Anlageklassen in trügerischer Harmonie Wo sind die sicheren Häfen?

Stand: 07.08.2020, 15:00 Uhr

Derzeit steigen Aktien, Gold und selbst Kryptowährungen in seltener Harmonie. Vielen Profi-Investoren bereitet der Gleichklang Kopfzerbrechen. Wenn alle "Asset-Klassen" steigen, könnte es bei einem neuen Crash auch überall abwärts gehen.

Anfang März hat der Corona-Crash alle Asset Klassen einer harten Nagelprobe unterzogen. Am 12. März stürzte der Dax um zwölf Prozent, der zweitgrößte Tagesverlust seiner Geschichte. Wer erwartet hatte, dass dies die Stunde der "Krisenwährung Gold" sein würde, sah sich aber getäuscht. Der Goldpreis verlor am selben Tag rund fünf Prozent. Und bei der vermeintlich "neuen Anlageklasse", den Kryptowährungen, sah es nicht anders aus: Der Wert des Bitcoin sackte binnen desselben Handelstages um 22 Prozent nach unten. In Erwartung einer heftigen Rezession verloren auch Rohstoffe wie Öl dramatisch an Wert

In den Paniktagen rund um den Corona-Crash war einzig Staatsanleihen mit hoher Bonität gefragt, etwa Bundesanleihen. Am Devisenmarkt flüchteten Anleger in Währungen, die vermeintlich krisensicher sind: US-Dollar, japanischer Yen, Schweizer Franken.

Erholung auf ganz breiter Front

Freude an der NYSE

Freude an der NYSE. | Bildquelle: picture alliance / Xinhua

Und im Sommer 2020 bietet sich Investoren ein ähnliches Bild, mit allerdings umgekehrten Vorzeichen: Die Aktienmärkte haben eine v-förmige Erholung geschafft, der Index der US-Tech-Börse Nasdaq notiert sogar auf einem Rekordstand. Gleichzeitig hat der Goldpreis neue Allzeithochs jenseits der 2.000-Dollar-Marke erreicht. Und der Kurs des Bitcoin hat in der selben Phase zunächst die Hürde von 10.000 Dollar übersprungen, um sich dann weiter in Richtung 12.000 Dollar zu bewegen.

Nasdaq Composite: Kursverlauf am Börsenplatz NASDAQ Indizes für den Zeitraum Intraday
Kurs
12.450,71
Differenz relativ
+0,59%

Für professionelle Asset Manager, also Vermögensverwaltungen, Versicherungen oder Fondsgesellschaften, ist der vermeintliche Gleichklang der Anlageklassen ein grundsätzliches Problem. Sie streben bei der Anlage ihrer Mittel gerade eine Verteilung zu erreichen, indem sie Anlageklassen mit möglichst geringer "Korrelation" ansteuern. Damit kann das Risiko, also die Abwärtsschwankung eines Portfolios verringert werden. Im Idealfall fangen die Kurssteigerungen in so genannten "sicherern Häfen" in Crashphasen dann die Verluste etwa im Aktienmarkt zumindest zum Teil ab. Eine Rechnung, die derzeit scheinbar nicht mehr aufgeht. Während die Korrelation etwa zwischen Bitcoin und dem US-Leitindex S&P 500 im vergangenen Jahr noch um den Nullwert schwankte, lag sie im Juli 2020 bei knapp 0,8. Dabei gilt ein Wert von 1,0 als vollständige Korrelation.

Und das gleiche Problem wie die Profis haben prinzipiell auch private Anleger, die sich derzeit zwar über steigende Kurse bei allen Investments freuen können, aber dem nächsten Crash noch mehr entgegen bangen dürften.

Run auf Cash statt auf Gold

Dass der Gleichklang zwischen Aktien, Gold und Bitcoin in den vergangenen Monaten allerdings wirklich das Ende einer sinnvollen Vermögensaufteilung ist, dagegen spricht dennoch einiges.

