Demografie

Japanische Holzmasken

Weltwirtschaft vor dem Abschwung? Die japanische Krankheit

von Bettina Seidl

Stand: 22.09.2016, 11:10 Uhr

Alle haben Angst vor der japanischen Krankheit, dem gefährlichen Gemisch aus Rezession und Deflation. Japan leidet darunter seit Jahrzehnten. Die Alterung der Gesellschaft spricht dafür, dass die Weltwirtschaft von derselben Krankheit heimgesucht wird.

Der Absturz kommt aus heiterem Himmel: Die Wirtschaft lief bombig, alle machten gute Geschäfte. Dann kam der Crash. Die gewaltige Blase am Immobilienmarkt platzte. Die Rede ist nicht etwa vom Beginn unserer Finanzkrise anno 2007. Nein, wir schreiben das Jahr 1990. In Japan platzt die Immobilienblase und reißt alles mit sich. Der Anfang vom Abstieg der einstigen Wirtschafts-Supermacht. Die Preise sinken. Die Deflation lässt den Konsum erlahmen. Es folgen Jahrzehnte der Stagnation.

Der Aktienmarkt geht zu Boden. Der japanische Leitindex Nikkei, der seinen Höhepunkt oberhalb von 38.000 im Jahr 1990 erreicht hatte, erleidet einen mehr als zwei Jahrzehnte dauernden Abstieg. Erst im vorigen Jahr gab es mithilfe der massiven Unterstützung der japanischen Notenbank ein kleines Revival, das den Nikkei auf 20.000 brachte.

Die "Japanisierung der Weltwirtschaft"

Auch wir könnten japanischen Verhältnissen entgegensehen, mutmaßt die UBS. Der ganzen Weltwirtschaft könnte eine lange Phase der Stagnation bevorstehen. Die Wurzel allen Übels wird in der zunehmenden Vergreisung der Gesellschaft gesehen. Die Ursachen für Japans Abstieg waren zwar vielfältig. Doch einer der meist zitierten Gründe für "die verlorenen zwei Jahrzehnte", wie die Zeit nach 1990 genannt wird, ist das Altern der japanischen Gesesellschaft. Die Grafik, die die Ökonomen der UBS erstellt haben, zeigt, dass viele der weltgrößten Wirtschaftskräfte am Anfang desselben Trends stehen.

Wenn der Wirtschaft die Arbeitskräfte ausgehen

In "Peak"-Zeiten ist die Welt noch in Ordnung. Die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter beträgt noch ein Vielfaches der "abhängigen" Bevölkerung - also der Kinder, Jugendlichen und Rentner. | Bildquelle: United Nations/UBS

Viele Wirtschaftsexperten befürchten, dass wegen der demografische Parallelen vielen dieser Länder das gleiche demografische Schicksal droht. Dass die japanische Krankheit die ganze Weltwirtschaft befällt. Die UBS spricht von einer "Japanisierung der Weltwirtschaft". Das Phänomen beschreibt eine Wirtschaft, die von niedrigem Wachstum und niedriger Inflation geprägt ist. "Es hat in den letzten Jahren so gut wie kein nominales Wachstum des Bruttoinlandsproduktes gegeben", so die Analysten der Schweizer Bank.

Auf dieses Phänomen seien in den letzten Jahren immer mehr Investoren aufmerksam geworden. "In der japanischen Wirtschaft gab es in den letzten 20 Jahren so gut wie kein Wachstum", so die Experten, die demografische Veränderungen als Auslöser dafür ausmachen. Viele Industrieländer - und auch Entwicklungsländer - könnten demselben Muster folgen wie Japan seit den 1990er Jahren.

Allerdings räumen die Ökonomen der Bank ein, dass der demografische Gegenwind nicht zwingend zu Dekaden unterdurchschnittlichen Wachstums führen muss. "Es gibt Beispiele von Ländern wie Deutschland, die auch in Zeiten schrumpfender Bevölkerung Wachstum erzielt haben, indem sie die Exporte angekurbelt und den Arbeitsmarkt reformiert haben." Durch eine Steigerung der Erwerbsbeteiligung und durch Verbesserungen der Produktivität könnte man das potenzielle Wachstum zumindest von der Angebotsseite her erhalten, so die UBS. Es gibt also Hoffnung.