Porträt

EZB-Chef Draghi wird 65 Der Signore Euro

Stand: 03.09.2012, 08:00 Uhr

Seit knapp einem Jahr regiert Mario Draghi als "Mister Euro". Der EZB-Präsident hat drei Mal den Leitzins gesenkt, den Banken mit der "dicken Bertha" eine Billionen-Geldspitze verpasst und versprochen, den Euro mit allen Mitteln zu retten. Heute wird "Super-Mario" 65. Wer ist der Italiener wirklich? Ein "Presidente al dente" oder der Verderber des Euro?

Mario Draghi

Mario Draghi EZB 1408. | Quelle: picture-alliance/dpa

Wenn Mario Draghi mit seiner eher altmodischen Brille ein Statement verliest, wirkt er wie ein Professor. Tatsächlich bewegt der nun 65-jährige Römer mit jedem seiner Worte die globalen Finanz- und Devisenmärkte, bringt Aktienhändler zum Jubeln oder Stöhnen und wirbelt das Vermögen von Millionen Sparen und Anlegern durcheinander. Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) ist einer der mächtigsten Männer der Welt. Nur Ben Bernanke, Präsident der US-Notenbank Fed, wird an den Finanzmärkten noch mehr beachtet.

"Dicke Bertha" und Leitzinssenkungen

Im Kampf gegen die europäische Schuldenkrise spielt Draghi die zentrale Rolle. Er hat bereits im ersten Jahr seiner achtjährigen Amtszeit die "dicke Bertha" ausgepackt und die Märkte mit Geld geflutet. Mehr als eine Billion Euro hat der oberste Währungshüter den Banken der Eurozone geliehen. Und den europäischen Leitzins hat er in drei Schritten gleich mal halbiert - von 1,5 auf 0,75 Prozent, den niedrigsten Stand seit Einführung des Euro. Sein Vorgänger, der Franzose Jean-Claude Trichet, zeigte sich da viel zögerlicher.

Dabei war der Italiener eigentlich nur eine Notlösung. Ursprünglich sollte Bundesbank-Chef Axel Weber Trichet an der Spitze der Notenbank ablösen. Doch Weber warf hin, weil er aus der Politik zu wenig Unterstützung bekam und ihm das Anleihekaufprogramm der EZB zu weit ging.

Die ehemaligen Staatschefs Frankreichs und Italiens, Nicolas Sarkozy und Silvio Berlusconi, einigten sich auf Draghi als Ersatzkandidaten. Nach einigem Zögern gab schließlich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel ihren Segen. "Ausgerechnet ein Italiener!", schimpften die deutschen Medien. "Mamma mia, bei den Italienern gehört Inflation zum Leben wie Tomatensoße zur Pasta", schrieb die "Bild"-Zeitung.

Der "preußische Italiener"

Doch Draghi entkräftete rasch die Vorurteile und lobte das deutsche Modell. "Alle sollen dem deutschen Beispiel folgen", empfahl er. Daraufhin bildete die "Bild"-Zeitung Draghi mit einer Pickelhaube auf dem Kopf als "preußischen Italiener" ab. Der EZB-Präsident fand das gut. "Das Preußische ist ein Symbol für den Auftrag der EZB, Preisstabilität zu wahren und die europäischen Sparer zu beschützen", sagte er.

Tatsächlich hat sich Draghi in Italien bereits als Kämpfer gegen die Inflation bewährt. Als Finanzstaatssekretär gelang es ihm in den 90er Jahren, Italien aus einer schweren Finanzkrise zu befreien. Er setzte ein Privatisierungs- und Sanierungsprogramm durch, brachte die Inflation unter Kontrolle und führte die Lira in den europäischen Wechselkurs-Mechanismus zurück. Der Spitzenbeamte wurde als "Wunderkind" gefeiert.

Seine Feuertaufe als Notenbanker bestand Draghi bei der Banca d'Italia. Von 2006 bis 2011 räumte er in der Notenbank auf und machte die Institution unabhängiger von der Regierung. Mit Berlusconi lieferte er sich einen Dauer-Streit.

Als Zentralbanker schon geboren

Italiens Ex-Premier Romano Prodi vermutet gar, dass Draghi als "Zentralbanker zur Welt kam". Schließlich war sein Vater schon ein einflussreicher Zentralbankbeamter. So hat der junge Mario schon ganz früh diplomatische Umgangsformen erlernt. Disziplin wurde ihm auf einer elitären Jesuitenschule in Rom vermittelt.

Der frühe Tod seiner Eltern zwang Mario Dragi, früh Verantwortung zu übernehmen. Partys mied er eher und widmete sich intensiv der Schule und dem Studium. 1976 promovierte er am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Umfeld der Nobelpreisträger Franco Modigliani und Paul Samuelson. Der Italiener war Professor in Harvard und in Florenz. Er spricht fließend Englisch und Französisch.

Bescheidenes Privatleben

Bis heute führt Draghi ein bescheidenes zurückgezogenes Leben ohne Hang zum Glamour. Mitunter benutzt der Italiener selbst ein Billigflugzeug, um nach Frankfurt zu reisen. Der einzige Luxus, den er sich leistet, ist die Mitgliedschaft im elitären Golfclub von Rom, dem Circolo del Golf di Roma Acquasanta. Draghi wandert gern und unternimmt Spaziergänge mit seinem Hund.

Als Ex-Manager bei der Investmentbank Goldman Sachs kennt Draghi auch die Praxis der Finanzmärkte. Dort arbeitete er von 2002 bis 2005. Die Tätigkeit bei Goldman gilt allerdings als wunder Punkt in der Karriere von "Super-Mario". Denn die Goldmänner berieten Griechenland, ihre Schulden zu verschleiern. Mit dem Geschäft habe er nichts zu tun gehabt, betont Draghi bis heute. Bei seiner Anhörung vor dem Europa-Parlament Mitte 2011 musste er sich allerdings kritische Fragen gefallen lassen.

Widerstand gegen neue Anleihenkäufe

Auch an der Spitze der EZB weht Draghi inzwischen ein eisigerer Wind entgegen. Die von ihm geschürten Spekulationen, das Anleihenkaufprogramm wieder aufzunehmen, lösten an den Börsen zwar eine "Draghi-Rally" aus, stießen aber unter den Notenbank-Mitgliedern und Regierungen auf geteiltes Echo. Bundesbank-Chef Jens Weidmann ging auf Distanz zu Draghi und warnte. Notenbankfinanzierung könne süchtig machen wie Drogen. Einzelne Politiker wie CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt  beschimpften Draghi gar als "Falschmünzer".

Der Italiener konterte. Außergewöhnliche Situationen erforderten außergewöhnliche Maßnahmen - gerade um die Währung stabil zu halten, erklärte "Super-Mario". Gewohnt diplomatisch.