Protestierende in den Straßen von New York mit umgedrehter USA-Flagge

Experten zweifeln Inverse Zinsstruktur in den USA - Rezessionsgefahr?

von Till Bücker

Stand: 09.04.2019, 15:57 Uhr

Der Anleihemarkt in den Vereinigten Staaten schlägt Alarm: Erstmals seit zwölf Jahren war die Renditekurve der US-Staatsanleihen invers. Was bedeutet das eigentlich? Ist das Panikmache oder steuern wir tatsächlich auf eine Rezession zu?

In den USA ist die Diskussion um eine möglicherweise bald kommende Rezession voll in Gang. Eine große Rolle spielt dabei die Entwicklung der Zinsstrukturkurve von Staatsanleihen, sprich der Abstand zwischen Renditen von Anleihen verschiedener Laufzeiten.

Was ist eine inverse Zinsstruktur?

Als inverse Zinsstruktur wird die Konstellation bezeichnet, in der die kurzfristigen Renditen über den langfristigen liegen. Ab dem 22. März überstieg die Rendite für dreimonatige US-Staatsanleihen für etwa eine Woche die für zehnjährige. Das heißt: Anleger bekamen für kurzfristige Bonds mehr Zinsen als für langfristige. Das gab es seit 2007 nicht mehr.

Normalerweise steigt die Verzinsung stets mit der Laufzeit, für längere Bonds gibt es mehr Ertrag. Schließlich sind Investoren ihr Geld bei den Langläufern länger los - mit allen Risiken. Wer eine zehnjährige Anleihe kauft, legt sich für eine Dekade auf diesen Zins fest. Sollte während der Laufzeit die Inflation plötzlich in die Höhe schießen, der Emittent schwächeln oder das Marktzinsniveau generell nach oben gehen, erleidet der Anleger zumindest zwischenzeitlich Kursverluste. Der höhere Zins ist da der Ausgleich.

Renditen amerikanischer Staatsanleihen

Renditen amerikanischer Staatsanleihen. | Grafik: boerse.ARD.de

Wenn die Anleger akzeptieren, dass der langfristige Zins unter dem kurzfristigen liegt, fürchten sie eine negative wirtschaftliche Entwicklung. In den Medien und an der Wall Street führte das zu heftigen Spekulationen. "Der zuverlässigste Rezessionsindikator des Marktes blinkt endlich rot", schrieb etwa James Mackintosh vom "Wall Street Journal".

Was war der Auslöser?

Fallende Renditen für lange Laufzeiten spiegeln also die Erwartung der Anleger wider, dass die wirtschaftliche Aktivität lahmt und somit das allgemeine Zinsniveau sinken wird - sie kaufen längerfristige Staatsanleihen, was deren Kurs steigen und die Rendite fallen lässt.

Triebfeder für die verstärkten Konjunktursorgen waren schwache Wirtschaftsdaten aus Deutschland und den USA. Der deutsche IHS-Einkaufsmanagerindex fiel im März, obwohl von Reuters befragte Ökonomen einen Anstieg erwartet hatten. Und auch das Stimmungsbarometer für das verarbeitende Gewerbe in den USA fiel überraschend.

Allgemein globale Konjunkturschwächen, der sinkende Wachstum in China, die Unklarheiten rund um den Austritt Großbritanniens aus der EU und vor allem der Zollstreit zwischen den USA und China sorgen seit Monaten für Verunsicherung in der Wirtschaft.

Steuern wir auf eine Rezession zu?

Allen Rezessionen in den vergangenen 60 Jahren in den USA ging eine inverse Renditekurve voraus. Das zeigt eine Studie der Notenbank von San Francisco. Seit 1955 hätten die Inversionen alle neun wirtschaftlichen Abschwungphasen signalisiert. Nur in einem Fall habe es eine falsche positive Prognose gegeben.

