Händler an der Frankfurter Börse im März 2020

Nach 2.500-Punkte-Anstieg Warum diese gehasste Rally noch Chancen hat

von Angela Göpfert

Stand: 15.04.2020, 14:06 Uhr

Der Dax hat sich seit seinem Corona-Tief um mehr als 30 Prozent in die Höhe schrauben können – und die Kurse könnten noch weiter steigen. Denn selbst die Profis hassen diese Rally.

Nur vier Wochen nach seinem historischen Einbruch in der Coronakrise ist der Dax fast nicht wiederzuerkennen. Das Doppeltief bei 8.256/8.258 Punkten am 16./19. März legte die Basis für eine wahrlich rasante Erholungs-Rally der deutschen Standardwerte. Seither ging es bis auf 10.820 Punkte am Dienstag aufwärts. Das ist ein Plus von 31,1 Prozent in der Spitze und der höchste Stand binnen eines Monats.

Eine solche scharfe V-förmige Erholung ist aber genau das, was die meisten Experten zuvor als quasi ausgeschlossen erachtet haben. Wir müssten uns auf eine langwierige, volatile Phase der Bodenbildung einstellen, hieß es von allen Seiten. Rücksetzer und neue Tiefs seien programmiert.

Große Hürde voraus

Tatsächlich lohnt es sich, bei aller berechtigten Freude über die rasche Erholung des Dax, diese mit ein wenig Abstand genauer einzuordnen. Dabei hilft auch die Charttechnik. So hat es der Dax geschafft, oberhalb seines Hochs von 2007 (8.152 Punkte) und damit oberhalb einer enorm wichtigen Unterstützung nach oben zu drehen. Mit dem Spurt über 10.300 Punkte hat sich das technische Dax-Bild weiter deutlich aufgehellt.

Doch bei 11.030 Punkten türme sich nun ein Doppel-Widerstand auf, betont Jörg Scherer, Leiter Technische Analyse HSBC Trinkaus & Burkhardt. "Diese Hürde dürfte kurzfristig kaum zu überwinden sein, denn zu stark überkauft ist der Index nach der Rally von 14 Prozent allein in den letzten fünf Handelstagen."

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 6 Monate
Kurs
12.793,89
Differenz relativ
-0,47%

Immer noch im Bärenmarkt

Hinzu kommt: Laut einer gängigen Definition befindet sich der Dax trotz seines jüngsten deutlichen Anstiegs immer noch im Bärenmarkt, notierte er doch sogar im Hoch immer noch mehr als 20 Prozent unterhalb seines Rekordhochs von Ende Februar (13.795 Punkte).

Selbst um seine 200-Tage-Linie (aktuell bei 12.332 Punkten) zu erreichen, müsste der Dax, ausgehend von seinem jüngsten Hoch, nochmals rund 14 Prozent zulegen. Die 200-Tage-Linie, der gleitende Durchschnitt der vergangenen 200 Handelstage, gilt vielen Börsianern als wichtige Schwelle, um die mittel- bis langfristigen Perspektiven eines Index oder einer Aktie besser einschätzen zu können. Erst oberhalb von 12.300 Punkten würden sich demnach die Aussichten eines Dax-Engagements über das kurzfristige Zeitfenster hinaus aufhellen.

Fakt ist aber auch: Solange sich der Dax oberhalb der Marke von 10.300 Punkten und damit oberhalb seines Tiefs vom Dezember 2018 halten kann, wahrt er sich die Chancen auf eine Fortsetzung der Rally.

Schulden ohne Ende

Die fundamentale Situation ist derweil durchwachsen. So gibt es weder wirksame Medikamente gegen das neuartige Corona-Virus, noch ist ein Impfstoff in Sicht. Die globale Wirtschaft steht vor der schwersten Rezession seit den 1930er Jahren.

Positiv herauszustreichen ist indes die sinkende Rate an Neuinfektionen: In Ländern wie Deutschland, Italien oder Spanien sinkt die Zahl neuer Covid-19-Fälle seit Tagen. Die historisch einmaligen Restriktionen zeigen Wirkung und schüren damit Hoffnungen auf einen "milden Verlauf", auch an der Börse.

Derweil könnte nicht zuletzt die dramatische Verschuldungssituation der Länder und Unternehmen den Kapitalmärkten in einem zweiten Schritt noch zum Verhängnis werden, sind doch etwa die USA so stark verschuldet wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr.

Andererseits dürfte gerade das dazu führen, dass die Fed noch sehr, sehr lange an ihrer lockeren Geldpolitik festhalten muss und wird. Das dürfte die Aktienmärkte auch in den kommenden Wochen und Monaten (und Jahren) weiter stützen.

Fondsmanager extrem pessimistisch

Ein womöglich noch weitaus wichtigerer potenzieller Kurstreiber ist die negative Stimmung unter den Marktteilnehmern. So offenbarte die jüngste Umfrage der Bank of America/Merrill Lynch einen extremen Pessimismus unter den globalen Fondsmanagern. Der Cash-Bestand stieg von 5,1 auf 5,9 Prozent. Das ist der höchste Stand seit September 2001.

Aktienrückkäufe sollten am besten eingestellt werden, so die Umfrageteilnehmer. "Eine solche Haltung findet sich historisch an wichtigen Tiefpunkten", unterstreicht Robert Rethfeld von Wellenreiter-Invest. Der Marktexperte hatte am 16. März, also just am Tag des Dax-Tiefs, im Gespräch mit boerse.ARD.de prognostiziert: "Ein erstes Corona-Tief steht unmittelbar bevor".

An der "Wall of Worry" entlang nach oben?

Tatsächlich haben Anleger viele gute Gründe, der laufenden Aktien-Rally zu misstrauen. Doch gerade in diesem Misstrauen, in dieser Skepsis liegt auch eine große Chance für die Märkte: Die Kurse könnten noch sehr viel länger steigen. Nicht trotz, sondern wegen aller Bedenken.

Klingt paradox? Ist es aber nicht. Denn solange viele Anleger ängstlich und skeptisch bleiben, ist ein Überschießen der Kurse nach oben nicht möglich. Dafür nehmen die Schmerzen und Ängste der Nicht-Investierten, etwas zu verpassen, mit jedem Punktanstieg im Dax und Dow zu, bis letztlich auch sie in den Markt wieder einsteigen. Im Börsenjargon wird dieses Phänomen "Wall of Worry" genannt.

Die Angst vor dem V

Da passt es, dass unter den Fondsmanagern die – nach einer neuerlichen Pandemie-Welle und einem systemischen Kreditereignis – drittgrößte Sorge die vor einer V-förmigen Erholungsrally ist. "Tatsächlich sollte dies Sorge Nummer 1 sein, denn die Profis sind völlig falsch für die Erholung positioniert", merkt Börsenexperte Rethfeld kritisch an. Die Fondsmanager sind laut der BofA/ML-Umfrage in Aktien so stark untergewichtet wie seit elf Jahren nicht mehr.

Die laufende Rally hat damit beste Chancen, zu einer der meistgehassten Rallys der jüngeren Börsengeschichte zu werden. Vielleicht ist es – nicht nur für die Fondsmanager – an der Zeit, sich an ein Bonmot der Investmentlegende Warren Buffett zu erinnern: "Sei gierig, wenn andere ängstlich sind."