Helikoptergeld

"Money for nothing" Helikoptergeld als Ultima Ratio

von Angela Göpfert

Stand: 12.03.2020, 06:45 Uhr

Wenn selbst Zinssenkungen nicht mehr helfen: Das Coronavirus treibt die Notenbanken in die Enge. Ist es nun an der Zeit für extremere Maßnahmen – zum Beispiel Geld, das aus Helikoptern aufs Volk herabregnet?

So hatte sich Fed-Chef Jerome Powell das ganz sicherlich nicht vorgestellt. Erstmals seit der Finanzkrise 2008 hatte die amerikanische Notenbank vergangene Woche eine überraschende Not-Zinssenkung durchgeführt. Doch die Wirkung an den Märkten verpuffte binnen weniger Minuten.

Das böse R-Wort

Christine Lagarde

Kein einfacher Job für die neue EZB-Chefin Christine Lagarde. | Bildquelle: picture alliance/Xinhua

Heute ist EZB-Chefin Christine Lagarde an der Reihe. Macht sie es besser als Powell? Kann sie die Märkte nachhaltig beruhigen? Noch tiefere Zinsen, noch umfangreichere Anleihenkäufe stehen laut Experten zur Diskussion, um die Folgen des Coronavirus auf die Wirtschaft der Eurozone abzumildern.

Schon jetzt unken Marktbeobachter, dass auch diese Schritte womöglich nicht ausreichen könnten, um der darbenden Konjunktur auf die Sprünge zu helfen. Die deutsche Wirtschaft dürfte nach Ansicht führender Ökonomen im ersten Halbjahr in die Rezession rutschen. Ist die Zeit also reif für drastischere Maßnahmen?

Plötzlich "salonfähig"

Tatsächlich liegt seit Jahrzehnten ein Vorschlag des Nobelpreisträgers Milton Friedman (1912-2006) unangetastet in den Schubladen der Zentralbanker: das Helikoptergeld. So bezeichnete Friedman Geld, das die Zentralbank eines Landes aus dem Nichts erschafft und danach an die Bürger verschenkt, es also wie aus Helikoptern aufs Volk herabregnen lässt.

Milton Friedman

Milton Friedman - neben John Maynard Keynes der wohl einflussreichste Wirtschaftswissenschaftler des 20. Jahrhunderts. | Bildquelle: picture alliance / Everett Collection

Heute ist Friedmans Idee für viele Ökonomen mehr als nur eine bloße Gedankenspielerei. Das Konzept des Helikoptergeldes könnte "salonfähig" werden, glaubt der Ökonom und ehemalige Rektor der Hochschule der Deutschen Bundesbank Dietrich Schönwitz. Lagarde-Vorgänger Mario Draghi hatte bereits vor einiger Zeit die Helikoptergeld-Idee als "sehr interessant" bezeichnet.

Letzter Punkt auf der To-do-Liste

Der Grund für das plötzliche Interesse an Friedmans Konzept liegt auf der Hand: Die Geldpolitik hat fast alle ihre Optionen ausgeschöpft. "Der damalige Fed-Chef Ben Bernanke hat in den 1990er Jahren einmal eine To-do-Liste für die Bank of Japan erstellt mit Maßnahmen, die diese noch ergreifen könnte, um die Konjunktur anzukurbeln", erklärt Commerzbank-Analyst Ulrich Leuchtmann im Gespräch mit boerse.ARD.de. "Seit der Finanzkrise haben die globalen Notenbanken diese Liste komplett abgearbeitet – bis auf den letzten Punkt: Helikoptergeld."

Trotz unkonventioneller Maßnahmen wie massiven Staatsanleihenkäufen (im Fachjargon Quantitative Easing, QE, genannt), milliardenschweren Kreditprogrammen für Banken (TLTRO) und Negativzinsen konnte etwa die EZB die Inflation in der Eurozone nicht einmal in die Nähe ihres Ziels von zwei Prozent bringen.

1.000 Euro für jeden Bürger?

Das Helikoptergeld wird damit zur Ultima Ratio der Notenbanken. 2016 kamen die Ökonomen der Deutschen Bank in einer Studie zu dem Ergebnis, Helikoptergeld könne deutlich wirksamer sein als die traditionellen Mittel der Geld- und Fiskalpolitik.

Dunkle Wolken über der Europäischen Zentralbank in Frankfurt

Europäische Zentralbank - es müsste auch nicht unbedingt ein Hubschrauber sein... | Bildquelle: Imago

Dabei geht es freilich nicht wirklich darum, das Geld aus Hubschraubern auf die Bürger herabfallen zu lassen. Stattdessen könnte die EZB den Bürgern das Geld direkt auf ihre Konten buchen, um Nachfrage und Inflation anzukurbeln.

Daniel Cohen, Leiter der Wirtschaftsabteilung der "École normale supérieure" in Paris, hatte bereits im Herbst 2019 vorgeschlagen, die EZB könnte zu Weihnachten 1.000 Euro an jeden Bürger innerhalb der Eurozone auszahlen.

Größte Gefahr: Gewöhnungseffekt

Kritiker befürchten allerdings, dass der Effekt rasch verpuffen könnte. Nicht wenige Bürger könnten versucht sein, das zusätzliche Geld zu sparen, statt es in den Konsum und damit in die Ankurbelung der Wirtschaft zu investieren.

Der Devisen-Experte der Commerzbank, Ulrich Leuchtmann, sieht noch eine ganz andere Gefahr: "Die Staaten könnten sich sehr schnell an das Helikoptergeld gewöhnen – und in jeder neuen Krise immer gleich nach den Notenbanken schreien." Leuchtmann hält Helikoptergeld daher für "ein sehr gewagtes Experiment mit nicht absehbaren Folgen".

Selbst Helicopter-Ben traute sich nicht

Fakt ist: Selbst in der Finanzkrise wurde die Idee des Helikoptergeldes nicht ernsthaft verfolgt. Und damals war Ben Bernanke bei der Fed am Ruder – ein Notenbanker, der wegen seiner Sympathien für diese Idee auch gern "Helicopter-Ben" genannt wurde.

Ben Bernanke

Ein Verfechter des Helikoptergeldes - aber nur in der Theorie: Ben Bernanke. | Bildquelle: picture alliance / newscom

Die Chancen, dass eine Christine Lagarde oder ein Jerome Powell zu solch drastischen Maßnahmen greifen, stehen somit ungleich niedriger.

Eine Frage der Verzweiflung

Fakt ist aber auch: Die Wirtschaft und die Finanzmärkte können im Angesicht der Coronavirus-Pandemie alle Hilfe gebrauchen, die sie bekommen können. Vornehme Zurückhaltung wäre jetzt fehl am Platz. Außergewöhnliche Zeiten erfordern eben manchmal auch außergewöhnliche Maßnahmen.

Die Gretchenfrage lautet daher: Ist die Verzweiflung der Notenbanker schon groß genug, dass sie die extremste Waffe der Geldpolitik ziehen?