EZB-Präsident Mario Draghi
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Ende der Geldflut, aber vorerst keine Zinswende EZB stoppt Anleihenkäufe Ende des Jahres

Stand: 14.06.2018, 16:32 Uhr

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird ihre lockere Geldpolitik weiter eindämmen. Angesichts der guten Konjunktur und der höheren Inflation stellen die Währungshüter zum Jahresende ihre umstrittenen Anleihenkäufe ein. Bis die Zinsen wieder steigen, dürfte es allerdings noch eine Weile dauern.

Der Euro rutschte nach der EZB-Entscheidung im Laufe des Nachmittags von über 1,18 Dollar auf 1,1640 Dollar ab. Gleichzeitig drehte der Dax klar ins Plus. Er sprang über die runde Marke von 13.000 Punkte.

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Die EZB kündigte am Donnerstagmittag das Auslaufen ihrer milliardenschweren Anleihenkäufe zum Jahresende 2018 an. Bereits ab Oktober wird die Notenbank das Volumen der monatlichen Käufe von derzeit 30 Milliarden Euro auf 15 Milliarden Euro verringern, beschloss der EZB-Rat bei seiner auswärtigen Sitzung im lettischen Riga.

Keine Zinswende vor Herbst 2019

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ARD-Börse: EZB beendet 2018 Anleihekäufe

Allerdings wird die Nullzinspolitik länger als von einigen Experten erwartet fortgesetzt. Die Währungshüter gehen davon aus, dass der Leitzins noch bis über den Sommer 2019 hinaus auf dem aktuellen Niveau bleiben wird. Der Schlüsselsatz zur Versorgung der Geschäftsbanken mit Geld liegt bereits seit März 2016 auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent.

Laut Präsident Mario Draghi habe der EZB-Rat nicht über den konkreten Zeitpunkt einer ersten Zinsanhebung im Währungsraum diskutiert. Dies sei nicht Thema der Zinssitzung gewesen, antwortete Draghi auf eine entsprechende Frage nach der auswärtigen Zinssitzung der Notenbank im lettischen Riga. Der Italiener begründete das Ausbleiben der Debatte unter anderem mit der Ungewissheit, ob die konjunkturelle Schwächephase im Euroraum zu Anfang des Jahres länger anhalte.

Das Kaufprogramm der Notenbank läuft seit März 2015. Es wurde zur Belebung der Konjunktur und Anhebung der seinerzeit schwachen Inflation aufgelegt. Seit Beginn des Kaufprogramms hat die EZB Wertpapiere, vor allem Staatsanleihen, im Wert von rund 2,4 Billionen Euro erworben. Die Käufe sind insbesondere in Deutschland hoch umstritten, weil sie als Staatsfinanzierung und Überschreitung des EZB-Mandats aufgefasst werden. Die Wirtschaft hat sich zwischenzeitlich deutlich belebt, zeigt seit Jahresbeginn aber Anzeichen von Schwäche. Die Inflation lag zuletzt im Zielbereich der EZB von knapp zwei Prozent.

Inflationsprognose angehoben

Die Teuerung dürfte unterdessen nach Einschätzung der Zentralbank im laufenden Jahr wegen des Ölpreisanstiegs stärker anziehen als noch im März angenommen. Für das laufende Jahr erwartet die EZB nun eine Inflationsrate von 1,7 Prozent. 2019 und 2020 rechnen die Währungshüter ebenfalls mit einer Teuerung von 1,7 Prozent.

Die EZB beurteilt indes die Konjunkturaussichten für den Euroraum angesichts wachsender Handelskonflikte etwas weniger zuversichtlich als vor drei Monaten. Für dieses Jahr erwartet die Notenbank einen Zuwachs von 2,1 Prozent beim Bruttoinlandsprodukt. Bisher hatte die BIP-Prognose bei 2,4 Prozent gelegen. 2019 soll die Wirtschaft im Euroraum um 1,9 Prozent zulegen, für 2020 erwarten die Währungshüter weiterhin 1,7 Prozent Wachstum.

"Ultralockere Geldpolitik geht in die Verlängerung"

Holger Schmieding, Chefvolkswirt Berenberg Bank

Holger Schmieding, Chefvolkswirt Berenberg Bank. | Bildquelle: Unternehmen

Ökonomen und Börsianer begrüßten die unmissverständlichen Ankündigungen der EZB. "Die Neuigkeit ist die unerwartete Klarheit", sagte Holger Schmieding, Volkswirt der Berenberg Bank. Mit der Festlegung, ihre Zinsen nicht vor September 2019 steigen zu lassen, habe die Notenbank eine weiche Botschaft ausgesendet. "Hier hat sie sich überraschend deutlich festgelegt. "

Thomas Altmann, QC Partners

Thomas Altmann. | Bildquelle: Unternehmen

Auch Fondsmanager Thomas Altmann von QC Partners lobte die Kommunikation der EZB als "ungewöhnlich klar". "Offensichtlich will sie mögliche Turbulenzen an den Kapitalmärkten bereits im Vorfeld eindämmen." Die EZB hatte wohl "große Angst, beim Timing der ersten Zinserhöhung falsch verstanden zu werden". Einige Anleger hatten mit einer früheren Straffung der Geldpolitik gerechnet. "Die ultralockere Geldpolitik geht in die Verlängerung."

"Etwas aggressiver beim Anleihekaufprogramm und zugleich recht sanft hinsichtlich der Zinsen", beurteilte Marktanalyst Neil Wilson von Markets.com die EZB-Strategie. "Das ist ein sehr feines Austarieren, mit dem EZB-Präsident Draghi versucht, die Märkte im Lot zu halten und Ausverkäufe zu verhindern."

Italien-Turbulenzen sieht Draghi gelassen

Die jüngsten Turbulenzen am italienischen Anleihemarkt waren laut Draghi ein lokales Ereignis. Es habe keine Ansteckungs- oder Ausfallgefahren durch die jüngsten politische Unsicherheit gegeben, sagte er. Ende Mai waren die Risikoaufschläge für italienische Staatsanleihen vorübergehend drastisch gestiegen, da eine eurokritische Regierung gebildet wurde.

"Man sollte politische Änderungen in einzelnen Mitgliedsländern nicht zu sehr dramatisieren", sagte Draghi. Neue Regierungen müssten sich an die Regelungen der Währungsunion halten. "Der Euro ist unwiderruflich", sagte Draghi. Ein Austritt aus dem Euro bringe keinen Nutzen.

Im Unterschied zur EZB hat die US-Notenbank Fed ihre Geldpolitik angesichts des Wirtschaftsbooms bereits deutlich stärker gestrafft. Am Mittwoch erhöhte sie ihren Leitzins um einen weiteren Viertelpunkt auf die neue Spanne von 1,75 bis 2,0 Prozent. Das ist das höchste Niveau seit zehn Jahren. Die Fed begann bereits Ende 2015 damit, ihre Zinsen anzuheben.

nb