Weltkarte und Staatsschulden

Hohe Verschuldung als Zeitbombe Crash durch Zinswende?

Stand: 23.05.2018, 15:26 Uhr

Die Verschuldung von Staaten und Unternehmen hat schwindelerregende Ausmaße angenommen. Die Niedrigzinsphase hat viele Schuldner in trügerischer Sicherheit gewogen. Wenn die Zinsen steigen, könnte es für viele Unternehmen, aber auch für ganze Staaten sehr eng werden.

Die Zahl klingt wie Finanz-Science-Fiction: Bei circa 164 Billionen Dollar liegt nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) die weltweite Gesamtverschuldung. Der Betrag schließt immerhin die Gemeinschaft aller Staaten und Unternehmen, also die Privatwirtschaft, mit ein.

Endloser Strom billigen Geldes

Ins Verhältnis zur globalen Wirtschaftsleistung gesetzt sind dies 225 Prozent, ein einsamer Rekordwert, seit es Staaten und Schulden überhaupt gibt. Möglich gemacht hat diesen Rekord vor allem die ebenfalls rekordwürdige Ära der globalen Niedrigzinsen. Die wiederum hat ihren Ausgang mit der Hypotheken- und Finanzkrise ab 2007 genommen. Staaten und Banken mussten - vermeintlich - gerettet werden, Notenbanken sprangen mit Nullzinsen und Anleihe-Rückkäufen ein und sorgten für einen endlosen Strom billigen Geldes.

Zum Problem wird die Verschuldung freilich erst dann, wenn die Kosten dieser Schulden, also die Zinsen, steigen. Und genau dieser Prozess hat begonnen - vor allem in den USA. Aber auch in Europa sind Kreditzinsen bereits kräftig von ihren Tiefstständen nach oben geklettert. Wer dann neue Kredite benötigt, den bedrohen vielfach höhere Kosten dafür, Kosten, die sogar existenzbedrohend für Unternehmen und Staaten sein können und eine Kettenreaktion im gesamten globalen Finanzsystem auslösen könnten.

Wann eine solche Kettenreaktion genau droht, weiß freilich niemand. Anleger sollten sich aber der Gefahren für das globale Finanzsystem bewusst sein.

USA hoch verschuldet, aber noch vital

Die größte Volkswirtschaft der Welt ist zugleich auch der größte Schuldenmacher weltweit: Die USA. Ob die Verschuldungsquote der öffentlichen Körperschaften (also des Zentralstaates, der Bundesstaaten und Kommunen) von 108 Prozent der Wirtschaftsleistung bereits zu viel des Guten ist, darüber streiten die Experten. Deutsche-Bank-Chefanlagestratege Ulrich Stephan etwa sieht diese Quote unter der Trump-Regierung sogar noch wachsen, sieht aber noch keine Schuldenkrise "made in USA" herannahen. Immerhin handelt es sich um die größte Volkswirtschaft der Welt, mit vielen Einnahmequellen, zum Beispiel ihren Weltkonzernen aus allen Branchen.

US-Verschuldung 1900 - 2020

US-Verschuldung 1900 - 2020. | Bildquelle: Futuretimeline.net, Fairesearch.de, Grafik: boerse.ARD.de

Kniffliger dürfte die Situation für viele Emerging Markets werden, die am "Tropf" von US-Dollarkrediten hängen. Steigen deren Zinslasten könnten für Volkswirtschaften in Lateinamerika oder Asien zum Mühlstein werden. Im Gegensatz zu vielen Industrieländern sind die Verschuldungsquoten in Brasilien oder Mexiko (mit deutlich unter 100 Prozent des BIP) noch auf einem erträglichen Niveau. Das gilt zum Beispiel nicht für die beiden am höchsten verschuldeten Länder in der der Eurozone: Griechenland ist mit rund 180 Prozent seiner Wirtschaftsleistung verschuldet, Italien mit 130 Prozent. Eine harte Zinswende durch die EZB hätte hier gravierende Folgen.

Die Gefahr lauert bei den Unternehmen

Experten sehen aber die eigentliche Zeitbombe woanders ticken: "Die nächste Krise wird von der Verschuldung der Unternehmen ausgelöst", zitierte das "Handelsblatt" jüngst einen Hedgefonds-Manager. Viele große Investoren sehen, wie Scott Minerd von Guggenheim Partners, hier gar das "nächste Explosionszentrum für die nächste Rezession".

Überschuldete Unternehmen sehen die Beobachter derzeit vor allem in den USA und China. In den USA, wo laut Standard & Poor's viele Firmen stark fremdfinanziert sind, ist die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen, ein wichtiges Maß für das allgemeine Zinsniveau, auf über drei Prozent geklettert, die Belastungen steigen also bereits. Und in China haben allein die Unternehmensschulden mit derzeit 20 Billionen Dollar einen Wert von 160 Prozent des chinesischen BIP erreicht, eine Vervierfachung seit 2007, dem Beginn der Finanzkrise.

Debt Funds als Brandbeschleuniger?

Und in beiden Ländern wurden so genannte Debt Funds, also bankenunabhängige Finanzierungsvehikel, in den vergangenen Jahren immer beliebter. Solche Fonds sind für Firmen eine Möglichkeit, unabhängig von Banken an Kredite zu kommen. Bis Ende 2018 sollen nach einer Studie der Steinbeis Hochschule in Berlin global 755 Milliarden Dollar an Krediten über Debt Funds vergeben worden sein. Auch in Deutschland gibt es erste Möglichkeiten zu dieser alternativen Finanzierungsform. Einige Experten sehen hier einen kritischen Punkte im Finanzsystem sollten die Zinsen weiter steigen. Bereits jetzt liegt die Ausfallrate der Kreditfonds in den USA bei acht Prozent - Tendenz deutlich steigend. Vielleicht werden Debt Funds einst als Brandsatz einer neuen Finanzkrise in die Geschichte eingehen.

AB