Christine Lagarde

Euro-Wirtschaft im drastischen Schrumpfmodus Lagarde: Keine Chance mehr auf milden Einbruch

Stand: 27.05.2020, 14:53 Uhr

Es bleibt paradox: Während die Aktienmärkte eine V-förmige Erholung erleben, warnen die Notenbanker vor einem dramatischen Wirtschaftseinbruch.

So hat EZB-Präsidentin Christine Lagarde jegliche Hoffnung auf einen vergleichsweise milden Konjunktureinbruch in der Eurozone aufgegeben. Schlimmer noch: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) dürfte in diesem Jahr zwischen acht und zwölf Prozent sinken, sagte die Notenbankchefin heute in Frankfurt bei einer Veranstaltung mit Jugendlichen. Bislang waren die Währungshüter von einem Minus zwischen fünf und zwölf Prozent ausgegangen. Dieses Szenario sei mittlerweile überholt, betonte Lagardes Stellvertreter Luis de Guindos.

Bereits im ersten Quartal ist das BIP der Eurozone um 3,8 Prozent geschrumpft. Im laufenden zweiten Vierteljahr rechnen Experten mit einem Einbruch von bis zu 20 Prozent, nachdem die meisten Staaten mit umfangreichen Ausgeh- und Geschäftsbeschränkungen das öffentliche Leben zum Stillstand gebracht hatten.

Keine Schuldenkrise wie 2010

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Nach Pfingsten will die Notenbank im Rahmen ihrer Zinssitzung neue Prognosen zu Wachstum und Inflation veröffentlichen. Analysten halten es für gut möglich, dass die EZB dann ihr Corona-Wertpapierkaufprogramm PEPP von derzeit 750 Milliarden Euro ausweitet. Andeutungen in diese Richtung hatten zuletzt Frankreichs Notenbankchef Francois Villeroy de Galhau und EZB-Direktorin Isabel Schnabel gemacht.

Lagarde gab sich zuversichtlich, dass die Eurozone trotz stark steigender Staatsverschuldung nicht in eine neue Schuldenkrise wie in den Jahren ab 2010 gleiten werde. Als Begründung verwies sie auf die aktuell "extrem niedrigen" Zinskosten. Zur Bekämpfung der Corona-Krise sei der Einsatz von Schulden nicht nur zu empfehlen, es sei der richtige Weg.

Anleihekurse unter Druck

Tatsächlich versuchen die Europäer mit gigantischen Hilfspaketen die Auswirkungen der Pandemie für die Wirtschaft abzufedern. Ausgabenprogramme, die bereits seit Wochen die Aktienmärkte beflügeln - auch weil es immer weniger Alternativen zu Aktien gibt.

Informationen über einen 750 Milliarden Euro schweren Corona-Wiederaufbaufonds haben den Dax heute über 200 Punkte höher gehievt, während gleichzeitig die Kurse deutscher Staatsanleihen unter Druck gerieten. So fiel der für den deutschen Anleihemarkt richtungweisende Euro-Bund-Future am frühen Nachmittag um 0,1 Prozent auf 172,17 Punkte. Zehnjährige Bundesanleihen rentierten mit minus 0,41 Prozent. Besitzer dieser als besonders sicher geltenden Papiere mussten also Geld bezahlen, statt Gewinne einzufahren.

Italien und Spanien sind die größten Nutznießer

Notaufnahme in Zelten bei Piacenza

Italien wird wohl über 80 Milliarden erhalten. | Bildquelle: picture alliance / C. Furlan / LaPresse via ZUMA / dpa

Gleichzeitig wächst im Immobilienmarkt die Sorge vor deutlichen Preisrückgängen, auch wenn die Corona-Pandemie bislang noch keine gravierenden Auswirkungen auf den Markt für Bestandswohnungen hat. Umso mehr stürzen sich die Anleger auf den Aktienmarkt, wo die zunehmenden Lockerungen der Ausgehbeschränkungen die Hoffnung auf eine Belebung der Wirtschaft nähren.

Hinzu kommen die gigantischen Hilfsprogramme. Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen will ihre Pläne am Nachmittag im EU-Parlament vorstellen. Am stärksten dürften Italien und Spanien profitieren. Italien soll Insidern zufolge 82 Milliarden Euro an Zuschüssen erhalten, die nicht zurückgezahlt werden müssen, und 91 Milliarden in Form von Darlehen. Für Spanien sind 77 Milliarden Euro an Zuschüssen eingeplant und 63 Milliarden über Kredite. Laut "Handelsblatt" wird Deutschland 28,8 Milliarden Euro aus dem Fonds bekommen.

lg