Bundesbank-Präsident Jens Weidmann

Bundesbankpräsident Weidmann warnt "Das deutsche Finanzsystem ist verwundbarer geworden"

Stand: 29.11.2019, 09:55 Uhr

Wegen der guten wirtschaftlichen Lage haben die deutschen Banken ihre Vorsorge für Kreditausfälle auf ein historisch niedriges Niveau reduziert. Doch das macht sie auch verwundbar, warnt Bundesbankpräsident Jens Weidmann.

Sollte die Konjunktur unerwartet einbrechen und nicht nur – wie derzeit – auf der Stelle treten, könnten wieder mehr Kredite ausfallen und Sicherheiten an Wert verlieren. Dies hätte unmittelbare Folgen für die Banken, denn aufgrund der gesunkenen Risikovorsorge würden die entstehenden Verluste schneller auf das Eigenkapital durchschlagen, warnte Bundesbankpräsident Jens Weidmann auf einer Veranstaltung gestern Abend in Berlin.

In diesem Fall könnten die betroffenen Banken die Kreditvergabe einschränken, um ihre Eigenkapitalausstattung zu schonen. "Und wenn viele Banken gleichzeitig so reagieren, würde das die Finanzierungsbedingungen weiter verschlechtern und den Konjunktureinbruch verschärfen. Wir haben es hier also mit zyklischen Risiken zu tun, die eng miteinander verknüpft sind und sich wechselseitig verstärken könnten," so der Bundesbankpräsident.

Geldpolitik mitverantwortlich für gestiegene Immobilienpreise

Darüber hinaus verwies Weidmann auf die Folgen der expansiven Geldpolitik für den Immobilienmarkt. Er geht davon aus, dass die Geldpolitik in der Eurozone "wohl ihren Anteil" am starke Anstieg der Preise für Wohnimmobilien habe. Der Preisanstieg in den deutschen Städten sei deutlich stärker, als durch längerfristige wirtschaftliche und demografische Faktoren gerechtfertigt erscheine.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Die Überbewertungen am Immobilienmarkt könnten dazu führen, "dass Banken die Werthaltigkeit ihrer Kreditsicherheiten überschätzen", warnte Weidmann. Trotz der aufgezeigten Gefahren sieht Weidmann die aktuelle Entwicklung aber noch nicht kritisch. Risiken auf dem Immobilienmarkt können sich vor allem dann aufbauen, wenn neben den Preisen auch die Kredite kräftig steigen und Banken zugleich ihre Vergabestandards stark lockern. "Eine solche Spirale ist in Deutschland derzeit aber nicht in Sicht", erklärte der Notenbanker.

"Klimawandel ist Sache der Politik"

Angesichts der hierzulande besonders aufgeheizten Debatte über den Klimawandel warnte Weidmann zudem vor übertriebenen Erwartungen an die Notenbanken.

"Eine Geldpolitik, die explizit umweltpolitische Ziele verfolgt, läuft Gefahr, sich zu übernehmen", betonte Weidmann. Damit befindet sich der Notenbanker in guter Gesellschaft. Auch Jerome Powell, der Chef der amerikanischen Zentralbank Fed, sagte jüngst vor dem US-Kongress: "Klimawandel ist ein wichtiges Thema, aber nicht vornehmlich für die Fed. […] Das ist die Sache gewählter Amtsträger, nicht unsere".

lg