Goldenes Null Prozent-Zeichen vor dunklem Hintergrund
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Lockere Geldpolitik geht weiter EZB verlängert Nullzinspolitik bis Mitte 2020

Stand: 06.06.2019, 14:49 Uhr

Angesichts der unsicheren konjunkturellen Lage verschiebt die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinswende bis weit in das nächste Jahr. Die Währungshüter wollen den Leitzins bis mindestens Mitte 2020 nicht antasten. Die Reaktionen an den Finanzmärkten sind zwiespältig.

Am Devisenmarkt profitiert der Euro von dem Zinsentscheid. Die Gemeinschaftswährung springt binnen kurzer Zeit über 1,1290 Dollar. Zuvor hatte sie noch bei 1,1229 Dollar notiert.

Dax-Gewinne schmelzen weg

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An den Börsen zeigten sich die Anleger enttäuscht. Manche hatten offenbar auf eine noch lockerere Geldpolitik der EZB und womöglich gar eine Senkung der Schlüsselzinsen spekuliert. Der Dax büßte seine Kursgewinne komplett ein und drehte ins Minus.

Europäische Zentralbank
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B5 Börse 14.14 Uhr: EZB überrascht

Bei seiner auswärtigen Sitzung am Donnerstag in der litauischen Hauptstadt Vilnius entschied der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB), den Leitzins nicht vor Mitte 2020 zu erhöhen. Im März hatten die Währungshüter noch angekündigt, bis Ende dieses Jahres nicht an der Zinsschraube zu drehen. Schon damals wurde der Zinsausblick zeitlich nach hinten verschoben. Ursprünglich hatte die EZB nur bis zum Ende dieses Sommers in Aussicht gestellt, an ihren Zinsen nicht zu rütteln. Der Schlüsselsatz zur Versorgung der Banken mit Geld liegt seit März 2016 auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent.

Langfrist-Geldspritzen für klamme Banken

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Auch an den 0,4 Prozent Strafzinsen, die Banken zahlen müssen, wenn sie Geld bei der EZB parken, rüttelt die Notenbank nicht. Stattdessen will die EZB den Banken mit eher großzügigen Zinskonditionen für die neuen Langfristkredite unter die Arme greifen. Bei den zweijährigen Darlehen, die in der Fachwelt "TLTRO III" genannt werden, winkt den Banken eine Prämie, wenn sie bei der Kreditvergabe nachweislich bestimmte Ziele erfüllen.

Die Langfristdarlehen erhalten die Banken zu einem Zins, der zehn Basispunkte über dem durchschnittlichen Leitzins während der Laufzeit der Kredite liegt. Bei Erfüllung von Kreditvergabezielen werde er aber sinken. Er könne dabei so niedrig liegen, wie der durchschnittliche Einlagensatz plus zehn Basispunkte während der Laufzeit der Geschäfte.

"Italienische Banken sind die Hauptprofiteure"

Die Konditionen für die sogenannten TLTROs der EZB seien nicht so großzügig wie erhofft, monierten die Analysten der Bank JPMorgan. Die Geldhäuser müssten Aufschläge zum Leitzins beziehungsweise Einlagensatz zahlen.

Dennoch baut der italienische Bankenindex seine Gewinne nach Bekanntgabe der TLTRO-Konditionen aus und legt 1,9 Prozent zu. Der Index für die Banken der Eurozone gewinnt 1,3 Prozent. Italienische Geldhäuser seien Hauptprofiteure des billigen Notenbank-Geldes, sagte Anlagestratege Stéphane Ekolo vom Brokerhaus Tradition.

Inflation steigt weniger stark

Dunkle Wolken über der Europäischen Zentralbank in Frankfurt
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Warum Guthaben schwinden und Zinsen nicht steigen

Die Geldpolitik hängt von der Entwicklung der Inflation ab. Mittelfristig strebt die EZB eine Teuerungsrate von knapp unter 2,0 Prozent an. Von diesem Niveau ist der Euro-Raum derzeit weit entfernt. Im Mai lagen die Verbraucherpreise im Euroraum nach vorläufigen Angaben der Statistikbehörde Eurostat um 1,2 Prozent über dem Vorjahresniveau. Im April war die Inflation mit 1,7 Prozent noch wesentlich höher. Die neuesten Einschätzungen der EZB zur Entwicklung von Inflation und Wachstum wird EZB-Präsident Mario Draghi am Donnerstagnachmittag veröffentlichen.

Zahlreiche Anlagestrategen, Konjunktur- und Devisenexperten hatten ohnehin nicht damit gerechnet, dass die EZB den Leitzins auf absehbare Zeit anheben wird. Johannes Müller, Leiter Macro Research der DWS, prophezeite jüngst, dass ein erster Zinserhöhungsschritt durch die EZB erst nach 2021 kommen werde. Frank Engels, Leiter Portfoliomanagement von Union Investment, glaubt gar an gar keine Zinserhöhungen mehr im Euroraum. Europa drohen japanische Verhältnisse - niedrige Zinsen, niedrige Inflation und niedriges Wachstum.

Staffelung des Strafzinses kommt vorerst nicht

Die Hoffnungen der Finanzbranche auf eine Entlastung beim Strafzins erfüllten sich zunächst nicht. Wegen der immensen Kosten der Negativzinsen - nach Branchenangaben allein im vergangenen Jahr rund 7,5 Milliarden Euro im Euroraum - waren zuletzt Forderungen nach einer Staffelung des Strafzinses oder Freibeträgen lauter geworden. Führende Notenbanker sehen dies jedoch skeptisch.

nb

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Was die Ökonomen zum Zinsentscheid sagen "Kein wirkliches Straffungssignal"

Johannes Müller, Head Macro-Research, DWS

Johannes Müller, Leiter Makro-Reseach, DWS:
"Die EZB bleibt sich treu und überrascht mit einer Verlängerung ihrer sehr expansiven akkommodierenden Geldpolitik: Nicht mehr nur bis Ende 2019, sondern mindestens bis Mitte 2020 sollen die Leitzinsen auf ihrem jetzigen Niveau verharren. Das bestätigt unsere Einschätzung, dass die sogenannte "forward guidance", also die Lenkung der Markterwartungen, durch die kommunikativ langfristige Festlegung der Geldpolitik im Instrumentarium der EZB an Gewicht gewinnt.

Ihre Entscheidung, die Zinsen auf dem aktuellen Niveau zu belassen, begründet die EZB mit einer durch Handelsstreit und Brexit erhöhten makroökonomischen Unsicherheit. 
Vor diesem Hintergrund ist es sogar erstaunlich, dass die Projektionen nur moderat angepasst wurden: Das Wachstum für 2020 wird etwas skeptischer gesehen und es bleibt bei der Einschätzung, dass die Inflation auch 2021 nicht das Ziel der EZB erreichen wird. Zum Thema Negativzinsen und Bankenprofitabilität sagte Mario Draghi, dass negative Zinsen bisher noch stets einen positiven Beitrag zur geldpolitischen Expansion geleistet hätten. [...]

Die wichtigste Botschaft unserer Meinung nach war jedoch die Aussage, dass die EZB bereit stünde, mit allen möglichen Instrumenten zu agieren, wenn sich die Rahmenbedingungen verschlechtern sollten. Von Normalisierung bleibt die EZB also weit entfernt. Im Gegenteil, die Zeichen stehen weiterhin auf Expansion."