Uwe Lang

"Börsenpfarrer" Uwe Lang "Viele Aktien notieren unter ihrem Buchwert"

Stand: 24.06.2020, 17:13 Uhr

"Börsenpfarrer" Uwe Lang wurde von der Corona-Krise kalt erwischt. Inzwischen hat er seine Aktienquote kräftig reduziert. Anlegern rät er, abzuwarten und erst ab November wieder einzusteigen. Einige Aktien hält er aber derzeit für sehr preiswert - unter anderem die Deutsche Bank.

boerse.ARD.de: Sie hatten 1987 den Crash an der Wall Street vorhergesagt. Hatten Sie auch den Corona-Crash kommen sehen?

Uwe Lang: Nein, Corona war nicht vorherzusehen. Es gab aber ein paar Warnsignale. So sind schon vor der Krise die Metallpreise stark gefallen. Der Corona-Crash hat diesen Trend verstärkt. Zudem war die Zinskurve schon seit April 2019 über ein halbes Jahr negativ. Da hätte man eigentlich spätestens Ende 2019 aus Aktien rausgehen sollen.  

boerse.ARD.de: Wie haben die Anleger, die Sie beraten, den Corona-Crash durchlebt?

Lang: Zur Corona-Krise sind viele, die in meine Sprechstunde kommen, ausgestiegen - teilweise zu Tiefstkursen. Das war im Nachhinein betrachtet ein Fehler. Wer drin geblieben wäre, hätte jetzt die Verluste fast wieder aufgeholt.

boerse.ARD.de: Tatsächlich haben sich die Kurse zuletzt wieder kräftig erholt. Der Dax hat einen Großteil seiner Verluste im Crash aufgeholt. Der TecDax ist sogar im Plus. Ist Corona an der Börse schon vorbei? Oder blenden die Märkte Risiken aus?

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
12.762,40
Differenz relativ
+1,02%

Lang: Die Märkte haben etwas nach oben übertrieben. Es wurde schon viel Positives vorweggenommen. Noch ist unklar, wie viel in der Wirtschaft durch den mehrwöchigen Lockdown kaputtgemacht wurde. Der gerade veröffentlichte Ifo-Index für Juni ist zwar kräftig gestiegen, aber befindet sich immer noch unter dem Niveau von vor der Corona-Krise. Die Unternehmer sind also nicht ganz so optimistisch wie die Börsenprofis. Außerdem weiß niemand momentan, ob es zu einer zweiten (Corona-)Welle kommt. Trotzdem glaube ich, dass wir die Tiefstkurse vom März nicht mehr testen werden.

boerse.ARD.de: Erwarten Sie eher eine V- oder eine U-förmige Erholung der Weltwirtschaft?

Lang: Die Weltwirtschaft wird sich wohl eher U-förmig erholen. Die Aktienmärkte haben sich dagegen zuletzt eher V-förmig entwickelt.

boerse.ARD.de: Sind Sie bei der Tech-Rally mit an Bord gewesen?

Lang: Nein, da war ich nicht dabei. Von Tech-Titeln lasse ich weitgehend die Finger. Viele sind völlig überbewertet. Zum Beispiel die Zoom-Aktie mit einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von über 100. Das erinnert mich an die Zeiten des Neuen Markts. An der Nasdaq folgen derzeit Anleger nur blind dem Trend.

boerse.ARD.de: Hatten Sie zuletzt auch Wirecard-Aktien?

Wirecard: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
2,43
Differenz relativ
+3,90%

Lang: Oh nein, Wirecard habe ich gemieden. Bei der relativen Stärke der Dax-Aktien, die sich am 15-Monats-Durchschnitt orientiert, war Wirecard seit Monaten ganz hinten in der Tabelle. Die Börse hat sich also nicht täuschen lassen.

boerse.ARD.de: Wie sind Sie derzeit positioniert?

Lang: Ich neige momentan dazu, sehr viel Cash zu halten. Ich bin zu 50 Prozent in Aktien investiert. Ich bevorzuge Titel, die unter dem Buchwert notieren.

boerse.ARD.de: Können Sie Beispiele nennen?

Lang: Einer meiner aktuellen Favoriten ist die Deutsche Bank. Die Aktien sind derzeit mit einem Kurs-Buchwert-Verhältnis von 0,8 lächerlich billig. Auch Hornbach und Aurubis mag ich. Sie liegen klar unter ihrem Kurs-Buchwert.

boerse.ARD.de: Im letzten Interview Anfang November 2019 auf boerse.ARD.de hatten Sie aber noch gesagt, deutsche Bankaktien gefallen Ihnen nicht.

Lang: Diese Einschätzung hat sich inzwischen geändert.

boerse.ARD.de: Bevorzugen Sie europäische Aktien gegenüber US-Aktien?

Lang: Ja, ich setze derzeit eher auf europäische Aktien. US-Aktien sind zu teuer. Das Kurs-Umsatz-Verhältnis im Dow liegt mit aktuell 2,82 deutlich über dem historischen Durchschnitt von 1,0.

boerse.ARD.de: Was raten Sie den Anlegern in der aktuellen Marktsituation? Ist jetzt eine gute Zeit zum Wiedereinstieg?

Lang: Nein, man sollte jetzt eher noch abwarten und schauen, wie sich die Notenbank-Maßnahmen auswirken und wie sich die Konjunktur entwickelt. Zu beachten ist auch der saisonale Effekt. Im Sommer laufen die Börsen meist eher schwächer. Ab November könnte sich ein Einstieg wieder lohnen, wenn bis dahin keine zweite Welle gekommen ist.

boerse.ARD.de: Was halten Sie von anderen Anlageklassen? Lohnt sich Gold noch?

Lang: Gold befindet sich im Aufwärtstrend. Da kann man momentan noch drin bleiben. Viele Anleger glauben an eine zunehmende Inflation und kaufen Gold. Nach Inflation sieht es aber derzeit nicht aus. Im Gegenteil: Die Gefahr ist eher eine Deflation. Mein Rat: Spätestens wenn der Aktienmarkt wieder richtig anzieht, sollte man aus Gold aussteigen.

boerse.ARD.de: Sind Goldminen-Aktien eine Alternative?

Lang: Ja, mit Aktien wie Barrick Gold riskiert man nicht viel, kann aber gute Gewinne einstreichen. Als Beimischung kann man sich auch ein Gold-Zertifikat ins Depot legen. 

boerse.ARD.de: ESG-Anlagen haben sich in der Corona-Krise besser geschlagen als herkömmliche Produkte. Wählen Sie auch Ihre Aktien nach ESG-Gesichtspunkten aus?

Lang: Nein, ich halte nicht viel von ESG. Es ist oft nur schwer abgrenzbar, was ethisch ist und was nicht.

Das Interview führte Notker Blechner.