Fast leerer Großparkplatz, kaum Neuzulassungen

Steinige Erholung in Sicht Industrie: Sturzflug wird flacher

Stand: 08.06.2020, 08:36 Uhr

Die deutschen Unternehmen haben ihre Produktion im April noch stärker gedrosselt als erwartet, und zwar so drastisch wie seit Beginn der Zeitreihe im Januar 1991 nicht mehr. Doch der Tiefpunkt scheint nun erreicht.

Insgesamt sank der Ausstoß von Industrie, Bau und Energieversorgern im April gegenüber dem Vormonat um 17,9 Prozent, wie das Statische Bundesamt am Morgen mitteilte. Ökonomen hatten mit einem Rückgang um 16,0 Prozent gerechnet, nachdem es schon im Vormonat um 8,9 Prozent nach unten gegangen war.

Im Vergleich zum Vorjahresmonat gab es sogar einen Einbruch um 25,3 Prozent. Das ist der stärkste Rückgang seit Beginn der Zeitreihe im Januar 1991. Das Bundeswirtschaftsministerium machte jedoch Hoffnung auf Besserung. Der konjunkturelle Tiefpunkt sei damit erreicht, hieß es.

Langsame Erholung

Mit der schrittweisen Lockerung der Schutzmaßnahmen und der Wiederaufnahme der Produktion in der Automobilindustrie setzt nun die wirtschaftliche Erholung ein, erklärte das von Peter Altmaier geleitete Ministerium. Der Weg dürfte aber steinig werden: Der exportabhängigen Industrie brachen die Aufträge im April in Rekordtempo weg. Sie fielen um 25,8 Prozent niedriger aus als im März.

Angesichts der zunehmenden Lockerungen haben haben sich im Mai die Erwartungen wieder aufgehellt. So sind nach einer Umfrage des Münchner Ifo-Instituts die Produktionserwartungen auf minus 20,4 Punkte gestiegen, nach minus 51,0 Punkten im April. Der Anstieg im Mai sei der stärkste Index-Zuwachs zum Vormonat seit der Wiedervereinigung gewesen.

Steigende Fertigung in der Autobranche

"Aber das bedeutet nur, dass der Sturzflug nun flacher wird", sagte der Leiter der Ifo-Befragungen, Klaus Wohlrabe. Allerdings sei der Indexwert für die Produktionserwartungen in der deutschen Autoindustrie im Mai in den positiven Bereich gestiegen, was auf eine wieder steigende Fertigung in der deutschen Schlüsselbranche hinweist. "Das ist keine Überraschung, nachdem die Produktion vielerorts nahe komplett eingestellt worden war", kommentierte Wohlrabe die Ergebnisse.

Wie die Umfrage weiter zeigt, ist die Lage je nach Branche unterschiedlich. So erwarten die Pharmahersteller nur noch einen leichten Rückgang ihrer Produktion. Der Index für die Branche fiel im Mai auf minus drei Punkte nach plus 14 Zählern im April.

Schrumpft die deutsche Wirtschaft um zehn Prozent?

In der Bekleidungsindustrie bleibt die Stimmung dagegen extrem pessimistisch. Der Index fiel im Mai auf minus 88 Punkte nach minus 72 im April. In der Metallerzeugung und -bearbeitung stiegen die Erwartungen, signalisieren aber weiter einen Produktionsrückgang. Eine ähnliche Entwicklung zeigte sich bei den Herstellern elektrischer Ausrüstungen, im Maschinenbau, in der Chemie und bei Herstellern von Druckerzeugnissen. Bei den Herstellern von Nahrungs- und Futtermitteln verbesserte sich der Indexwert auf minus 5 Punkte.

Damit wird immer deutlicher, dass eine V-förmige Erholung der Wirtschaft unwahrscheinlicher wird. Viele Ökonomen hoffen nun auf eine U-förmige Entwicklung. Thomas Gitzel, Volkswirt der Liechtensteiner VP Bank, ist überzeugt, dass das deutsche Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal vermutlich um mehr als zehn Prozent schrumpfen wird. "Für Friedenszeiten ein zuvor noch nie gemessener Wert."

Ralph Solveen von der Commerzbank führt die schlechten Zahlen vor allem auf den Fertigungsstopp in der Autoindustrie zurück. Da diese im Mai wieder angefahren wurde, dürfte die Produktion im April den Tiefpunkt erreicht und bereits im Mai wieder merklich zugelegt haben. "Dies würde aber kaum etwas daran ändern, dass das reale Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal gegenüber dem ersten Quartal mit einer zweistelligen Rate sinken wird."

lg