Trotz unermüdlich neuer Geldspritzen Die Grenzen der Notenbanken

von Lothar Gries

Stand: 19.03.2020, 08:03 Uhr

Die amerikanische Notenbank aktiviert ein Notfallprogramm nach dem anderen. In der Nacht hat auch die EZB ein neues, 750 Milliarden Euro schweres Kaufprogramm aufgelegt. Warum sie den Absturz der Aktienmärkte dennoch nicht aufhalten können.

Zinssenkungen sind immer auch eine Frage des Timings. Statt wie erwartet heute Abend auf ihrer regulären Sitzung, hat die US-Notenbank Fed bereits am Sonntag den Leitzins um einen vollen Prozentpunkt gesenkt und gleichzeitig weitere geldpolitische Maßnahmen angekündigt. Aus Sicht der meisten Experten kam diese Entscheidung sowohl überraschend als auch zum falschen Zeitpunkt.

Bei den Investoren hat dies die Befürchtung geweckt, dass sich die Finanzmärkte und die Wirtschaft in einem schlechteren Zustand befinden als von den Verantwortlichen zuvor verkündet. Denn bereits in der Vorwoche war die Fed vorgeprescht und hatte völlig überraschend den Leitzins um einen halben Prozentpunkt gesenkt. Tatsächlich hat die US-Industrie im Februar ihre Produktion kaum hochgefahren. Die Betriebe stellten 0,1 Prozent mehr her als im Vormonat, wie die Fed gestern mitteilte.

Überstürzt in den Krisenmodus

Jerome Powell und die Zinsen

Jerome Powell. | Bildquelle: picture alliance / dpa, Montage: boerse.ARD.de

Dabei hatte die Zentralbank bis dahin stets versichert, die US-Wirtschaft stehe auf einem robusten Fundament, mit einer jährlichen Wachstumsrate von gut zwei Prozent und einer historisch niedrigen Arbeitslosenrate von zuletzt 3,6 Prozent. Doch plötzlich scheint dies nicht mehr zu gelten. Völlig überstürzt schaltet die Fed in den Panikmodus.

In der Folge ist es am Montag zu einem dramatischen und zeitgleichen Absturz der Kurse von Gold, Silber, Öl, Aktien und Staatsanleihen gekommen. Mehrere Marktexperten waren sogar der Meinung, dass die Börsen schließen müssten, falls die Maßnahmen der Fed nicht ausreichen sollten, um die Verluste an den Aktienmärkten zu stoppen. Die Schließung sollte so lange erfolgen, bis sich die Situation wieder beruhige. Diese Diskussion steht derzeit im Raum, auch wenn eine Schließung noch von allen Seiten dementiert wird.

Zinspolitischen Spielraum verfeuert

Investoren weisen zudem darauf hin, dass die Fed, anders als früher, keinen monatlichen Zeitplan für die Anleihekäufe festgelegt hat. Stattdessen hat sie nur eine Gesamtsumme in Aussicht gestellt, um flexibler agieren zu können. Eine fatale Entscheidung, denn ein solches Vorgehen wirkt eher wie eine Notfallaktion als eine geordnete geldpolitische Maßnahme. Auch wirkte Fed-Präsident Jerome Powell in der kurzfristig anberaumten Pressekonferenz am Sonntag seltsam unsicher.

Negativzinsen

Negativzinsen. | Quelle: colourbox.de

Und nun? Wie die Europäische Zentralbank (EZB) hat jetzt auch die Federal Reserve ihren zinspolitischen Spielraum verfeuert. Die Zinsen liegen bei null und müssten im Fall eines weiteren Schrittes ins Minus gesenkt werden. Damit führe die Corona-Pandemie schonungslos vor Augen, dass die Zentralbanken eigentlich "ohne Kleider" dastehen, urteilen Kritiker.

So ganz stimmt das nicht. Die japanische Zentralbank ist längst dazu übergegangen, Indexfonds (ETFs) zu kaufen, um die Aktienmärkte zu stützen. Dafür hat sie erst Anfang des Monats noch einmal fast eine Milliarde Dollar ausgegeben. Aufhalten konnte sie den Absturz der Aktienmärkte damit freilich nicht, lediglich etwas verlangsamen. Auch die EZB hätte theoretisch die Möglichkeit, Aktien zu kaufen. Ob sie davon jemals Gebrauch machen wird, weiß niemand.

Geldpolitik kann nur Nachfrage stärken

Fakt ist, dass die Geldpolitik der Notenbanken grundsätzlich nur die Nachfrage stärken kann. In der derzeitigen Krise fallen aber Nachfrage und Angebot zugleich aus, weil viele Firmen nicht mehr produzieren oder ihre Dienstleistungen nicht mehr anbieten. Auch können die Notenbanken nicht verhindern, dass immer mehr Fabriken schließen, Veranstaltungen abgesagt werden und das öffentliche Leben praktisch zum Erliegen gekommen ist. Damit kommen auch die Instrumente einer Notenbank an ihre Grenzen, selbst wenn sie bereit ist, aus allen Rohren zu feuern.

Denn das Coronavirus breitet sich immer weiter aus. Inzwischen übersteigt die Zahl der Infizierten außerhalb Chinas diejenigen in China selbst. Trotz der vielen Milliarden, die die Notenbanken derzeit in die Systeme pumpen, steuert die Weltwirtschaft 2020 in die Rezession. Auch Nullzinsen oder Wertpapier-Kaufprogramme werden das nicht verhindern, bestenfalls etwas abfedern. Das wissen auch die Anleger an den Börsen.

Deshalb dürfte sich Lage an den Finanzmärkten erst dann wieder bessern, wenn der Kampf gegen die Ausbreitung des Virus Erfolge zeigt.