Strafzinsen

Gefahr steigender Anleiherenditen Wo liegt die Schmerzgrenze?

Stand: 28.02.2018, 14:55 Uhr

Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihen nähert sich der Marke von 3,0 Prozent - das ist so viel wie seit vier Jahren nicht mehr. Wie lange können die Aktienmärkte diesem Sog noch standhalten, bevor sie ernsthaft zur Korrektur ansetzen?

Auf die Frage, ab welcher Zinshöhe die Aktienanleger dem Markt den Rücken zukehren und die Kurse ins Rutschen geraten, gibt es keine eindeutige Antwort. Viele Experten wie der Aktienstratege Jonathan Golub von der Crédit Suisse sind der Meinung, dass die Schmerzgrenze viele Jahre lang, zumindest zwischen 1991 und 2014, zwischen 5,0 und 6,0 Prozent gelegen hat.

Unterhalb dieser Linie konnten Anleger mit steigenden Aktienkursen rechnen. Lagen die Zinsen oberhalb der Marke von 5,0 Prozent, gerieten Aktien unter Druck. Das war vor allem zwischen 1988 und 1994 der Fall.

Ist die Schwelle auf 3,5 Prozent gesunken?

S&P 500: Kursverlauf am Börsenplatz S&P Indizes für den Zeitraum 5 Jahre
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Die Experten der Crédit Suisse behaupten nun, diese Schwelle sei in den letzten Jahren deutlich gesunken. Sie liege derzeit bei 3,5 Prozent. Das habe eine Analyse der Kursentwicklung des S&P 500 ergeben. Sollte also die Rendite für zehnjährige US-Staatsanleihen über diesen Wert steigen, könnte es zu sinkenden Aktienkursen kommen. Umgekehrt hätten die vergangenen vier Jahre gezeigt, dass die Aktienkurse immer dann gestiegen seien, wenn die Anleiherenditen unter der Schwelle von 3,5 Prozent geblieben seien.

Dieses Szenario klingt bedrohlich, sind die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen doch nur noch 0,6 Basispunkte von der vermeintlichen Schmerzgrenze entfernt. Somit stünden die Aktienmärkte nur noch einen Trippelschritt vom Abgrund entfernt. Ob die Kurse tatsächlich vor einer Korrektur stehen, gilt aber keineswegs als ausgemacht.

Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen

Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen. | Bildquelle: und Grafik: boerse.ARD.de

Nicht per se schlecht

So betrachtet der US-Ökonom Edward Yardeni den jüngsten Anstieg der US-Renditen als Rückkehr zu einem normalen Verhältnis zwischen Anleihe-Renditen und nominalem Wirtschaftswachstum. Diese Werte lägen tendenziell nah beieinander. Unter diesem Aspekt sei der Anstieg der Renditen bislang nicht wirklich drastisch gewesen, liege doch das nominale Wirtschaftswachstum in den USA bei 4,4 Prozent, die Renditen verharrten dagegen unter drei Prozent. Insofern sei der Anstieg der Renditen nicht "per se schlecht", sagte der Ökonom, der in den 80er-Jahren den Begriff "Bond Vigilantes“ geprägt hat und inzwischen ein eigenes Research-Institut leitet, dem "Handelsblatt".

An die Theorie, dass die Märkte einbrechen, wenn die Renditen gewisse Schwellen überschreiten, glaubt Yardeni auch nicht. Solange die Inflation niedrig bleibe, werde nichts passieren, was das Wirtschaftswachstum gefährdet. Und Yardeni gehört zu denjenigen, die glauben, dass die Inflation auch in absehbarer Zeit niedrig bleiben wird. "Die Inflation ist tot", verkündete er kürzlich auf CNBC.

Ed Yardeni

Ed Yardeni. | Bildquelle: Yardeni Research

Nervöse Anleger

Allerdings kann auch Yardeni nicht verbergen, dass viele Investoren seine Meinung nicht teilen und nervös geworden sind, wie der Kurseinbruch in der zweiten Januarhälfte gezeigt hat. Auch lehrt die Erfahrung, dass Korrekturen an den Aktienmärkten nicht immer mit einem großen Knall beginnen, sondern manchmal leise anfangen.

Nach den vergangenen Jahren, in denen Anleger mit Anleiherenditen von weniger als 2,00 Prozent Geld verdienen konnten, weil die Inflation nahe Null lag, könnte also ein Zinsanstieg über 3,00 Prozent schon ein Auslöser für eine Korrektur am Aktienmarkt sein.

Der "Bondkönig" bleibt gelassen

Jeffrey Gundlach, der als "Bondkönig der Wall Street" bekannte Vermögensberater, hält das für ziemlich unrealistisch. "Warum soll ich bei einer Rendite von drei Prozent Anleihen kaufen, wenn die US-Wirtschaft im ersten Quartal um bis zu sieben Prozent wächst, was die Unternehmensgewinne deutlich antreiben wird?"

Doch auch Gundlach erwartet, wie die Experten von Morgan Stanley, dass die Märkte in diesem Jahr an einem Wendepunkt kommen könnten. Der dürfte dann eintreten, wenn das Wirtschaftswachstum nachlässt, die Verbraucherpreise aber trotzdem ansteigen. "Sollte dieses Szenario eintreten, wird es brenzlig für die Aktienmärkte, egal wie hoch die Anleiherenditen steigen", warnt Andrew Sheets, Kapitalmarktexperte bei Morgan Stanley.

lg