Beim Corona-Crash im Frühjahr hätten sich viele Profi-Investoren wohl gerne in Richtung Gold geflüchtet - konnten es aber schlichtweg nicht. Viele von ihnen mussten wegen der rapide fallenden Aktienkurse zusätzliche Sicherheiten bei ihren Banken und Brokern hinterlegen. Dazu wurden auch Goldbestände verkauft, es gab einen Run in Richtung "Cash", wie etwa der US-Vermögensverwalter Van Eck in einer Analyse feststellte.

Das gleiche Schicksal ereilte den Kryptomarkt: Weil Investoren Liquidität brauchten, um Verluste in anderen Anlageklassen auszugleichen, wurden Bitcoin & Co. panikartig verkauft.

Gold in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
Kurs
1.834,39
Differenz relativ
-0,39%

Die Liquidität im Markt ist auch eine Antwort auf die Frage, warum derzeit Aktien, aber auch die Krisenwährungen Gold und Kryptos gemeinsam steigen. Geld von großen Investoren fließt zurück in den Markt, Gewinne aus den Aktieninvestments werden zum Teil wieder auf andere Anlageformen verteilt. Eine aktuelle Studie des ETF-Anbieters Wisdom Tree sieht die Märkte derzeit gleichzeitig in einer "risk-on" also risikobewussten und "risk-off" also risikoscheuen Phase. Zu deutsch: Geld fließt derzeit in großen Mengen in alle Anlageformen.

Die Alten kaufen Gold, die Jungen Bitcoin

Ein Goldbarren auf Dollarnoten

Gold. | Bildquelle: Imago

Der Anstieg beim Goldpreis hat dabei durchaus "klassische Züge". Anleger wollen sich gegen die Risiken der beiden "klassischen Anlageklassen" Aktien und Anleihen absichern. Die anhaltenden geldpolitischen Maßnahmen der Notenbanken zur Abfederung der Corona-Krise sind eine Motivation dafür. Die Aussicht auf eine weltweite Rezession mit heftigen Einschlägen am Aktienmarkt eine andere. Die französische Großbank Société Générale etwa empfahl Kunden jüngst per Goldinvestments "viel Wert auf Schutz" zu legen.

Bitcoin- und Ethereum-Münze

Bitcoin und Ethereum. | Bildquelle: colourbox.de

Beim Wiederanstieg des Bitcoin spielt der "Schutz" vor den herkömmlichen Anlageklassen und der Welt des "Papiergeldes" ebenso eine Rolle. Analysten der US-Bank JPMorgan haben herausgefunden, dass insbesondere junge Investoren Bitcoin und andere Cyber-Währungen dazu nutzen, während ältere Investoren weiterhin Gold als Krisenabsicherung bevorzugen. Der Anstieg bei beiden alternativen Anlageklassen könnte damit einem holprigen Börsenherbst vorweglaufen.

Fundamentale Nachrichten treiben Kryptos

Bei Bitcoin gibt es aber noch andere, "eigene" Faktoren, die den Kurs in den vergangenen Wochen weiter nach oben getrieben haben. Immer mehr institutionelle Investoren steigen bei den Kryptowährungen ein, um damit ein Gegengewicht zu Aktien oder Anleihen aufzubauen. Dabei gibt es allerdings auch bei den Profis mehrere Lager: Die US-Investmentbank Goldman Sachs hat noch im Mai Kryptowährungen den Rang einer eigenen Anlageklasse abgesprochen.

Als Stütze für den Bitcoin-Kurs wirken zudem Nachrichten, dass Zahlungsdienstleister wie PayPal oder Mastercard ihre Kryptoprogramme ausweiten. Partnern soll die sichere Zahlung mit Bitcoin und anderen Cyberwährungen ermöglicht werden. Sollte Bitcoin nun auch als Zahlungsmitteln eine größere Rolle spielen, würden die "Kryptos" vielleicht sogar Gold als Alternativ-Währung oder Geldaufbewahrungsmittel irgendwann den Rang ablaufen.

AB