Geldpolitik

Helikopter mit EZB-Schriftzug vor Fünfhunderteuro-Scheinen

Die verrückte Debatte über "Helikoptergeld" Der Traum vom Geld, das vom Himmel regnet

von von Notker Blechner

Stand: 29.03.2016, 16:16 Uhr

Hubschrauber kreisen über Europa und werfen kostenlose Banknoten ab. Was wie eine Szene aus einem Science-Fiction-Film klingt, wird derzeit ernsthaft diskutiert unter Ökonomen - als ultimative Waffe der EZB im Kampf um mehr Inflation. In Deutschland stößt das Konzept des "Helikoptergelds" auf heftige Kritik.

Seit EZB-Präsident Mario Draghi vor zweieinhalb Wochen die Idee als "sehr interessantes Konzept" bezeichnete, ist die Debatte um das "Helikoptergeld" neu entbrannt. Theoretisch könnten alle Notenbanken dieses "extreme Instrument" als ultima ratio einsetzen, meinte EZB-Chefvolkswirt Peter Praet in einem Interview. Es stelle sich nur die Frage, ob und wann der Einsatz tatsächlich Sinn mache.

Eine alte Idee von Milton Friedman

Der Begriff "Helikoptergeld" geht auf Milton Friedman zurück. Der US-Ökonom und Nobelpreisträger wählte vor vier Jahrzehnten in seinem Buch "Optimum Quantity of Money" das Bild eines Hubschraubers, um den Kampf gegen die Deflation und Wirkungszusammenhänge in der Geldpolitik zu veranschaulichen. Was passiere, wenn ein Helikopter über einer Stadt fliege und 1.000-Dollar-Scheine vom Himmel werfe, fragte er. Die Antwort des US-Ökonomen: Die Inflation steigt.

Der frühere amerikanische Notenbank-Chef Ben Bernanke griff das Thema auf. Er beschäftigte sich mit der Frage, ob Japan mit "Helikoptergeld" aus der Deflation finden könne. Vor seiner Berufung zum Fed-Chef meinte er einmal scherzhaft, notfalls könne man Dollar aus dem Hubschrauber werfen, um das Wachstum anzukurbeln. Seither trägt Bernanke den Spitznamen "Helicopter-Ben". Während der Finanzkrise lieh sich die US-Regierung Geld von der Fed, damals unter der Leitung von Bernanke, um Steuergutschriften in Höhe von 100 Milliarden Dollar an Privathaushalte zu verteilen.

Ökonomen: Instrument zur Inflationsankublung

Mehrere Ökonomen vor allem aus dem angelsächsischen Raum plädieren dafür, "Helikoptergeld" unters Volk zu bringen. In einer Welt, die bis zum Hals in Schuld stecke, sei das Instrument die letzte Rettung, meint Adair Turner, der frühere Chef der britischen Finanzaufsicht. Auch in der Eurozone sollte "Helikoptergeld" als mögliche Option gesehen werden, meint er. Denn die bisherigen Instrumente der EZB haben nicht die erhoffte Wirkung gezeigt. Das Wachstum ist nach wie vor schwach, die Unternehmen investieren nicht, die Banken geben kaum Kredite, und die Bürger halten sich beim Konsum zurück.

Auch Citigroup-Chefvolkswirt Willem Buiter schlug in der Euro-Krise vor, die EZB solle einfach Geld aus dem Hubschrauber abwerfen. Damit ließe sich die Inflation wieder ankurbeln, da die Bürger mit dem "Helikoptergeld" einkaufen gingen.

Steuergutschrift für Bürger?

Für eine Umverteilung macht sich die Ökonomen-Gruppe "QE for People" stark. Statt das Zentralbank-Geld über den Ankauf von Wertpapieren in den Markt zu pumpen, sollte es direkt an die Bürger verschenkt werden. Diese könnten mit ihren Konsumausgaben die Inflation anheben.

Fällt das Geld also bald vom Himmel? So einfach ist es in der Praxis nicht. Wahrscheinlicher wäre, dass die Zentralbank den Regierungen das Geld überweist. Diese würden es dann in Form einer Steuergutschrift oder Konsumgutscheinen an die Bürger weiterreichen oder in Infrastruktur-Projekte investieren. Eine weitere mögliche Variante wäre, dass die EZB den Bürgern Geld auf speziellen "Notenbankkonten" schenkt.

"Helikoptergeld ist Quatsch"

Doch ganz abgesehen von den absehbaren bürokratischen Hürden lehnen die meisten deutschen Ökonomen solche Gedankenspiele ab. Der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding, findet "Helikoptergeld" reinen Quatsch. Wirtschaftlich sei es nicht nötig, und politisch würde man damit einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen. "Es würde die Illusion nähren, die Notenbank könne für die Bürger einfach immer mehr Geld drucken", warnte er. Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise sieht beim Einsatz von "Helikoptergeld" eine Überschreitung des EZB-Mandats. Hier handle es sich um direkte Staatsfinanzierung oder um direkte Geldgeschenke an die Bevölkerung, monierte er in der "Welt am Sonntag". "Beides würde einen Systembruch bedeuten." Ähnlich äußert sich die DZ Bank in einer Studie. "Helikoptergeld" sei schwer mit den Statuten der EZB und dem Vertrag von Maastricht vereinbar.

"Totale Geistesverwirrung"

Der ehemalige Chefvolkswirt der EZB, Otmar Issing, kritisiert die Debatte als "totale Geistesverwirrung". Die Idee des "Helikoptergelds" sei "nichts anderes als eine Bankrotterklärung der Geldpolitik". Issing: "Eine Notenbank, die Geld verschenkt, wird kaum mehr die Kontrolle über die Notenpresse wiedererlangen können."

Als weiteres Problem sieht die DZ Bank, dass die Geldgeschenke "keine Gegenposition in der EZB-Bilanz haben". Davor warnt auch Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. "Helikoptergeld ist kein Manna, das vom Himmel fällt, sondern würde riesige Löcher in die Notenbank-Bilanzen reißen", sagte er in einem Interview mit der Funke-Mediengruppe. "Letztlich müssten die Steuerzahler die Kosten tragen, weil die Notenbankgewinne ausblieben."

DZ Bank: Gefährlicher Gewöhnungseffekt

Die DZ Bank sieht das "Helikoptergeld" als zweischneidiges Schwert. Das Ziel, die Deflationssorgen, könnten kurzfristig erreicht werden. Auf Dauer bestehe aber die Gefahr, dass sich staatliche oder private Haushalte an die Liquiditätsspritzen gewöhnen. Würden die Maßnahmen dann irgendwann zurückgefahren, könnte es zu einem Konsumeinbruch und einer schweren Rezession kommen. Zudem könnte die Stimmung in der Öffentlichkeit kippen, wenn die gewünschten Effekte nicht eintreten. Dann drohe der Notenbank ein Glaubwürdigkeitsverlust. Das wäre wohl das Ende des Euro. "Die EZB hätte genau das Gegenteil erreicht von dem, was sie eigentlich wollte", warnt die DZ Bank.