeigen. Nachdem das BIP zwischen April und Juni um 0,1 Prozent gesunken war, ist bei einem weiteren Rückgang das berüchtigte "R-Wort" fällig.

Veränderung des BIP in Deutschland gegenüber dem Vorquartal

Veränderung des BIP in Deutschland gegenüber dem Vorquartal. | Bildquelle: Statista, Grafik: boerse.ARD.de

Konsumenten bleiben zuversichtlich

Aber es gibt auch Lichtblicke. Die deutschen Konsumenten sind (noch) nicht so stark im Krisenmodus wie die Industrie und stützen damit die Gesamtkonjunktur. Dies zeigt der neueste Bericht des Marktforschungsinstituts GfK.

"Trotz des konjunkturellen Gegenwindes bleibt das Konsumklima auf einem guten Niveau stabil", sagte der GfK-Konsumexperte Rolf Bürkl.

Börse hofft auf Zolleinigung - und Geldgeschenke

Die Zeichen, die die Börse setzt, sind derzeit noch widersprüchlich. An den Märkten hoffen die Anleger nämlich darauf, dass es vor allem im Handelsstreit zwischen den USA und China doch noch zu einer Einigung kommt. Aktuell verhandeln beide Seiten wieder, was sofort die Märkte (weltweit) anschiebt.

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Zwar haben im August Rezessionsängste bereits eine Vorgeschmack darauf gegeben, was passieren könnte, wenn diese Hoffnungen begraben werden, soweit ist es aber schlicht noch nicht. Hinzu kommt, dass die Notenbanken Gewehr bei Fuß stehen, gegenzusteuern - und gegen die Notenbanken zu spekulieren, dazu gehört auch für hartgesottene Investoren viel Mut, Rezessionsängste hin oder her.