Präsident der Federal Reserve Jerome Powell

Zweite Zinssenkung in diesem Jahr Das Dilemma der Fed

von Lothar Gries

Stand: 19.09.2019, 07:45 Uhr

Die US-Notenbank Fed hat am Abend erneut den Leitzins um 25 Basispunkte gesenkt. Reagiert sie damit auf den Dauerbeschuss aus dem Weißen Haus, obwohl sie eigentlich unabhängig handeln sollte, oder hat die Lockerung auch ökonomische Gründe?

Schon am Abend stand fest, dass auch die zweite Zinssenkung der amerikanischen Notenbank in diesem Jahr den Amtsinhaber im Weißen Haus nicht zufrieden gestellt hat. Donald Trump schrieb kurz nach der Entscheidung den Schlüsselsatz auf die neue Spanne von 1,75 bis 2,0 Prozent zu senken, Powell und die Fed hätten erneut versagt: "Kein Mut, kein Sinn, keine Vision. Ein schrecklicher Kommunikator." Trump, der Ende 2020 seine Wiederwahl anstrebt, verlangt, die Leitzinsen auf "null oder weniger" zu reduzieren. Damit soll Amerika von seiner horrenden Schuldenlast befreit und gleichzeitig die Konjunktur befeuert werden.

Dabei scheut Trump auch vor drastischen Worten nicht zurück. In der vergangenen Woche kanzelte er die Notenbanker um Fed-Chef Jerome Powell als naive Dummköpfe ab. Deren Geldpolitik laste auf Amerikas Wirtschaft wie ein Mühlstein. Und nach den jüngsten Preissprüngen am Ölmarkt erneuerte Trump seine Forderung, Amerika brauche eine "große" Senkung des Leitzinses.

In der Zwickmühle

Die wiederholten Attacken gegen die Notenbank sind ein in der jüngeren US-Geschichte einmaliger Vorgang, ist die Fed doch von politischen Weisungen unabhängig und soll ihre Entscheidungen frei und eigenständig treffen. Doch solche Gebote sind Trump völlig egal.

Powell sagte vor der Presse auf die Kritik Trumps angesprochen, dass er sich generell nicht zu Kommentaren von "gewählten Amtsträgern" äußere. Die Notenbank lasse sich in ihrer Geldpolitik nicht von politischen Erwägungen leiten und richte ihre Linie weiter an "Fakten" aus. Zudem ließ er Trump wissen, dass die Fed in ihrer Geldpolitik "allen Amerikanern" verpflichtet sei und nicht einzelnen Parteien.

Wegen der anhaltenden Angriffe müssen die Währungshüter aufpassen, dass eine weitere Lockerung ihrer Geldpolitik nicht als Einknicken vor Trump gewertet wird. Zugleich will sich Powell aber auch nicht vorhalten lassen, das Wachstum der amerikanischen Wirtschaft zu behindern. Damit steckt die Notenbank in einem Dilemma.

Leitzins USA

Leitzins USA. | Bildquelle: FED, Grafik: boerse.ARD.de

Dow Jones im Plus

"Trump treibt die eigene Notenbank vor sich her", meint Chefvolkswirt Otmar Lang von der Targobank. Ob es sich beim jüngsten Zinsschritt nur um eine weitere Vorsichtsmaßnahme handele oder ob die Fed tatsächlich einen längerfristigen Zinssenkungstrend verfolge, bleibe unklar. Die Notenbanker seien sich in dieser Frage offenbar nicht einig. Powell hatte die Märkte auf die jüngste Senkung vorbereitet, sie kam also nicht überraschend. Die US-Aktien bauten in der Folge des Fed-Zinsentscheids ihre Verluste aus, erholten sich jedoch im weiteren Verlauf. Der Dow Jones-Index schloss sogar leicht im Plus.

Tatsächlich hat die Fed, anders als die Europäische Zentralbank, zwei Aufgaben: Sie muss für Preisstabilität sorgen und für einen konjunkturellen Stimulus. Letzteren definiert sie über Vollbeschäftigung.

