Börsenmantel

SPACs und Börsenmäntel Schnellstart an die Börse

Stand: 21.08.2020, 15:11 Uhr

Die E-Autobauer Nikola und Fisker haben es vorgemacht: Start-up-Unternehmen mit ausreichend Investoreninteresse können auf der Überholspur den Sprung an die Börse schaffen. Dazu dienen spezielle Investment-Vehikel. Aber der "Trick" ist durchaus nicht neu.

Canoo-Chef Ulrich Kranz

Canoo-Chef Ulrich Kranz. | Bildquelle: picture alliance / Xinhua

Als der E-Autobauer Canoo Mitte der Woche seine Börsenpläne bekanntgab, hatte das Unternehmen das "Gaspedal" in Richtung Börsenparkett bereits fest gedrückt. Canoo, das vom ehemaligen BMW-Manager Ulrich Kranz geführt wird, schließt sich mit einem bereits börsennotierten Unternehmen, der Hennessy Capital Acquisition Corp. IV zusammen. Ende des Jahres soll die Transaktion abgeschlossen sein. Das fusionierte Unternehmen wird dann unter dem Namen Canoo firmieren und an der Nasdaq notieren. Ab 2022 will man auf einer Plattform Autos, Kleinbusse und Nutzfahrzeuge mit Elektroantrieb auf den Markt bringen.

PIPEs und SPACs

Zur Finanzierung des Wachstums fließen Canoo rund 300 Millionen Dollar zu. Das geschieht über eine PIPE (Private Investment in Public Equity), eine zweckgebundene Kapitalspritze der Investoren.

Die börsennotierte Muttergesellschaft wurde eigens zu dem Zweck gegründet und an die Börse gebracht, um aussichtsreichen Jungunternehmen einen Schnellstart aufs Börsenparkett zu ermöglichen.

Solche Vehikel, so genannte SPACs (Special Purpose Acquisition Companies) haben in den USA bereits eine gewisse Tradition. Sie agieren als Kapitalsammelstellen, die Milliarden an Dollar mobilisieren und gleichzeitig nach interessanten Investments Ausschau halten. Für die Investoren, zumeist Großanleger wie Hedgefonds, Fondsgesellschaften oder Vermögensverwalter entfällt die aufwendige Suche nach wachstumsstarken Neulingen für das Börsenparkett. Die Unternehmen selbst ersparen sich die aufwendige Suche nach Investoren und viel Aufwand und Kosten bei einem eigenen Börsengang.

Investoren stellen Milliarden bereit

Nikola Tre

Nikola Tre. | Bildquelle: Unternehmen

SPACs liegen derzeit vor allem im Auto-Geschäft im Trend. So hatte der Sportwagen-Hersteller Fisker im Juli angekündigt, über die Investmentgesellschaft Spartan Energy Acquisition Company an die Börse zu gehen. Und Nikola, Spezialist für elektro- und wasserstoffgetriebene LKW, hatte einen Monat zuvor über VectoIQ Acquisition den Sprung aufs Börsenparkett geschafft.

Nach Informationen des "Handelsblatts" sind allein im zweiten Quartal 2020 rund acht Milliarden Dollar mit SPACs eingesammelt worden. Mehr als 20 der Investmentvehikel wurden aufgelegt. Als mögliche Kandidaten für einen Schnellstart an die Börse gelten der Wohnungsvermittler AirBnB und der Finanzdienstleister Bloomberg.

Der Gang aufs Börsenparkett in der "Hülle" eines bereits existierenden Unternehmens ist auch in Deutschland keine Neuheit. Hierzulande wurden in der Vergangenheit so genannte "Börsenmäntel" dafür genutzt. Dabei handelt es sich um die (noch) börsengehandelten Überbleibsel insolventer Unternehmen. Das Unternehmen, dass an einem solchen Börsenstart interessiert ist, kauft in der Regel einen Großteil der Aktien, bringt sein Geschäft in die Börsenhülle ein und firmiert diese dann zumeist später um. Auf die Wiederbelebung eines solchen "Börsenzombies" kann durch den Kauf der Aktien auch gewettet werden, die so genannte "Mantelspekulation".

WCM: Ein Vierteljahrtausend Unternehmensgeschichte

Aktie der Württembergische Cattunmanufaktur

Aktie der Württembergische Cattunmanufaktur. | Bildquelle: gemeinfrei

Eine ganze Reihe deutscher Konzerne, die heute auch in Auswahlindizes notieren, sind in einen Börsenmantel geschlüpft, dessen ursprüngliches Geschäft wenig oder nichts mit dem späteren Unternehmenszweck zu tun hatte. So etwa die frühere Beteiligungs- und heutige Immobiliengesellschaft WCM, die bereits 1766 als "Württembergische Cattunmanufaktur" gegründet wurde.

Der Autozulieferer ElringKlinger verschmolz sich im Jahr 2000 mit der ZWL Grundbesitz- und Beteiligungs AG, die einst aus den Ziegelwerken Ludwigsburg hervorgegangen war.

"Genie"-Streich beim Börsenstart von Wirecard

Aber auch der Zahlungsdienstleister Wirecard, dessen Aktie gerade ihre Dax-Karriere beendet hat, kam über eine Art Börsenmantel 2004 selbst an die Börse. Als Hülle diente dabei die InfoGenie Europe AG aus Berlin, die nach heftigen Kursverlusten am Neuen Markt zum Pennystock geworden war.

Wirecard-Zentrale in Aschheim

Wirecard. | Bildquelle: imago images / Overstreet

Die derzeitige Muttergesellschaft von Wirecard, EBS, übernahm InfoGenie und packte Wirecard mit seinem operativen Geschäft in die Firma hinein, benannte sie in Wirecard AG um - der Rest ist Börsen- und Finanzgeschichte.

AB