Rote Beleuchtung von Sperrpollern an der Europäischen Zentralbank

Harsche Kritik an Christine Lagarde Hat die EZB versagt?

Stand: 13.03.2020, 11:14 Uhr

Während die amerikanische Notenbank eine Billion nach der anderen in die Wirtschaft pumpt, belässt es die Europäische Zentralbank mit Hilfen aus der Wasserpistole. Haben die Währungshüter den Ernst der Lage nicht erkannt?

Die Reaktion der Finanzmärkte auf die von der Zentralbank verkündeten Maßnahmen war eindeutig und folgte noch während der Pressekonferenz von Notenbankchefin Christine Lagarde. Die Aktienkurse weiteten ihre Verluste dramatisch aus. Der Dax in Frankfurt schloss über zwölf Prozent tiefer als am Vortag - es war der zweitgrößte Tagesverlust seiner Geschichte.

Was war passiert? Nachdem zuvor die US-Notenbank Fed und die Bank of England im Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise ihren Leitzins jeweils um einen halben Prozentpunkt gesenkt hatten, war ein solcher Schritt auch von der EZB erwartet worden.

Machtlosigkeit ausgestrahlt

Stattdessen beließ die EZB ihren Leitzins unverändert und verkündete eine Reihe von Liquiditätshilfen für Unternehmen und Banken sowie eine Ausweitung der Anleihekäufe. Entsprechend groß war die Enttäuschung der Anleger.

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Zwar hat die EZB einen geringeren Spielraum als ihre Kollegen in Washington und London, "aber gerade deshalb hofften die Märkte auf ein wenig Kreativität und ein konsequentes und adäquates Handeln der EZB zumindest im Rahmen ihrer Möglichkeiten", erklärt Fondsmanager Eckhard Schulte von MainSky. Zwar seien die verkündeten Maßnahmen durchaus effizient, doch habe Frau Lagarde auf der Pressekonferenz Machtlosigkeit ausgestrahlt.

Lagarde verplappert sich

"Diese Machtlosigkeit zu besitzen, ist das eine, aber sie so zur Schau zu stellen, wie es Frau Lagarde gestern auf der Pressekonferenz getan hat, war das andere und eigentliche Problem. Kein Hauch von „Whatever it takes“ war zu spüren, keine verbalen positiven Impulse zu vernehmen und auch sonst ließ die mit viel Vorschusslorbeeren ins Amt begleitete Grande Dame der Finanzwelt jegliche Kreativität vermissen."

Der Tiefpunkt war erreicht, als Lagarde auf die Frage eines Journalisten nach den im Zuge der Krise wieder drastisch gestiegenen Anleihezinsen in Italien antwortete, dass es nicht die Aufgabe einer Zentralbank sei, die Renditeaufschläge einzelner Staaten zu senken.

Prompt kletterte die Rendite italienischer Staatsanleihen kurzzeitig von 1,3 Prozent auf 1,9 Prozent in die Höhe. Damit habe Lagarde womöglich den Grundstein für eine neue Eurokrise gelegt, befürchten Experten.

In die Krise gestürzt

Technisch sei das richtig gewesen, dass es nicht Aufgabe der EZB ist, die Spreads zu schließen, doch die facto sei eine solche Aussage brandgefährlich. Denn die Aussage könnte als eine Einladung an den Finanzmarkt verstanden werden, auf weiter steigende Renditen von Ländern wie Italien, Spanien oder Griechenland zu spekulieren.

Christine Lagarde

Christine Lagarde . | Bildquelle: boerse.ARD.de

"Mir war nicht klar, dass das wichtigste Mandat der EZB darin besteht, die Anleihenmärkte in eine Krise zu stürzen", sagte Peter Chatwell, Chefanleihestratege von Mizuho International, der Nachrichtenagentur Bloomberg.

Kollegen eilen Lagarde zu Hilfe

Offenbar hat die Notenbank den Faux-pas ihrer Chefin erkannt. Jedenfalls erklärte EZB-Chefvolkswirt Philip Lane am Morgen, die Notenbank sei zum Handeln bereit, sollten die Kurse der Staatsanleihen von Euro-Ländern deutlich aus dem Ruder laufen. Die Währungshüter würden es bei keinem Land tolerieren, sollte es Risiken geben, dass die Geldpolitik dort in der Wirtschaft ankomme.

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Wie zuvor schon Bundesbankpräsident Weidmann und sein französischer Amtskollege Villeroy de Galhau verteidigte jetzt auch der Chefvolkswirt die Entscheidung der Notenbank, anders als vom Markt erwartet, die Zinsen nicht zu senken.

Die Art des Schocks durch die Viruskrise und wie lange dieser wahrscheinlich anhält spielt aus seiner Sicht hierbei eine wichtige Rolle. "Der schwere Schock trifft uns zwar mit hoher Geschwindigkeit, aber unser Basisszenario ist, dass er am Ende was die Länge angeht temporär ist." Die EZB-Rat halte sich aber für künftige Zinssenkungen die Türen offen.

lg