Stempel mit Minuszinsen-Schriftzug

Neue Studien Deutschland profitiert besonders von den Minuszinsen

von Notker Blechner

Stand: 14.11.2019, 17:08 Uhr

Seit Monaten hadern Banken und Politiker mit den Null- oder gar Minuszinsen in der Eurozone. Tatsächlich ist der deutsche Staat einer der großen Nutznießer der Niedrigzinspolitik. Das belegen mehrere Studien. Schwieriger ist die Suche nach den Schuldigen für das Zinsdilemma.

114 Milliarden Euro an Zinsen hat der Bund zwischen 2008 und 2018 dank der EZB-Politik eingespart. Das hat die Allianz in ihrer neuesten Studie "Allianz Interest Income Calculator" ermittelt. Insgesamt liege der Vorteil für den deutschen Staat bei sechs Prozent der Wirtschaftsleistung (BIP).

Allianz: Zinsvorteile für den Bund

Als Ursache für das gute Abschneiden des Bundeshaushalts sehen die Allianz-Experten, dass die extrem niedrigen Zinsen mit einer zurückhaltenderen Aufnahme neuer Schulden einhergingen. Die Allianz-Experten weisen darauf hin, dass nicht alle Euroländer vom Zinsverfall profitierten. Für den italienischen Staat lägen die Zinsvorteile bei vier Prozent des BIP oder 66 Milliarden Euro. In anderen Ländern hätten dagegen steigende Schulden den Zinsvorteil wieder zunichte gemacht.

Während die deutschen Staatsfinanzen durch die Nullzinspolitik entlastet wurden, sieht es bei den privaten Haushalten völlig anders aus. So habe sich das Nettozinseinkommen deutscher Haushalte um 123 Milliarden Euro verschlechtert. Ähnlich in der Finanzbranche: Während Finanzfirmen in Belgien und in den Niederlanden sogar von den Dauertiefzinsen profitierten, verschlechterte sich das Nettozinseinkommen deutscher Geldinstitute den Daten zufolge um 114 Milliarden Euro.

Flossbach: Bund verdient Milliarden mit Schulden

Zu ähnlichen Schlüssen kam unlängst der Vermögensverwalter Flossbach. Der größte Profiteur der Niedrigzinsen in der Eurozone sei der deutsche Staat, dessen Zinsausgaben sich seit 2015 halbiert hätten. Nach Ansicht von Flossbach verdiene der Bund inzwischen mit den Schulden Geld – und das nicht wenig. Er beziffert die Emissionsgewinne der Bundesrepublik auf gut 25 Milliarden Euro seit 2013.

Flossbach spricht von einem "Milliardentrick": "Wenn eine Anleihe mit einem Kupon von null begeben wird, die Marktrendite aber unter null liegt, erfolgt die Ausgabe zwangsläufig zu einem Kurs, der über 100 Prozent des Nennwertes liegt (über pari), also beispielsweise zu 104 bei einer fünfjährigen Anleihe mit einer Emissionsrendite von minus 0,8 Prozent", schreibt der Vermögensverwalter. Am Ende der Laufzeit müsse aber nur der Nominalwert von 100 zurückgezahlt werden. Die Differenz von vier Prozent verbuche der Finanzminister als Gewinn für den Bund. Dieser fließe umgehend in den aktuellen Haushalt ein. Alleine dadurch werde Deutschland 2019 voraussichtlich 7,5 Milliarden Euro Gewinne machen, die eigentlich künftigen Steuerzahlern zustünden.

Nominale und reale kurzfristige Zinsen in den G3 Ländern

Nominale und reale kurzfristige Zinsen in den G3 Ländern. | Bildquelle: IWF, Flossbach von Storch, Grafik: boerse.ARD.de

Flossbach findet es besonders ironisch, dass ausgerechnet Politiker nun den Banken per Gesetz verbieten wollen, Negativzinsen für Privatanleger zu erheben. Schließlich profitiere der Staat ja am meisten von den Minuszinsen.

Allianz: Staat sollte Zinsersparnisse an Bürger weitergeben

Von einem "Verteilungsproblem" spricht Allianz-Experte Arne Holzhausen in der oben genannten Allianz-Studie. "Dass sich Deutschland auf der Gewinnerseite wiederfindet, bedeutet nichts anderes, als dass Niedrigzinsen hierzulande vor allem ein Verteilungsproblem sind", sagt er. Er schlägt vor, die Folgen der Niedrigzinspolitik für die privaten Haushalte abzumildern, indem der Staat die Zinsersparnisse an die Bürger weitergibt.

Wer hat den Zins umgebracht?

Über die Ursachen der Niedrigzinsen streiten die Ökonomen. Die Keynesianer und Neoklassiker führen die niedrigen Zinsen auf eine "Ersparnisschwemme" und ein strukturell schwaches Wirtschaftswachstum zurück, erklärt Thomas Mayer vom Research Institut Flossbach von Storch. Die Vertreter der österreichischen Schule hingegen halten die Zentralbanken für die Schuldigen der Niedrigzinsen. In einer Studie, die Mayer zusammen mit Professor Gunther Schnabl von der Uni Leipzig erstellte, widerspricht er den Thesen der Keynesianer. Die beiden Studien-Autoren fanden für die globale Sparflut- und Stagnationshypothese keine Hinweise. Die niedrigen Zinsen nach der Finanzkrise hätten das Wirtschaftswachstum nicht angetrieben, sondern eher geschwächt. Sie schufen lediglich Anreize für Finanzinvestitionen, nicht aber für Real-Investitionen. Strukturanpassungen in den Krisenländern blieben aus.

Die Zentralbanken hätten mit ihrer jüngsten Geldpolitik asymmetrisch gehandelt, meinen die Autoren der Studie. In Krisen hätten sie die Zinsen stark gesenkt, aber nicht wieder in gleichem Maße erhöht, als sich die Konjunktur wieder erholte. Insofern hätten die Notenbanken den Zins "umgebracht".