Industrielandschaft mit Fabrikschornsteinen im Abendrot
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Stärkster Einbruch seit mehr als zwei Jahren Auftragsschwund in der deutschen Industrie

Stand: 04.04.2019, 10:45 Uhr

Die Wolken über der deutschen Konjunktur werden immer dunkler: Im Februar ist der Auftragseingang in der Industrie überraschend eingebrochen. Vor allem aus China gab es weniger Nachfrage.

Ausgerechnet der Wachstumsmotor der deutschen Wirtschaft, die Industrie, macht schlapp. Die maue Weltkonjunktur, die Handelskonflikte und das Brexit-Chaos belasten die Auftragslage. Im Februar schrumpfte der Auftragseingang um 4,2 Prozent. Das ist der stärkste Rückgang seit mehr als zwei Jahren. Ökonomen hatten dagegen einen leichten Zuwachs von 0,3 Prozent erwartet. Bereits im Januar waren die Aufträge kräftig um 2,1 Prozent gesunken.

"Fast im freien Fall"

"Die Industriekonjunktur ist wohl schon fast im freien Fall", sagte Jens-Oliver Niklasch von der LBBW. Auch Volkswirt Andreas Scheuerle von der DekaBank zeigte sich enttäuscht. "Wieder einmal ist es die Weltwirtschaft, die die deutsche Industrie in die Knie zwingt. Der Umschwung der globalen Konjunktur ist extrem und geht vor allem von der Region Asien aus."

Tatsächlich schrumpften die Auslandsaufträge um 6,0 Prozent. Außerhalb der Euro-Zone brachen die Bestellungen gar um 7,9 Prozent weg. Im Inland hingegen sanken die Aufträge lediglich um 1,6 Prozent.

Der schwache Auftragseingang zog sich durch alle Sektoren des verarbeitenden Gewerbes. Bei den Herstellern von Vorleistungsgütern gingen die Orders um 0,9 Prozent zurück. Bei den Herstellern von Investitionsgütern betrug das Minus sogar 6.0 Prozent.

Düstere Stimmung auf der Hannover Messe

Wie schlecht die Stimmung in der exportabhängigen deutschen Industrie ist, zeigt sich gerade auf der Hannover Messe. Wie die Industrie- und Wirtschaftsverbände bekannt gaben, liefen die Geschäfte im März so schlecht wie seit Mitte 2012 nicht mehr, als die Schuldenkrise in Europa belastete. Die Aufträge fielen sogar so schwach aus wie zuletzt vor knapp zehn Jahren.

Mit Sorgen blicken die Unternehmer auf den drohenden harten Brexit in Großbritannien. Sollte es zu einem ungeordneten EU-Austritt kommen, rechnet der Industrieverband BDI mit einem Rückschlag von mindestens einem halben Prozentpunkt beim Bruttoinlandsprodukt. Dann müsste er seine Wachstumsprognose auf nur noch 0,7 Prozent von zuletzt 1,2 Prozent senken. BMW wird bereits wegen des Brexit die Produktion in den britischen Werken im April weitgehend ruhen lassen.

Führt der harte Brexit zur Rezession?

Ein harter Brexit könnte sogar zur Rezession führen, warnte Ifo-Präsident Clemens Fuest. BDI-Chef Dieter Kempf erwartet wegen der andauernden Hängepartie beim Brexit für die deutsche Industrieproduktion in diesem Jahr "gerade noch eine schwarze Null".

"In den kommenden Monaten ist insbesondere wegen fehlender Auslandsnachfrage weiterhin mit einer verhaltenen Industriekonjunktur zu rechnen", prophezeite das Bundeswirtschaftsministerium.  Einziger Hoffnungsschimmer ist China. "Wie lange der Abschwung anhält, hängt jetzt auch entscheidend davon ab, wie lange es dauert, bis die von der chinesischen Regierung initiierten Konjunkturmaßnahmen auch auf dem hiesigen Kontinent ihre positive Wirkung entfalten", sagte Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel. China hat beispielsweise die Mehrwertsteuer gesenkt und Milliardeninvestitionen in die Infrastruktur angekündigt. Die Volksrepublik ist Deutschlands wichtigster Handelspartner.

Experten senken Wachstumsprognose

Die führenden Forschungsinstitute haben derweil ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum in Deutschland mehr als halbiert. In diesem Jahr sei nur noch mit einem Plus von 0,8 Prozent zu rechnen, erklärten die Ökonomen in ihrem Frühjahrsgutachten. Die Prognose für 2020 bleibt dagegen unverändert bei 1,8 Prozent. Im Herbst hatten die Institute noch einen Anstieg des Bruttoinlandsproduktes (BIP) in diesem Jahr von 1,9 Prozent veranschlagt.

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"Fast schon im freien Fall" Das sagen Ökonomen zum Auftragsschwund

Andreas Scheuerle, Deka Bank

Andreas Scheuerle, Deka Bank:
"Die Daten sind eine herbe Enttäuschung. Wieder einmal ist es die Weltwirtschaft, die die deutsche Industrie in die Knie zwingt. Der Umschwung der globalen Konjunktur ist extrem und geht vor allem von der Region Asien aus. Es gibt aber auch Lichtblicke: Der chinesische Industrie-Einkaufsmanagerindex hat sich im März stabilisiert und der globale OECD-Frühindikator signalisiert eine Bodenbildung für das zweite Quartal."