Dr. Jens Ehrhardt

Dr. Jens Ehrhardt im Gespräch "Weltweit sieht es fundamental sehr gut aus"

Stand: 06.11.2017, 15:33 Uhr

Aktien sind weltweit gefragt und erreichen fast täglich neue Höchstkurse. Kann das ewig so weitergehen? boerse.ARD.de sprach mit dem Anlageexperten Jens Ehrhardt von der DJE AG über die weiteren Marktperspektiven.

boerse.ARD.de: Der Dax bei 13.500 Punkten, die anderen Börsen weltweit sind außer Rand und Band und ein Ende der langjährigen Hausse ist nicht in Sicht - und saisonal beginnt jetzt noch die stärkste Phase am Aktienmarkt (inklusive des Jahresanfangs).

Was erwarten sie für den Jahresschlussspurt 2017? Kann man noch auf den fahrenden Zug aufspringen? Und wie hoch schätzen Sie das Korrekturrisiko ein?

Jens Ehrhardt: Man kann generell dabei bleiben. September und Oktober sind traditionell schwächere Monate. Aber, wenn wie in diesem Jahr diese schlechteren Monate überraschend gut laufen, ist es häufig so, dass die nachfolgenden sogar noch besser sind als üblich. Es ist also kein Negativzeichen, wenn September und Oktober ganz gut waren.

Unabhängig von der Saisonalität gehe ich nach der DJE-eigenen FMM-Methode vor, also der fundamentalen, monetären und technischen Betrachtungsweise.

boerse.ARD.de.: Wie fällt Ihre Beurteilung nach diesen Kriterien aus?

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 1 Jahr
Kurs
12.664,40
Differenz relativ
-1,32%

Ehrhardt: Weltweit sieht es fundamental sehr gut aus, vor allem in der Gleichmäßigkeit des Aufschwungs, weniger in der Stärke. In der Nachkriegszeit gab es noch nie einen Zeitpunkt, wo es so wenigen Ländern schlecht ging wie jetzt. Es geht der Weltkonjunktur damit fundamental so gut wie selten. Gleichzeitig gibt es auch keinen Überboom, der die Gewinne dämpfen würde.

Monetär ist es ja immer so, dass wenn die Notenbanken auf die Bremse drücken, die Aktienkurse trotz steigender Gewinne nicht mehr steigen. Hier sieht es aber derzeit gut aus, zumal die Aktienkurse meist erst mit einer Zeitverzögerung auf Zinserhöhungen reagieren. Das Szenario gibt es aber derzeit nur in den USA und hier fallen die Zinssteigerungen ja mit Viertelprozentschritten sehr moderat aus - und das haut die Börse nicht um.

Im Rest der Welt, etwa in Europa, sieht es nach wie vor sehr gut aus, was dies anbetrifft. Im Auge behalten sollte man im nächsten Jahr lediglich China, wo die zehnjährigen Renditen schon auf 3,9 Prozent gestiegen sind und die Zinsstrukturkurve flach verläuft.

boerse.ARD.de: In diesem monetären Zusammenhang, Stichwort Inflation. Warum funktioniert die Erzeugung der Inflation nicht? Die Lehrbücher müssten ja eigentlich alle umgeschrieben werden.

Ehrhardt: Ja genau, die Zinsen gehen ja allgemein hoch, wenn Löhne und Inflation steigen. Selbst in Schwellenländern wie Indien und Brasilien geht die Inflation aber zurück. Es ist also ein weltweites Phänomen.

Ein Erklärungsmuster könnte sein, dass die Löhne nicht kräftig genug steigen und auch die hohe Verschuldung die Geldentwertung bremst, da die Kreditnachfrage dadurch gebremst wird. In Europa herrscht zudem weiterhin ein besonders niedriges Zinsniveau, vor allem wegen Ländern wie Italien, die sich höhere Zinsniveaus gar nicht leisten können. Eine Änderung ist unter Mario Draghi, dessen Vertrag bis 2019 läuft, zudem nicht in Sicht.

Markttechnisch gibt es höchst unterschiedliche Signale. Allerdings bleibt trotz der aktuellen Börsenhochpunkte eine gewisse Skepsis im Markt, was stützend wirkt.

boerse.ARD.de: Und überbewertet wie etwa zur Jahrtausendwende ist der Markt ja nicht, oder?

Ehrhardt: Genau, der Kurs-Dax etwa, also der Index ohne Einrechnung der Dividendenzahlungen, ist aktuell auf dem Niveau des Jahres 2000. Genau wie die anderen europäischen Indizes, die wie der Kurs-Dax mit einem 2000-Niveau unterbewertet sind. Dow oder S&P 500 sind seit 2000 dagegen gestiegen. Hinzu kommt, dass die Unternehmen heute wesentlich ertrags- oder substanzstärker sind als im Jahr 2000.

boerse.ARD.de: Insgesamt scheint das Rückschlagspotenzial nach den von Ihnen genannten Kriterien also eher gering. Welche Branchen beziehungsweise Regionen bevorzugen Sie vor diesem Hintergrund? Welche Branchen wären bei einer Korrektur besonders anfällig?

