Illustration: Figur in Hängematte träumt von hohen Gewinnanteilen

Kurzer Zwischenruf Genießen Sie die Zinsfantasie, aber vorsichtig!

von Detlev Landmesser

Stand: 05.06.2019, 12:02 Uhr

Jetzt ist sie wieder entfesselt, die Zinsfantasie, die an der Börse Berge versetzen kann. Aber Vorsicht! Sie hat einen ernsten Hintergrund.

Jerome Powell scheint nun doch einzuknicken. Gestern brachte der Chef der amerikanischen Notenbank Fed eine Leitzinssenkung ins Spiel, sollten die Schwächezeichen der US-Konjunktur anhalten. Die Fed beobachte die wirtschaftlichen Auswirkungen des Zollstreits genau und werde wie immer entsprechend handeln, um das Wachstum aufrechtzuerhalten, sagte Powell.

Die Marktteilnehmer sind schon einen Schritt weiter und halten derzeit zwei Zinssenkungen im laufenden Jahr für das wahrscheinlichste Szenario. Noch vor wenigen Monaten waren die Finanzmärkte dagegen auf eine moderate Fortsetzung der Straffungspolitik gepolt.

Und auch von der EZB werden nun weitere Segnungen erwartet, um dem drohenden Ungemach in Europa zu begegnen. Beobachter erwarten, dass die Geldpolitiker auf ihrer morgigen Sitzung die geplanten Kredite für Geschäftsbanken extrem billig machen werden. Dass damit insbesondere die italienischen Institute gestützt werden sollen, ist ein offenes Geheimnis.

Mehr Dope für die Märkte

Prompt erwachten die Aktienmärkte aus ihrem "Mai-Blues" und schossen dynamisch nach oben. Die frische Fantasie ist durchaus geeignet, die Börsen in diesem Sommer noch weiter zu stützen - falls sich Risiken wie die Handelsstreitigkeiten oder die Haushaltskrise in Italien eindämmen lassen.

Schon als um den Jahreswechsel klar wurde, dass die Fed ihren Zinspfad nach oben unterbrechen würde, hatte dies eine ungeheure Dynamik freigesetzt und den Dax um bis zu 2.000 Punkte nach oben getrieben.

Dax

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Keine Hoffnungszeichen, sondern Warnsignale

Anlegern muss aber immer klar sein, dass die derzeitige Rally auf Kosten der Zukunft geht. Die erneuten Geldgeschenke der Notenbanken lösen keine Probleme. Sie sind keine Hoffnungszeichen, sondern Warnsignale.

Gerade erst hatte die Fed den zaghaften Versuch gestartet, die bedenklichen Folgen der Geldschwemme wieder einzufangen. Aber schon bei einem Leitzins von 2,25 bis 2,5 Prozent musste sie ihren Straffungskurs stoppen, um die ohnehin durch Steuersenkungen gedopte US-Konjunktur nicht abzuwürgen.

Auch in den anderen großen Volkswirtschaften erscheint der Konjunkturzyklus schon überreif, mit den entsprechenden Folgen für die erwarteten Unternehmensgewinne.

Kaum gerüstet für die nächste Krise

Mit ihrem Leitzins von derzeit effektiv 2,4 Prozent hat die Fed nur wenig Manövriermasse angesammelt, um auf Krisen zu reagieren. Noch nackter steht die EZB mit ihren 0,0 Prozent da. Sie behilft sich vor allem mit einer Kauforgie am Rentenmarkt. Wer heute zehnjährige Bundesanleihen kauft, muss nun wieder Geld drauflegen - ein Krisenzeichen, das die Grenzen der Geldpolitik beredt illustriert.

Italien Euro Krise
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Finanzmärkte verlieren Vertrauen in Italien

Gleichzeitig türmen sich die Schuldenberge ringsum immer weiter auf. Die besonders zinssensitiven Schwellenländer erhalten von den westlichen Notenbanken bestenfalls eine Atempause. Verantwortliches Schuldenmanagement ist dagegen nirgendwo zu erkennen.

Für Aktienanleger stellt sich damit ein Timingproblem. Aktien bleiben mit ihren erwarteten Renditen weitgehend alternativlos, aber heftige Turbulenzen an den Finanzmärkten werden immer wahrscheinlicher. Also, genießen Sie den Sommer, aber seien Sie auf alles gefasst!