Gebäude der FED in Washington

Ausblick auf die morgige Entscheidung Kann die Fed noch mehr tun?

Stand: 28.07.2020, 16:15 Uhr

Gespannt blicken Anleger und Ökonomen auf die Fed-Entscheidung am Mittwoch. Angesichts neuer Warnsignale vom Arbeitsmarkt dürfte die US-Notenbank ihre Bereitschaft für neue Geldspritzen betonen. Wird die Fed noch lockerer?

Die Stimmung unter den führenden Notenbankern Amerikas dürfte auf der heute beginnenden zweitägigen Sitzung des Offenmarktausschusses der Fed alles andere als gut sein. Denn die Welle von Corona-Neuinfektionen droht zunehmend die Konjunkturerholung in den USA zu bremsen. Das zeigt sich bereits am Arbeitsmarkt: Die Zahl der wöchentlichen Anträge auf staatliche Arbeitslosenhilfe stieg zuletzt erstmals seit fast vier Monaten wieder. "Wir sind noch nicht über den Berg. Die Wirtschaft läuft noch nicht normal", warnt Ökonom Bob Doll vom US-Vermögensverwalter Nuveen.

Präsident der Federal Reserve Jerome Powell

Präsident der Federal Reserve Jerome Powell. | Bildquelle: Imago

"Angesichts des in Teilen des Landes inzwischen außer Kontrolle geratenen Coronavirus wachsen die Zweifel an einer nachhaltigen Erholung der US-Wirtschaft", meint Ökonom Ulf Krauss von der Helaba. Dies dürfte auch die US-Währungshüter beunruhigen, da ihre Wirtschaftsprognosen für das zweite Halbjahr im Basis-Szenario auf einer Eindämmung der Epidemie in den USA fußen. Als sich die Fed-Führungsebene zuletzt im Juni traf, lag die Zahl der täglichen Neuinfektionen noch bei unter 20.000. Nun ist sie auf rund 70.000 gestiegen.

Anleihenkäufe verlängert

Die Fed dürfte deshalb ihren ultralockeren geldpolitischen Kurs erneut bestätigen. Bereits am Dienstnachmittag kündigte die US-Notenbank an, die aufgelegten Programme zum Ankauf von Anleihen zu verlängern. Anstatt bis Ende September werden diese nun bis Jahresende weitergeführt. Dies sorge für Planungssicherheit und stelle sicher, dass die Programme weiter zur Verfügung stünden, um die wirtschaftliche Erholung zu unterstützen, hieß es weiter.

Robert Halver

Robert Halver, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. | Bildquelle: Baader Bank

"Die Notenbank spielt weiter den barmherzigen Samariter", glaubt  Marktexperte Robert Halver von der Baader Bank. Sie werde "ein konsequenter Erfüllungsgehilfe der amerikanischen Fiskalpolitik bleiben, damit aus dem amerikanischen Weißkopfseeadler kein Pleitegeier wird".

Als kurzfristig größte Gefahr für die Binnenwirtschaft sieht die Fed die "Einkommensklippe", ein plötzliches Auslaufen der Corona-Nothilfeprogramme für Arbeitslose Ende Juli. Hier ist die Politik gefordert. Ein weiteres billionenschweres Corona-Hilfspaket soll die Sozialleistungen für die traditionell eher demokratisch wählenden Arbeitslosen verlängern.

Notfalls neue Liquiditätsspritzen

Die Fed werde sich am Mittwoch wohl von ihrer großzügigsten Seite zeigen, was die Versorgung der Märkte mit Liquidität angehe, prophezeit Analyst Stephen Innes vom Handelshaus Axicorp. Die Währungshüter werden deutlich machen, dass sie notfalls neue Konjunkturspritzen setzen können.

