Hamburger Hafen im Nebel und Regen

Deutscher Wirtschaftsmotor stottert Gewinn- und Umsatzwarnungen auf Rekordhoch

Stand: 04.05.2020, 13:55 Uhr

Die Gewinn- und Umsatzwarnungen deutscher Unternehmen haben laut der Beratungsgesellschaft EY ein Rekordhoch erreicht. Blickt man weiter in die Zukunft, könnte die Krise aber auch einen wichtigen Impuls liefern.

Allein im ersten Quartal 2020 seien 77 Gewinn- oder Umsatzwarnungen deutscher Gesellschaften registriert worden: "Mehr als je zuvor in einem Quartal und mehr als doppelt so viele wie im Vorjahreszeitraum", heißt es in der aktuellen EY-Studie. 80 Prozent der Warnungen seien auf die Corona-Krise und ihre Folgen zurückzuführen heißt es weiter.

Gewinn- und/oder Umsatzwarnungen deutscher Unternehmen

Gewinn- und/oder Umsatzwarnungen deutscher Unternehmen.

Autobranche besonders betroffen

Während manche Branchen die Krise weniger zu spüren bekommen, trifft es andere deutlicher. Von Gewinn- und Umsatzwarnungen in Deutschland waren vor allem Autohersteller und Zulieferer betroffen. Sieben der zwölf Unternehmen mussten demnach ihren Ausblick nach unten anpassen. "Der Automobilsektor war früher als andere Sektoren betroffen. Andere Branchen wie Konsumgüterproduzenten und der Einzelhandel spürten die Auswirkungen später, aber häufig nicht weniger massiv", sagt Milan Knarse, Partner bei EY in der Restrukturierungsberatung. Er rechnet mit einer weiter steigenden Zahl von Warnungen im zweiten Quartal.

Gewinnwarnungen für Aktionäre wenig überraschend

Große Auswirkungen hatten die Warnungen auf die Aktienkurse aber nicht. Am Tag der Veröffentlichung sei der Aktienkurs der betroffenen Unternehmen im Schnitt um drei Prozent gesunken. Vergangenes Jahr habe das Minus im Fall einer Gewinn- oder Umsatzwarnung durchschnittlich sieben Prozent betragen. "In einem hochgradig volatilen Kapitalmarkt, der global von COVID 19 betroffen ist, traten zuletzt unternehmensindividuelle Nachrichten etwas in den Hintergrund", beobachtet Martin Steinbach, Leiter des Bereichs IPO and Listing Services bei EY.

Trüber Blick nach vorn

Immerhin: 43 Unternehmen konnten ihre Anleger darüber informieren, dass die Prognose übertroffen werde, heißt es in der Studie. Das seien allerdings Ausnahmen. "Wir werden in den kommenden Wochen und Monaten nur wenige positive Überraschungen sehen. Im besten Fall können Unternehmen ihre Produktion umstellen und ihre Produktpalette um derzeit nachgefragte Güter erweitern. Krisenprofiteure gibt es allerdings kaum", betont Knarse.

Der Rückgang der Wirtschaftsleistung Deutschlands dürfte nach Schätzungen der Beratungsgesellschaft McKinsey für das zweite Quartal dieses Jahres, je nach Erholung, 10 oder 14 Prozent betragen.

"Jüngste McKinsey-Analysen gehen zudem davon aus, dass das BIP allein in der Woche des 20. April gegenüber dem Vorjahreswert um circa 25 Prozent gesunken ist, das entspricht einem Rückgang von ca. 15 Mrd. Euro innerhalb einer Woche", heißt es in einer aktuellen McKinsey-Analyse. Für das gesamte Jahr 2020 rechnen die Analysten mit einem Rückgang des BIPs zwischen fünf und zehn Prozent.

"Krise als Impuls für Wandel nutzen"

Megatrend Digitalisierung Globus mit Einsen und Nullen

Die Anforderungen an die Digitalisierung sind in der Krise weiter gestiegen. | Bildquelle: colourbox.de, Montage: boerse.ARD.de

Die Autoren der McKinsey-Studie geben zu bedenken, dass die Krise als Anlass genommen werden kann, um "den (digitalen) Strukturwandel im deutschen Gesundheitssystem und in einigen Industriesektoren grundlegend voranzutreiben". Sollte das gelingen, gehen die Experten davon aus, dass "die deutsche Wirtschaft im Jahr 2028 wieder auf den Wachstumspfad zurückkehren kann, den sie ohne COVID-19-Krise erreicht hätte".

ms