Jerome Kerviel und eine Monsterfratze

Ein Lehrstück der Behavioral Finance Was Anleger aus dem Fall Kerviel lernen können

von Angela Göpfert

Stand: 24.01.2018, 07:00 Uhr

Jérôme Kerviel ist für viele ein Monster-Zocker oder einfach nur ein Betrüger. Doch die psychologischen Fallstricke, in denen sich Kerviel verhedderte, können auch dem kleinen Privatanleger die Depotperformance vermiesen. Diese drei Fehler sollten Anleger besser vermeiden.

Zugegeben: Der Fall Jérôme Kerviel ist in seinen Dimensionen extrem. Ein Verlust von 4,9 Milliarden Euro durch Spekulationsgeschäfte - das scheint für den kleinen Privatanleger wie eine Geschichte aus einer anderen fernen und ganz und gar kriminellen Welt.

Doch im Gespräch mit dem Schweizer Vermögensverwalter und Experten für Behavioral Finance Mojmir Hlinka von AGFIF International wird eines deutlich: Viele der psychologischen Mechanismen, die Kerviel antrieben, sind leider nur allzu menschlich.

Mojmir Hlinka

Ein Kenner der Verhaltensökonomie: Mojmir Hlinka von AGFIF International. | Bildquelle: AGFIF International AG

Das Wissen um diese psychologischen Hintergründe ist für den privaten Anleger enorm lehrreich. Denn: Vermeiden sie diese Fehler, können sie ihre Depotperformance erheblich steigern.

1. Verlustaversion

"Die Menschen sind psychologisch so gestrickt, dass sie Verluste mehr schmerzen, als sie Gewinne freuen", betont Hlinka im Gespräch mit boerse.ARD.de.

In der Verhaltensökonomie wird dieses Phänomen als Verlustaversion bezeichnet: Anleger ärgern sich über einen Verlust von 100 Euro mehr, als sie sich über einen Gewinn von 100 Euro freuen. Das führt dazu, dass Gewinne viel zu früh – und Verluste viel zu spät realisiert werden.

Auch Kerviel trieb diese Verlustaversion dazu, immer größere Risiken einzugehen. Denn sie paarte sich mit einem weiteren typischen Anlegerfehler…

2. Kontrollillusion

"Bei einem Händler wie Kerviel kommen zur Verlustaversion noch Profilierungssucht und Kontrollillusion hinzu", so Hlinka. "Kerviel dachte wirklich, er hätte seine Trades unter Kontrolle. Er glaubte, dass schon der nächste Schritt ihn retten würde."

Auch Privatanleger erliegen häufig dem Fehler der Kontrollillusion. Sie neigen dazu, unkontrollierbare Abläufe wie das Schwanken der Aktienkurse für kontrollierbar zu halten. Sie glauben, sie haben die Situation im Griff – und werden so unsensibel für negative Neuigkeiten. Dadurch reagieren sie oftmals viel zu spät und viel zu sorglos.

3. Streben nach dem Referenzpunkt

Das verzweifelte Streben nach dem Referenzpunkt, nach dem Break-Even-Punkt, machte im Falle von Kerviel das Trio Infernale der Verhaltensökonomie perfekt.

»Für einen Händler wie Kerviel ist das Streben nach dem Break-Even-Punkt nicht nur ein Drang, sondern ein Zwang! Wie sonst hätte er die Verluste eliminieren sollen? Das führt in eine Negativ-Spirale. Denn mit jedem Schritt wächst auch das Risiko, und zwar exponentiell!«

Mojmir Hlinka, AGFIF International

Dieser Fokus auf den Break-Even-Punkt ist auch dem normalen Privatanleger nicht fern. Denn laut der von Daniel Kahneman und Amos Tversky bereits 1979 formulierten "Prospect Theory" bewerten Anleger eine Investition oftmals nicht nach ihrem Endergebnis, sondern in Bezug auf einen Referenzpunkt, typischerweise dem Kaufpreis.

Zu diesem Punkt wollen sie unter allen Umständen wieder zurück – nur so lassen sich die Depotleichen in den Portfolios vieler Anleger erklären. Besser ist es aber, seiner einmal gewählten Strategie – hinsichtlich Allokation, Risikobereitschaft etc. – treu zu bleiben. Und das beinhaltet nun einmal auch, verlustreiche Positionen glattzustellen, wenn sie den einst gewählten Kriterien nicht mehr genügen.

Denn wir wollen es doch besser machen als Kerviel, oder?