Nach Einschätzung der Commerzbank werde sich die Fed wohl klar lockerungsbereit zeigen, auch wenn jetzt noch nicht die Zeit für eine deutlich expansivere Ausrichtung der Geldpolitik gekommen sein dürfte. In der Corona-Krise hat die US-Notenbank massenhaft Wertpapiere gekauft sowie zahlreiche Notprogramme für Unternehmen und Verbraucher aufgelegt. Jetzt denken viele Analysten darüber nach, ob die Fed in die nächste Phase übergeht: von der ersten Krisenintervention hin zur Unterstützung der einsetzenden konjunkturellen Erholung.

Wird die Fed auch noch die Zinsstrukturkurve kontrollieren?

 Bernd Weidensteiner, Commerzbank

Bernd Weidensteiner, Commerzbank. | Bildquelle: Commerzbank

Möglicherweise garantiert die Fed dabei über eine lange Zeit hinweg ihr extrem niedriges Zinsniveau (Forward Guidance) oder denkt gar über die direkte Steuerung der Kapitalmarktzinsen nach (Yield Curve Control). Notenbankchef Jerome Powell könnte hierzu zumindest bereits erste Fingerzeige in diese Richtung geben, wenn er die Entscheidungen der Fed nach der Zinssitzung erläutert, mutmaßt Fed-Beobachter Bernd Weidensteiner von der Commerzbank. Die Notenbanker könnten signalisieren, dass sie die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen bei null Prozent verankern will, glaubt Stratege Halver von der Baader Bank.

Ob es dazu schon morgen konkrete Ankündigungen gibt, bezweifeln andere Experten. "Die US-Notenbank wird noch keine Kontrolle der Zinsstrukturkurve einführen", meint François Rimeu, Multi-Asset-Leiter des französischen Vermögensverwalters La Française. "Wir glauben, dass die Fed-Mitglieder es vorziehen zu warten, bis mehr ökonomische Klarheit herrscht."

Ansonsten dürfte es keine all zu großen Überraschungen geben, Kontinuität bleibt angesagt: Der Leitzins dürfte demnach in der Spanne von null bis 0,25 Prozent bleiben. Und auch das monatliche Volumen der Ankäufe von Staatsanleihen (80 Milliarden Dollar) und MBS-Hypothekenpapieren(40 Milliarden Dollar) wird wohl beibehalten.

Die meisten Ökonomen befürchten Ende der Erholung am Arbeitsmarkt

Es wird immer deutlicher, dass die Folgen der Pandemie einen langen Schatten auf die Wirtschaft werfen. In einer Ökonomen-Befragung der Nachrichtenagentur Reuters sagen fast zwei Drittel der rund 60 Teilnehmer, dass es zwei oder mehr Jahre dauern wird, bis das Vorkrisenniveau wieder erreicht ist. Fast 60 Prozent der Teilnehmer sehen zudem eine hohe oder sogar sehr hohe Gefahr, dass sich die Erholung am US-Arbeitsmarkt gegen Ende des Jahres umkehrt. Dahinter steht die Befürchtung, dass es im Herbst oder frühen Winter zu einer neuen Corona-Infektionswelle in den USA kommen könnte. "Es ist nicht sicher, dass es dazu kommt. Aber wenn doch, dürfte es die Wirtschaft treffen und uns ein negatives viertes Quartal einbrocken", warnte Ökonom Daniel Bachman vom Finanzberatungshaus Deloitte.

Deshalb sei die Fed willens und in der Lage, alles Notwendige zu tun. Präsident Powell werde zum wiederholten Male beteuern, dass die Notenbank für den Fall einer Verschlechterung der ökonomischen Perspektiven mit weiteren geldpolitischen Schritten bereit stehe, ist Carsten Mumm, Chefvolkswirt von Donner & Reuschel, überzeugt. "Sonst könnten Anleger enttäuscht reagieren und die Aktienmärkte ihre kurzfristige Konsolidierungstendenz vorerst fortsetzen", glaubt er. Daran freilich glaubt kaum einer. "Einen treueren Aktien-Freund als die Fed gibt es nicht", sagt Marktexperte Robert Halver. Wie schön!

nb