Hausverkauf in der Finanzkrise 2009 in den USA

Immobilienmarkt in Gefahr Droht Amerika eine neue Hypothekenkrise?

von Thomas Spinnler

Stand: 14.04.2020, 06:45 Uhr

Der kollabierende US-Arbeitsmarkt könnte sich massiv auf den US-Immobilienmarkt auswirken. Denn wer kein Geld verdient, kann auch seine Hypotheken nicht bedienen. Auch der Markt für Gewerbeimmobilien macht Sorgen. Ausgangssperren und leere Einkaufszentren werden zu Pleiten führen. Droht eine neue Finanzkrise?

James McCann, Senior Global Economist bei Aberdeen Standard Investments, kommentiert die Lage am Arbeitsmarkt: "Das treibt einem die Tränen in die Augen, und wir stehen immer noch erst am Anfang der Entlassungen, die durch den Lockdown im ganzen Land ausgelöst werden. Die Arbeitslosigkeit könnte in den kommenden Monaten durchaus auf über zehn Prozent steigen, was sicherlich ein Nachkriegsrekord wäre." Binnen drei Wochen haben in den USA fast 17 Millionen Menschen ihren Job verloren.

Von Vorwärts- auf Rückwärtsschub

Andere Experten rufen sogar weit höhere Zahlen auf. Vollbremsung beschreibe den Prozess, den die US-Wirtschaft derzeit durchlaufe, nur ungenügend, schreibt Helaba-Analyst Patrick Franke. Der private Konsum macht rund 70 Prozent der US-Wirtschaftsleistung aus. Sollten die Arbeitslosenzahlen tatsächlich derart explodieren, wie es einige Experten prognostizieren, wird shoppen für viele zum Luxus.

Jobsuchende in New York

Jobsuchende in New York. | Bildquelle: picture-alliance/imageBroker

Das hat die US-Regierung erkannt. Sie schnürt längst billionenschwere Rettungspakete und verabschiedet Regelung auf Regelung, um die Folgen der Pandemie abzufedern. Auch der Immobilienmarkt liegt im Fokus. Nehmer staatlich unterstützter Hypotheken dürfen die Zahlungen für einen bestimmten Zeitraum und bis zu einer gewissen Grenze aussetzen.

"Wie viel Pause kann der Kapitalismus vertragen"

Ob das genügen wird? "Entfallene Umsätze oder Einkommen bei Unternehmen und privaten Haushalten kann der Staat für einen längeren Zeitraum nicht zu 100 Prozent ersetzen – selbst mit den umfangreichen Auffang- und Stimulusmaßnahmen geraten viele Bürger und Unternehmen in Existenznöte", stellt Franke fest und fragt, was derzeit alle gerne wissen würden: "Wie viel Pause kann der Kapitalismus vertragen?" Und wie viel der Immobilienmarkt?

Für die US-Wirtschaft ist der Hausmarkt ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor. Steigende Hauspreise lassen das Vermögen der Hausbesitzer wachsen, die, davon ermutigt, gerne weitere Konsumbedürfnisse befriedigen. Das treibt die Konjunktur an. Steigende Preise motivieren zum Hausbau, daran hängen wiederum andere Branchen, die unter dem Abschwung leiden - die nächste Abwärtsspirale.

Zu früh für sichere Einschätzung

Wer auf der Suche nach positiven Aspekten ist, wird wenigstens bei der Zinspolitik der Fed fündig. Durch die jüngsten Zinssenkungen der Fed könnte auch der Immobilienmarkt Rückenwind erhalten. Die Hypothekenzinsen sanken zuletzt auf niedrigstes Niveau. Das würde Käufer locken, jedenfalls wenn sie Arbeit haben.

Aber kauft man sich ein Haus, wenn man keine Arbeit mehr hat oder sich darum sorgt, sie zu verlieren? Wie sollen Geschäfte in Zeiten von "Social Distancing" überhaupt abgeschlossen werden? Und in der Rezession ist es eher wahrscheinlich, dass mögliche Käufer die Entscheidung ohnehin verschieben in der Hoffnung auf fallende Preise.

US-Familie vor ihrem Haus

US-Familie vor ihrem Haus: Und wer zahlt die Hypotheken?. | Bildquelle: imago images / Westend61

Es sei zu früh zu bestimmen, wie stark der Effekt auf den US-Hausmarkt durch die Coronakrise ausfallen werde, meint Todd Teta, Experte beim Immobilien-Datendienst Attom Data Solutions. Man bewege sich auf die Kaufsaison im Frühling zu, die nächsten Monate würden zeigen, wie ernst der Einfluss sein werde.

1.100 Milliarden Dollar wanken

Sicher ist bereits jetzt, dass die Risiken für den Finanzmarkt signifikant steigen. Banken dürften längst alarmiert sein, denn ausfallende Kredite in hoher Zahl können die Finanzinstitute in Schieflage bringen. Spätestens seit der Finanzkrise ist das Allgemeinwissen.

Die Schweizer Bank UBS schätzt, dass die rasant steigenden Arbeitslosigkeit in den USA dazu führen könnte, dass Kredite im Wert von mehr als 1,1 Billionen Dollar notleidend werden könnten. Enthalten sind auch Autos und Kreditkarten, mit über 900 Milliarden Dollar trägt der Hypothekenmarkt aber den größten Anteil. Um einen Zusammenbruch des Kreditmarktes zu verhindern, müsste die US-Regierung den Sektor mehr unterstützen als bislang geschehen, so das Votum der Fachleute.

Häuserreihen in einem Vorort von Las Vegas

Vorort von Las Vegas: Die Frühlingskaufsaison kommt. | Bildquelle: Imago

Kommt der Dominoeffekt?

Aber es ist nicht nur der private Hausmarkt, der Sorgen macht. Auch der Markt für Gewerbeimmobilien ist im Krisenmodus. Tom Barrack, Boss von Colony Capital, der seine Millionen auf dem Gewerbeimmobilienmarkt gemacht hat und den man deshalb als Experten und Marktteilnehmer mit Eigeninteresse betrachten kann, hat schon vor Wochen vor einem Dominoeffekt in der Branche gewarnt.

Fällt bei Unternehmen Umsatz aus, geraten die Mietzahlungen in Gefahr. Shopping Malls etwa brauchen regelmäßige Geldzuflüsse, um die hohen Mieten leisten zu können. In Deutschland hat Adidas jüngst mit der Ankündigung für Aufregung gesorgt, Mieten aussetzen zu wollen. Barrack zufolge könnten die Auswirkungen des Coronavirus selbst die sogenannte Great Depression zwergenhaft erscheinen lassen.

Donald Trump

Donald Trump, ein Kenner der Gewerbeimmobilien-Branche. | Bildquelle: imago images / ZUMA Wire

Gewiss hat Barracks Einschätzung an der Spitze der Regierung Gehör gefunden. Denn dort findet man einen Experten für Gewerbeimmobilien: US-Präsident Donald Trump. Barrack ist ein enger Vertrauter, Geschäftspartner und Berater des Präsidenten und war auch politisch für ihn an wichtigen Stellen tätig: "The Art of the Deal"?