Otmar Issing

Interview "Industrieländer-Inflationsraten sind tendenziell niedrig"

Stand: 24.07.2018, 16:01 Uhr

Der frühere Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, Prof. Otmar Issing, sieht in der Hyperinflation von Venezuela einen Einzelfall. Im Gegensatz dazu sind die Zentralbanken der Industrieländer eher in Sorge, dass die Inflationsraten zu niedrig sind.

boerse.ARD.de: Herr Prof. Issing, der Internationale Währungsfonds (IWF) sagt für Venezuela bis zum Ende des Jahres eine Steigerung der Inflation um 1 Million Prozent voraus und spricht von Hyperinflation. Kann man da wirklich von Hyperinflation sprechen?

Otmar Issing: Das, was dort in Venezuela passiert, ist definitv eine Hyperinflation. Die von ihnen genannte Steigerungsrate geht sogar weit über die gängigen Definition von einer Hyperinflation heraus.

boerse.ARD.de: Ist Venezuela ein weltweiter Einzelfall?

Issing: Das ist so. Venezuela hatte lange Zeit einen Konkurrenten, nämlich Simbabwe. Aber diese Länder kann man kaum mehr vergleichen. In Venezuela wurden die Menschen über Jahre hinweg an den Rand der Armut gebracht. Und solange man dort die Staatsausgaben mit der Notenpresse finanziert, wird die Inflation weitergehen.

boerse.ARD.de: In Europa sind die Inflationsraten moderat. In Deutschland liegt sie leicht über 2 Prozent. Inwieweit ist das ein guter Wert?

Issing: Die Inflationsrate des Euroraums sollte man nicht mit der Hyperinflation in Venezuela in Zusammenhang bringen, sondern davon getrennt betrachten. Generell sind die Notenbanken in den Industrieländern eher von der Sorge getrieben, dass die Inflation zu niedrig ist. Die Europäische Zentralbank (EZB) versucht, die Inflation nach oben zu treiben und so das Inflationsziel von unter zwei Prozent zu erreichen. Man kann mit guten Gründen bezweifeln, ob das die richtige Politik ist.

boerse.ARD.de: In Japan ist die Inflationsrate sehr niedrig, obgleich die Zentralbank schon lange versucht, die Preise stärker steigen zu lassen. Ist das auch ein Einzelfall?

Issing: Japan ist kein Einzelfall. Aber es ist ein Sonderfall, weil dort die Situation schon seit mehr als 20 Jahren anhält.

Prof. Otmar Issing war Chefvolkswirt und Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank. Seit 2006 ist er Präsident des Center for Financial Studies (CFS) an der Universität Frankfurt.

Das Interview führte Marcus Pfeiffer.