Europafahne

Goldman-Chef malt trübes Bild Hängt Europa die USA ab?

Stand: 23.07.2020, 16:44 Uhr

Spätestens seit Dienstag blicken US-Ökonomen neidisch nach Europa, wo sich die Staats-und Regierungschefs auf ein gigantisches Hilfspaket geeinigt haben. Bisher hat Europa die Corona-Krise wirtschaftlich besser bewältigt als die USA. Es könnte für Amerika noch schlimmer kommen, warnt der Goldman-Sachs-Chef.

"Uns steht eine sehr holprige Fahrt bevor", prophezeite David Solomon, die neue Nummer eins der Investmentbank, bei einer Online-Konferenz des angesehenen Economic Club in New York. "In den nächsten Monaten werden wir eine Verlangsamung der Konjunkturerholung sehen." Der Goldman-Boss prophezeit schlechtere Wirtschaftsdaten.

Zweite Corona-Welle am US-Arbeitsmarkt

Seitdem einzelne Bundesstaaten wie Kalifornien und Colorado die Lockerungen der Corona-Restriktionen wieder teilweise zurückgenommen haben, droht die anziehende US-Konjunktur wieder ins Stottern zu geraten. Darauf deuten auch die neuesten Daten zu den wöchentlichen Arbeitslosehilfe-Anträgen hin. Die Zahl stieg erstmals seit fast vier Monaten wieder. Insgesamt beantragten vorige Woche 1,416 Millionen Bürger erstmals staatliche Stütze. Ökonomen hatten mit lediglich 1,3 Millionen gerechnet, womit das Niveau der vorangegangenen Woche in etwa gehalten worden wäre. Ökonom Ulrich Wortberg von der Helaba wertet den überraschenden Anstieg der Erstanträge als mögliches Indiz dafür, dass sich in den USA die zweite Welle der Corona-Pandemie negativ am Arbeitsmarkt bemerkbar mache. "Der Erholungspfad ist holprig und es wird noch eine lange Zeit dauern, bis von einer Art Normalität am Arbeitsmarkt gesprochen werden kann."

Virus breitet sich im Süden und Westen der USA aus

In den USA haben sich rund vier Millionen Menschen mit dem Virus infiziert, zuletzt kamen pro Tag mehr als 60.000 Neuinfektionen hinzu. Am Dienstag wurden mehr als 1.000 Todesfälle binnen 24 Stunden verzeichnet. Besonders betroffen sind derzeit Staaten im Süden und Westen des Landes, darunter Texas, Florida und Kalifornien. Der bevölkerungsreichste Bundesstaat an der Westküste verzeichnete am Mittwoch einen Höchststand an nachgewiesenen Neuinfektionen innerhalb eines Tages - mehr als 12.800. Laut Gouverneur Gavin Newsom wurden seit Beginn der Pandemie insgesamt 413.576 Infektionen verzeichnet. Damit hat Kalifornien in absoluten Zahlen mehr bekannte Fälle als der einstige Corona-Hotspot New York.

Am Dienstag gestand US-Präsident Trump ein, dass es in den vergangenen Wochen einen "besorgniserregenden Anstieg" der Fälle gegeben habe. Er warnte nun davor, dass das Schlimmste noch nicht hinter den Amerikanern liege. Angesichts dramatisch steigender Corona-Todesfälle in den USA vollzog Trump einen Strategiewechsel und empfiehlt seinen Mitbürgern nun doch das Tragen von Schutzmasken.

Goldman-Chef rechnet mit langsamerem Wachstum und schwächerem Dollar

Goldman-Sachs-Chef Solomon rechnet nicht mit einer baldigen Wende am US-Arbeitsmarkt. Bei der Konferenz des Economic Club prognostizierte er eine sehr, sehr hohe Arbeitslosigkeit für lange Zeit.

David Solomon, Goldman Sachs

David Solomon. | Bildquelle: Imago, Bearbeitung: boerse.ARD.de

Langfristig werden die USA ein langsameres Wirtschaftswachstum , einen schwächeren Dollar und eine Riesenverschuldung als Folge der Corona-Pandemie haben, glaubt Solomon. Trotzdem sei es jetzt besser, mehr Geld auszugeben, um die wirtschaftlichen Corona-Folgen abzufedern, bevor sich die Lage weiter verschlechtere und es noch teurer werde.

Neues Corona-Hilfspaket?

Investoren und Unternehmer hoffen auf ein fünftes Corona-Hilfsprogramm in den USA. Die bisherigen vier hatten ein Volumen von rund 2,5 Billionen US-Dollar. Die Gespräche darüber dürften wohl noch einige Zeit in Anspruch nehmen, bevor es zu einer Einigung kommt. "Es bleibt abzuwarten, ob Republikaner und Demokraten die gleiche Entschlossenheit haben, die von den EU-Spitzen demonstriert wurde, um bis nächste Woche einen Mittelweg zu finden", schrieben die Analysten der DBS Bank in Singapur.

Experten: Europa und Deutschland haben die Nase vorn

Tatsächlich haben immer mehr US-Wirtschaftsexperten den Eindruck, dass Europa besser durch die Corona-Krise kommt. So glaubt beispielsweise Ruchir Sharma, Investmentexperte von Morgan Stanley, dass weder die USA noch die China, sondern Deutschland in der Post-Pandemie-Welt triumphieren wird.

Auch Walter Edelmann, globaler Chefstratege der Credit Suisse, sieht Europa auf der Überholspur. "Wenn wir die Finanzmärkte betrachten, sehen wir in Europa und insbesondere in Deutschland derzeit das größte Potenzial", sagte er in der "Neuen Zürcher Zeitung". Skeptisch äußert er sich zu den Aussichten für die US-Wirtschaft. Die Hoffnung auf eine V-förmige Erholung der US-Konjunktur dürfte sich kaum bewahrheiten, spätestens im Herbst werde das Wachstum wieder abflauen. "Wir rechnen mit einem schiefen V."