Junges Paar mit Gesichtsmasken

Volkswirte warnen Coronavirus: Droht jetzt eine Rezession?

Stand: 25.02.2020, 14:17 Uhr

Die Ausbreitung des Coronavirus außerhalb Chinas, besonders in Italien, schürt die Sorge vor einem Konjunktureinbruch. Schon werden Forderungen nach Zinssenkungen laut.

Tatsächlich sind inzwischen aus rund 30 Ländern und Regionen außerhalb Festlandchinas mehr als 2.200 Infektionen und mehr als 25 Todesfälle berichtet. In Italien ist die Zahl der Infizierten auf über 200 gestiegen.

DZ Bank-Analyst Michael Bissinger befürchtet im Fall einer weltweiten Pandemie eine globale Rezession mit scharfen Kursverlusten an den Aktienmärkten. "Die Investoren werden in einen Risk-off-Modus schalten und massiv Aktien verkaufen", prognostiziert er.

Bricht der Dax um 30 Prozent ein?

Die wirtschaftlichen Schäden durch Produktionsausfälle, gestörte Lieferketten, eingeschränkte Konsummöglichkeiten und die Ausfälle im Reiseverkehr seien vor allem für China und die asiatischen Anrainerstaaten schon jetzt beträchtlich.

Sollte die Weltwirtschaft in eine Rezession rutschen, könnte der Dax mit seinen vielen exportabhängigen Werten um rund 30 Prozent einbrechen und auf unter 10.000 Punkte fallen. Einen Kurseinbruch von rund 50 Prozent wie zu Zeiten der Finanzkrise 2008/2009 schließt der Experte aber aus. Die Zuversicht an den Märkten werde erst dann zurückkehren, wenn die Krankheit abklingt - was hoffentlich im zweiten Halbjahr der Fall sein wird.

Schlimmer als Sars

Unicredit-Chefvolkswirt Nielsen rechnet denn auch mit einem deutlichen Konjunkturknick in China. Die Wirtschaft des Landes dürfte im ersten Quartal nur noch um 3 Prozent wachsen, nach rund 6 Prozent Ende 2019, glaubt der Experte. Angesichts der in den vergangenen Jahren stark gestiegenen Bedeutung Chinas für die Weltwirtschaft werde das entsprechende Auswirkungen auf die globale Konjunktur haben.

Peter Oppenheimer, Chefaktienstratege bei Goldman Sachs warnte, die schwächelnde Konjunktur in China werde weitaus größere Auswirkungen auf den Rest der Welt haben als der Sars-Ausbruch noch vor zwei Jahrzehnten. Dem Experten zufolge macht allein der Tourismus 0,4 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus.

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"Viele Szenarien sind möglich"

Auch der Internationale Währungsfonds (IWF), der nun seine Wachstumsprognose für China gesenkt hat sieht die Lage kritisch. Der Fonds erwarte nun für 2020 ein Wirtschaftswachstum von 5,6 Prozent statt der noch im Januar vorhergesagten 6,0 Prozent, sagte IWF-Chefin Kristalina Georgiewa. Das Wachstum der Weltwirtschaft werde wegen des Coronavirus voraussichtlich 0,1 Prozent geringer ausfallen. Hier hatte der IWF vor kurzem noch von 3,3 Prozent Zuwachs im laufenden Jahr erwartet.

Man gehe bei diesem Szenario davon aus, dass die chinesische Wirtschaft im zweiten Quartal zur Normalität zurückkehren kann, sagte Georgiewa. Die IWF-Chefin räumte allerdings ein, es gebe noch große Unsicherheiten - etwa über die Verbreitung des Virus. Das erschwere eine verlässliche Prognose. "Viele Szenarien können sich abspielen, je nachdem, wie schnell das Virus eingedämmt wird und wie schnell sich die chinesischen und anderen betroffenen Volkswirtschaften wieder normalisieren", sagte Georgiewa.

IWF-Chefin Kristalina Georgieva

Kristalina Georgiewa: Große Unsicherheiten. | Bildquelle: Imago

Die Fachleute von Oxford Economics schätzen, dass das Wachstum der Weltwirtschaft in der ersten Jahreshälfte 2020 auf nahezu Null sinken würde, wenn der Ausbruch des Coronavirus zu einer globalen Pandemie würde.

"Nackenschlag für die Konjunkturerholung"

Für Marc Schattenberg, Volkswirt bei der Deutschen Bank, ist das Coronavirus ein "Nackenschlag" für die Erholung der Konjunktur. "Die Frühjahrsbelebung fällt erwartungsgemäß schwach aus", so Schattenberg. Katharina Utermöhl von der Allianz-Gruppe hält sogar ein leichtes Schrumpfen der Wirtschaftsleistung im ersten Quartal für möglich. Für das Gesamtjahr sieht sie nur noch ein Wachstum von 0,5 Prozent.

Insgesamt sehen die Volkswirte die konjunkturelle Situation in Deutschland schwieriger als noch vor wenigen Monaten. "So gut wie alle Frühindikatoren zeigen abwärts", sagte Jens-Oliver Niklasch von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Allerdings gebe es auch keine akuten Einbrüche zu befürchten. Das Wachstum sieht er nur noch bei 0,4 Prozent für das Gesamtjahr.

Präsident der Federal Reserve Jerome Powell

Präsident der Federal Reserve Jerome Powell. | Bildquelle: Imago

Senkt die Fed die Zinsen?  

In China hat die Notenbank die Geldpolitik bereits gelockert und viele Milliarden in den Markt gepumpt - auch mit Hilfe niedrigerer Zinsen. Auch in den USA wetten Anleger zunehmend darauf, dass die Notenbank aus Sorge vor den Auswirkungen des Corona-Virus die Zinsen senken wird.

Der Fed-Funds-Futures-Kontrakt, der an die Juli-Zinssitzung der US-Notenbank gekoppelt ist, signalisierte am Montagabend eine Wahrscheinlichkeit von rund 85 Prozent für eine Zinssenkung (Overnight lending rate) bis dahin. Investoren erwarten dabei einen Schritt nach unten um mindestens 0,25 Prozentpunkte.

People's Bank of China - Chinesische Notenbank in Peking

Chinesische Notenbank in Peking. | Bildquelle: picture alliance / dpa

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Die EZB hat aus Sicht ihres Chefvolkswirts Philip Lane bei den Zinsen möglicherweise noch Spielraum nach unten. Die nächste Zinssitzung findet am 12. März statt. Experten rechnen aktuell damit, dass die Notenbank die Zinsen unverändert lässt. Einige Marktbeobachter spekulieren aber bereits auf weitere geldpolitische Lockerungen. Zumindest die Konjunkturprognosen könnten wegen des Ausbruch des Coronavirus in China gesenkt werden.

ts/dpa/rtr/lg/nb