Ausblick 2018 Wall Street

Ausblick 2018 Wall-Street-Bullen: Reif, aber kräftig

Stand: 12.12.2017, 15:17 Uhr

Ein glänzendes Jahr voller Rekorde geht für die Wall Street zu Ende. Und Experten haben für die Anleger gute Nachrichten: In diesem Tempo wird es wohl nicht weitergehen - aber auch 2018 sollten die Aktiendepots dank steigender Unternehmensgewinne noch wertvoller werden.

Wer unter Höhenangst leidet, für den ist der Langfrist-Chart des S&P 500 nicht geeignet. Seit März 2009 geht es an der Wall Street fast ununterbrochen aufwärts. Nicht einmal 700 Punkte zählte der marktbreite US-Index seinerzeit. Heute sind es fast 2.700 Punkte. Allein im laufenden Jahr legte der S&P fast 20 Prozent zu, der Technologieindex Nasdaq Composite rückte sogar um mehr als 25 Prozent vor. Mit einem derartigen Schwung am Aktienmarkt hatten die Fachleute bei ihren Prognosen vor einem Jahr nicht gerechnet.

100 Monate Kursgewinne

Markus Reinwand, Marktstratege bei der Helaba, ordnet die Hausse in den historischen Kontext ein: Der aktuelle Aufschwung laufe bereits seit 100 Monaten und sei der drittlängste in der Nachkriegsgeschichte. Was die Kurssteigerung anbelange, werde sie mit einem Plus von derzeit 180 Prozent nur noch vom New Economy Boom (März 1991 bis März 2001) übertroffen, an dessen Ende beim S&P 500 ein Plus von 215 Prozent gestanden habe, so der Experte. "Alter und Ausmaß alleine sind aber noch kein stichhaltiges Argument für ein baldiges Ende der Hausse" stellt Reinwand fest.

Trotzdem fragen sich die Investoren, ob nicht irgendwann einmal das Limit erreicht sein wird. Irgendwann sicher – aber im kommenden Jahr erwarten die meisten Analysten eine Fortsetzung der Hausse.

Nasdaq Composite vs. S&P 500

Nasdaq Composite vs. S&P 500. | Bildquelle: boerse.ARD.de

Unternehmensgewinne als Kurstreiber

Warum auch nicht? Schließlich gibt es einige Argumente, die tatsächlich für weitere Kursgewinne sprechen. So sind eigentlich alle Fachleute der Ansicht, dass die Unternehmensgewinne in den USA dank der starken Konjunktur weiter signifikant steigen werden. Und steigende Gewinne bleiben ein entscheidender Faktor für die Aktienkursentwicklung.

Brian Belski, Markstratege bei BMO Capital Markets, geht von einem Gewinnwachstum von elf Prozent aus. Sein David Kostin von Goldman Sachs, ist etwas optimistischer. Kostin prognostiziert satte 14 Prozent – jedenfalls wenn Donald Trumps Steuerreform Wirklichkeit wird. Andernfalls sollen es knapp über neun Prozent werden. Damit ist bereits ein Unsicherheitsfaktor benannt, der die Prognosen schwierig macht: Der Effekt der Steuerreform. Goldman Sachs sieht eine 80-prozentige Wahrscheinlichkeit dafür, dass sie im kommenden Jahr wirksam wird.

Die Rolle der Fed

Ein weiterer Faktor, der bremsend oder beschleunigend wirken könnte, ist die Zinspolitik der Fed und anderer Notenbanken. "Wir sind optimistisch, dass der geldpolitische Kurs der Notenbanken die Weltwirtschaft 2018 nicht nachhaltig negativ beeinflussen wird", schreibt Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank, in seinem Ausblick.

Ein Risiko besteht gleichwohl. Sollte die US-Inflation schließlich doch noch anziehen, könnte die US-Notenbank sich gezwungen sehen, den Leitzins im kommenden Jahr aggressiver als bislang gedacht anheben – mitsamt den negativen Folgen für Konjunktur und Aktienmarkt. Aktuell rechnen die Experten für 2018 mit drei Anhebungen.

Reif oder überreif?

