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Piktogramm: Fliehender Mensch mit Aktenkoffer und Maiglöckchen

Die Regel der Regeln "Sell in May and go away...

von Angela Göpfert

Stand: 29.04.2016, 11:37 Uhr

... but remember to come back in September." Diese beinahe schon antiquarisch anmutende Börsenweisheit ist einfach nicht totzukriegen. Doch taugt sie wirklich noch als Investment-Regel für Privatanleger?

Jedes Jahr Ende April, Anfang Mai werden die Finanzmärkte von Nervosität heimgesucht. Dann hat eine alte Börsenweisheit wieder Hochkonjunktur, die Furcht vor dem im Mai beginnenden und den ganzen Sommer über währenden großen Ausverkauf ist wieder da.

Der Mai als Renditekiller?

Diese latente Angst lässt sich in der Tat nicht einfach beiseite schieben. Die Statistik liefert einige Beispiele, welche die "Sell in May"-Regel zu bestätigen scheinen. So ist der September der mit Abstand schlechteste Monat sowohl im Dow Jones als auch im Dax. Gleich danach kommt schon der Mai.

Doch es lohnt sich auch hier, genauer hinzusehen. Denn Fakt ist: Gerade die Mai-Schwäche ist eher ein Phänomen jüngerer Tage. Blickt man auf den Dow Jones seit Anbeginn seiner Existenz, also seit 1897, dann verläuft der Mai im statistischen Schnitt völlig unauffällig seitwärts. Also alles halb so wild?

Chart: Dow Jones saisonaler Verlauf seit 1897

Dow Jones saisonal. | Bildquelle: Wellenreiter-Invest, Grafik: boerse.ARD.de

"Sell in Summer" statt "Sell in May"?

Nun, zumindest für den Dax lässt sich statistisch nachweisen, dass der beste saisonale Verkaufszeitpunkt nicht etwa im Mai, sondern im Juli liegt. Das zeigt ein Blick auf den saisonalen Verlauf des Dax in den vergangenen 30 Jahren. Mit schöner Regelmäßigkeit purzeln die Kurse im August und September und erholen sich erst im Oktober wieder.

Dies kann Jörg Scherer, Leiter Chartanalyse von HSBC Trinkaus mit einer gewissen Vorliebe für saisonale Muster, nur bestätigen. Scherer ist ein großer Anhänger der "saisonalen Superstrategie" Sell in Summer.

Jörg Scherer, HSBC Trinkaus & Burkhardt AG

Glaubt nicht an Sell in May, aber an Sell in Summer: Jörg Scherer, HSBC Trinkaus & Burkhardt AG. | Bildquelle: Unternehmen

Ganz schwache Erklärungen

Hörfunk-Moderatorin Franka Welz
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"Sell in May and go away"- was ist dran an solchen Börsenweisheiten?

Natürlich gibt es auch ein paar Erklärungsversuche für die schwache Dax-Performance im Spätsommer/Frühherbst. Allerdings klingen diese nicht gerade überzeugend.

So soll es etwa in den Sommermonaten einen geringeren Nachrichtenfluss und fehlende Dividendenprognosen geben. Zudem würden in der Urlaubszeit dünne Börsenumsätze und heißes Wetter die Euphorie dämpfen.

Hängematte am Strand unter Palmen

Zu heiß, um Aktien zu kaufen? . | Bildquelle: colourbox.de

Herausragende Einmalereignisse

Darüber hinaus ist es offensichtlich, dass herausragende Einmalereignisse die Statistik verzerrt haben: die Asienkrise im Sommer 1997, die Russlandkrise im August 1998, der Börsencrash am 11. September 2001 nach dem Einsturz der Twin Towers in New York und die Lehman-Pleite im September 2008.

Als Zwischenfazit lässt sich somit festhalten, dass eine Verfeinerung der altbekannten Börsenregel "Sell in May..." durchaus sinnvoll erscheint. Offenbar gilt es weniger, den Mai, Juni und Juli, sondern vor allem die Monate August und September zu meiden.

Demonstranten mit Schildern stehen hinter dem Chef der US-Investmentbank Lehman Brothers, Richard Fuld Jr.

Die Pleite von Lehman Brothers ist für die miese September-Bilanz des Dax mitverantwortlich. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Saisonale Strategien für das Portfolio

Was können Anleger tun, die sich diesen Effekt für die Wertentwicklung ihres Portfolios zunutze machen wollen? Sie können zum Beispiel einen der beiden Index-Zertifikate (NL0000196301 oder DE000HV1DB66) kaufen, die es etwa auf den DaxPlus Seasonal Strategy Performance-Index (WKN: A0C4BV) gibt. Dieser Strategie-Index der Deutschen Börse schickt den Dax im August und September in den Urlaub.

Ein Beispiel: In der Fünf-Jahres-Perspektive zeigt sich eine klare Outperformance: Hier stehen beim Dax Gewinne von 38 Prozent zu Buche, beim DaxPlus Seasonal Strategy war hingegen ein Plus von 89 Prozent drin. Auch auf Sicht von einem und drei Jahren lief der alternative Index deutlich besser.

Eine Alternative zu Zertifikaten ist der Kauf eines Dax-ETFs, eines Indexfonds, der die exakte Kursentwicklung des Dax abbildet, am 1. Oktober eines Jahres. Diesen ETF verkauft der Anleger dann am 31. Juli des folgenden Jahres und hält anschließend für zwei Monate Cash - bevor das Spiel von Neuem beginnt.

Hin und her macht Taschen leer

Auch wenn vieles für eine abgewandelte "Sell in May"-Strategie spricht: Anleger sollten sich hüten, einzig und allein aufgrund eines einzigen Saisonmusters zu handeln, sondern auch aktuelle fundamentale und charttechnische Faktoren in den Entscheidungsprozess einfließen lassen.

Mitdenken ist also ausdrücklich erlaubt. Saisonalitäten können die Basis einer Investment-Entscheidung sein, sollten aber niemals im Automatik-Modus umgesetzt werden.

Manchmal ist es renditeträchtiger, einfach nichts zu tun. | Quelle: colourbox

Außerdem gilt es zu bedenken, dass es mitunter renditeträchtiger sein dürfte, auf einen längeren Trend zu setzen, den Freund des Anlegers - wenn man ihn denn identifiziert hat. Schließlich werden durch permanente Umschichtungen Gebühren fällig, die irgendwann auch die schönste Performance schmälern können.