Niedrige Arbeitslosigkeit

Letztere ist bei einer Arbeitslosenrate von zuletzt 3,7 Prozent erreicht. Der reinen Lehre zufolge müsste dies dazu führen, dass die Löhne steigen und die Inflation anzieht. Die Einkommen haben sich zwar verbessert, doch die Preissteigerung liegt beharrlich unter der Zielmarke von zwei Prozent. Im August sank die Teuerung sogar auf 1,7 Prozent. Von Inflation ist also weit und breit nichts zu sehen.

Damit sei bewiesen, dass höhere Löhne keine Gefahr für die Preisstabilität darstellen, musste kürzlich selbst Jerome Powell auf Nachfrage der demokratischen Kongress-Abgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez einräumen. Daraus folgt, dass einer Lockerung der Geldpolitik eigentlich nichts mehr entgegen steht.

Lockerung lässt sich rechtfertigen

Der von Trump geforderte große Schritt ist die nun erfolgte Absenkung um 25 Basispunkte zwar nicht, doch sie lässt sich aus geldpolitischer Perspektive rechtfertigen, steht also nicht im Verdacht, auf Geheiß der Politik entstanden zu sein.

Jüngste Konjunkturdaten wie etwa die Zahl der neu geschaffenen Stellen deuten darauf hin, dass sich das Wachstum der US-Wirtschaft verlangsamt. Derzeit ist auch unklar, wie sich die zahlreichen geopolitischen Risiken, wie zuletzt in Saudi-Arabien, auf die US-Binnenwirtschaft auswirken werden.

Und was ist mit der inversen Zinskurve?

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ARD-Börse: Wie sehr beeinflusst die US-Notenbank Fed die internationalen Finanzmärkte?

Keine Sorge scheint der Fed ein anderes Phänomen zu bereiten, das in früheren Jahren als ein untrügliches Zeichen für eine bevorstehende Rezession gedeutet wurde: die inverse Zinskurve. Sie bedeutet, dass die Renditen für Anleihen mit zwei Jahren Laufzeit höher sind als jene für zehnjährige Zinstitel. Außer in den USA ist dies noch in Großbritannien der Fall. Auch in Deutschland verläuft die Kurve verdächtig flach. Inzwischen herrschen aber zunehmend Zweifel daran, dass die Zinskurve etwas darüber aussagt, was der Realwirtschaft bevorsteht.

Aber auch wenn die Rezession noch nicht vor der Tür steht - die geldpolitischen Ampeln stehen auch in den USA weiter auf grün.

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Stimmen zum Zinsschritt der Fed "Die Fed hat geliefert!"

Uwe Burkert, Chefvolkswirt der LBBW

Uwe Burkert, Chefvolkswirt der LBBW:
"Die Fed hat einmal mehr geliefert, was die Mehrzahl der Marktbeobachter - das LBBW Research eingeschlossen - von ihr im Vorfeld erwartet hatten. Die US-Wirtschaft wächst zwar insgesamt weiterhin mit moderatem Tempo und der US-Arbeitsmarkt zeigt sich robust gegenüber Zeichen der Wachstumsverlangsamung in einigen Teilen der Wirtschaft. Zudem zog die US-Kerninflation jüngst etwas an, was in der Summe durch Anlass gegeben hätte, mit einer weiteren Lockerung der Geldpolitik abzuwarten. Dass die Währungshüter dennoch ihre zweite Leitzinssenkung in Serie beschlossen haben, zeigt, dass man die Gefahren "von außen" (Handelsstreit, Brexit, Konjunkturschwäche in Europa) derzeit höher gewichtet als die heimische Wirtschaftsstärke. Das Abstimmverhalten der Währungshüter mit insgesamt drei abweichenden Voten (zwei für unveränderte Zinsen, eine für eine Senkung um 50 Basispunkte) zeigt jedoch einen anhaltenden Dissens über den geldpolitischen Kurs."