Ehrhardt: Die Anleger setzen weiter auf die Wachstumsaktien wie Tech-Aktien, was im Grunde nicht ganz ungerechtfertigt ist, da in diesem Segment die Gewinne enorm steigen, gerade in Asien. All dies spricht dafür, dass der Tech-Bereich noch nicht am Ende ist. Zudem sind die Bewertungen immer noch niedriger als im Jahr 2000. Es besteht also kein Grund, in Value-Aktien umzuschichten. Zumal etwa die Telekommunikations-Branche nicht so gut gelaufen ist, auch Utilities sind nicht so spannend, wobei es in Deutschland etwas besser aussieht bei den Versorgern.

Interessant sind auch Financial-Service-Unternehmen, im Gegensatz zu den Bankaktien, die von den nach wie vor niedrigen Zinsen belastet bleiben. Dies gilt besonders für Europa. Auch Basic Ressources sollten von den steigenden Rohstoffpreisen profitieren. Dazu muss man aber ins Ausland gehen, etwa nach Australien oder Kanada.

boerse.ARD.de: Ein Wort noch zur deutschen Autoindustrie. Droht der Branche im Zeitalter der aufkommenden E-Mobilität womöglich das Nokia-Schicksal?

Ehrhardt: Ich würde die Branche zwischen neutral und leicht übergewichtet einstufen. Aber die Elektrodiskussion wird meines Erachtens auch übertrieben, deshalb könnten die niedrig bewerteten Autoaktien wiederentdeckt werden. So schnell wird das nicht gehen mit der Elektromobilität, zudem dürfte die Börsensituation insgesamt gut bleiben, was auch der Branche hilft.

boerse.ARD.de: Ein Blick auf den Nikkei: Was steckt hinter der Hausse und wie könnte es weitergehen?

Nikkei 225: Kursverlauf am Börsenplatz Tokio SE für den Zeitraum 1 Jahr
Kurs
22.278,48
Differenz relativ
-1,77%

Ehrhardt: Ich bin ein großer Freund von Japan. Die japanische Outperformance sollte anhalten, vieles in Japan sieht sehr gut aus. Trotz des Anstiegs sollte man den Anteil aufstocken. Ich gehe auch davon aus, dass der Yen noch etwas schwächer wird, das hilft den Exporten.

Allerdings ist Japan viel weniger exportabhängig, als in den Kursen zum Tragen kommt. Aber es sind vorwiegend die Ausländer, die die Börse beeinflussen. Sind sie stark vertreten, kommt dies dem Markt zugute und umgekehrt. Momentan sind sie wenig vertreten, die Sache ist also auch markttechnisch interessant. Zudem bleibt die Bewertung auch historisch niedrig und monetär gibt Japan so viel Gas wie kein anderes Land.  

boerse.ARD.de: Stichwort Gas geben und Geldpolitik. Die Fed will ihre Bilanzsumme von derzeit 4,5 Billionen Dollar deutlich zurückfahren. Das wäre ja ein nicht zu unterschätzendes Risiko. Wie ist Ihre Ansicht?

Ehrhardt: Wenn die Fed wirklich wie angekündigt 50 Milliarden Dollar im Monat rausnimmt - dann muss man allerdings vorsichtig sein. Was da auf der Agenda steht, erscheint mir verrückt.

Der neue Notenbankpräsident Powell wird wohl nicht querschießen. Wenn die Fed aber wirklich zur Tat schreitet, das heißt die Zinsen erhöht und die Anleihen verkauft, dann sollte man Kasse machen bei den Aktien.

Die US-Börse ist daher nicht so eine klare Hausse-Börse, nicht nur wegen der monetären Fragezeichen, sondern auch, weil Trump immer noch nicht geliefert hat. Die beste Entwicklung wäre, wenn Amerika moderat steigt, und Europa und Japan etwas mehr. Sollte die US-Börse aber fallen, können sich auch die anderen Weltbörsen dem natürlich nicht entziehen. Wieder zeigt sich damit, dass die monetären Einflüsse entscheidend sind.      

Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum 1 Jahr
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1,1554
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-0,58%

boerse.ARD.de: Der Euro-Kurs ist für die deutsche Exportwirtschaft besonders wichtig. Wo könnte die Gemeinschaftswährung hinlaufen?

Ehrhardt: Kurzfristig rechne ich eher mit einer Seitwärtsbewegung. Wenn aber die Konjunktur in Europa durch die Maßnahmen der EZB weiter anzieht, kann das auch der Gemeinschaftswährung zu Gute kommen. Denn eine gute Konjunktur zieht Kapital an. Zudem bleibt die Zinsdifferenz zu Amerika erhalten. Der Euro könnte sich nächstes Jahr erholen, er bleibt gut gestützt.

boerse.ARD.de: Abschließend, wo könnte der Dax hinlaufen?

Ehrhardt: 14.000 könnten relativ kurzfristig erreicht werden, zumindest bis zum Jahresende. Im neuen Jahr könnte es sogar noch weitergehen. 

Das Gespräch führte Robert Minde.