Eine Einschränkung machten die Autoren aber: Den genauen Zeitpunkt einer Rezession konnte die Zinskurve bislang nicht liefern. Mal waren es sechs Monate, mal zwei Jahre. Die US-Notenbank Fed hatte schon Mitte 2018 mitten in der Phase aggressiver Zinserhöhungen eine breite Diskussion darüber geführt, ob sich anhand solcher Marktdaten Risiken für eine möglicherweise drohende Rezession ableiten lassen. Damals war der Renditeabstand zwar abgeschmolzen, hatte sich aber noch nicht zugunsten der kurzlaufenden Zinsen gedreht.

Die Fed legte wegen der sich abkühlenden US-Wirtschaft eine Leitzins-Pause ein und signalisierte, angesichts der unsicheren Konjunkturaussichten stillzuhalten. Zwar bewertet die Notenbank die Lage am Arbeitsmarkt weiterhin als stark. Das Wirtschaftswachstum habe sich jedoch abgeschwächt. Der Anstieg der Konsumausgaben und der Investitionen sei langsamer geworden.

Was sagen Experten?

Wie stark ein möglicher Abschwung sein wird, kann eine inverse Zinsstruktur nicht voraussagen. Auch ansonsten sind die meisten Fachleute skeptisch. Die Zinskurve werde erst dann zu einem Rezessionsindikator, wenn sie im Durchschnitt über einen vollen Zeitraum von drei Monaten invertiert wurde.

Wirtschaftliche Bedingungen würden sich außerdem erst verschlechtern, wenn sich alle relevanten Segmente der Zinskurve gleichzeitig invertieren, schreibt Frank Häusler, Chief Strategist bei Vontobel Asset Management: "Für Rezessionsängste ist es deshalb noch zu früh."

Einige glauben darüber hinaus, dass die Zinsstrukturkurve ein weniger nützliches Barometer sein könnte, nachdem die USA nun in eine Ära anhaltend niedriger Zinsen und Inflation eingetreten zu sein scheinen. Die kurzfristigen Zinsen werden im Wesentlichen durch den Leitzins der Zentralbank beeinflusst. Erst durch die Zinserhöhungen der US-Notenbank in den vergangenen Quartalen wurde es möglich, dass sich die Zinskurve sehr stark verflacht hat.

Die Zinsstrukturkurve sei das Ergebnis der Preise am Anleihemarkt und zeige dadurch letztlich nur die Erwartungen der Investoren. Die Aktienkursentwicklung biete ein ganz anderes Bild. "Das Momentum der Aktienkurse ist viel stärker als üblicherweise vor Rezessionen", sagt etwa Richard Franulovich von der australischen Bank Westpac.

Dow Jones Ind.: Kursverlauf am Börsenplatz Citigroup für den Zeitraum 6 Monate
Kurs
25.676,24
Differenz relativ
-0,30%
S&P 500 Ind.: Kursverlauf am Börsenplatz Citigroup für den Zeitraum 6 Monate
Kurs
2.839,85
Differenz relativ
-0,64%

Tatsächlich hat alleine der Dow Jones seit Jahresbeginn um fast 16 Prozent und der breite Aktienindex S&P 500 gar um rund 18 zugelegt. Und so könnte es weitergehen. "Aktien und Risikoanlagen im Allgemeinen können sich auch mit einer flachen Zinskurve positiv entwickeln", so die Strategen von Goldman Sachs.

Was nun?

Auch wenn es viele Kritiker gibt, kann die Entwicklung der Zinskurve durchaus ein Signal für eine Rezession sein. Zumindest einen Rückgang des Wirtschaftswachstums in den USA halten auch die meisten Analysten für wahrscheinlich.

Für Anleger verheißt die Inversion am Zinsmarkt tendenziell nichts Gutes. Mittlerweile hat sich die Kurve wieder normalisiert - die Konjunkturängste sind dennoch längst nicht vom Tisch. Aktienliebhaber sollten vielleicht darüber nachdenken, ihr Depot umzuschichten und es rezessionsfest zu machen.