Wenn nichts wirklich schief geht, sehen die Punkteprognosen für den S&P 500 folgendermaßen aus: Die Deutsche Bank erwartet Ende 2018 einen Stand von 2.850 Punkten. Damit liegt sie ungefähr im Mittelfeld, denn die meisten anderen Experten sehen es ähnlich. Goldman-Analyst Kostin ruft die gleiche Zahl auf. Savita Subramanian von Bank of America Merill Lynch hat sich nach Abwägung aller Argumente für 50 Punkte weniger, also 2.800 Zähler entschieden. Dieses Niveau hält auch ihr Kollege Dubravko Lakos-Bujas von JPMorgan für wahrscheinlich – allerdings zur Jahresmitte.

Goldman Sachs-Zentrale in New York

Goldman Sachs-Zentrale in New York. | Bildquelle: picture alliance / Photoshot

Zu den Branchen, die für die Investoren besonders interessant sein sollen, zählen vor allem Finanzwerte. In diesem Jahr legten sie bereits fast 20 Prozent zu. Trotzdem bleiben Finanztitel die Favoriten vieler Experten. Höhere Zinsen, niedrigere Steuern und das solide Wirtschaftswachstum sollten den Sektor weiter vorantreiben, so lautet die These. Auf die Frage, welche Branchen man eher meiden sollte, nannten die Fachleute recht häufig Basiskonsumgüter und Immobilien. Beide Branchen könnten zu den Verlierern der Zinserhöhungen gehören.

Insgesamt etwas pessimistischer als der Schnitt sind die Experten von Morgan Stanley, die von 2.750 Punkten ausgehen. Michael Wilson, Marktstratege bei der US-Investmentbank, ist der Meinung, dass die jahrelange Hausse sich bereits in einem späten Stadium befinde und die Unternehmensgewinne ab der Hälfte des kommenden Jahres nachlassen würden. Noch sei die Rezession nicht da, und nicht alle Anzeichen eines übertriebenen Optimismus seien erkennbar. Aber sie seien nah.

"Das Ende relativer Ruhe"

Die Wucht der Einstimmigkeit könnte für Anleger eine Schule der Fehler sein. Natürlich gehört der Optimismus der Branchenexperten bis zu einem gewissen Grad auch zum Marketing. Und im Konsens zu schwimmen ist bequem. Sollten die Prognosen völlig danebenliegen, fällt es leicht, auf die anderen zu zeigen und zu sagen, sie hätten es genauso vermasselt. Jedenfalls ist die Sorglosigkeit an den Märkten auffallend und sie lässt sich auch an der geringen Volatilität der vergangenen Monate ablesen.

Diesen Aspekt greift Manfred Hübner auf, Geschäftsführer und Chefstratege von "Sentix": "Die erreichten Tiefstände in den Volatilitätsindizes suggerieren, dass die Märkte ein Hort der Stabilität sind. 2018 droht das Ende der relativen Ruhe", meint Hübner. Das Risikoverhalten der Investoren sei bereits jetzt ähnlich sorglos wie an früheren Markthochpunkten. Durch die extreme Politik der Notenbanken seien zunehmend fragile Marktverhältnissen entstanden. Da US-Titel besonders hoch bewertet seien, sei dieser Markt im kommenden Jahr sehr verwundbar. Das könne zu heftigen Kurskorrekturen führen, meint Hübner.

Gebäude der FED in Washington

US-Notenbank in Washington: fragile Marktverhältnisse. | Bildquelle: picture alliance / dpa

US-Aktien sind nicht gerade billig

Helaba-Analyst Reinwand wirft auch einen Blick auf die Bewertungssituation: "Auf Basis der wichtigsten Kennziffern waren US-Aktien nur in der Schlussphase des New Economy Booms in den Jahren 1998 bis 2000 höher bewertet", meint Reinwand. Selbst wenn man unterstelle, dass die Nettoergebnisse der Unternehmen durch eine Steuerreform spürbar stärker stiegen als derzeit prognostiziert, liege das KGV des S&P 500 noch deutlich über dem historischen Durchschnitt von 15. Aktuellen Daten zufolge liegt der Wert derzeit bei 18.

Festzuhalten ist also, dass an der Wall Street die Chancen für weitere Kursgewinne nicht schlecht sind. Aber man sollte auch die Risiken nicht vergessen. Das KGV beispielsweise mag für sich genommen wenig aussagen. Man sollte es aber durchaus im Auge behalten, denn wenn sich gewisse Risikofaktoren verwirklichen, werden die Anleger vielleicht schnell mithelfen, dafür zu sorgen, dass Aktien wieder billiger bewertet werden.     

ts