Roboter sitzt zum Aufladen in einer Ecke

Nicht wirklich crash-resistent Robo Advisors in der Corona-Krise

Stand: 03.04.2020, 16:18 Uhr

Einige Milliarden Euro haben die Online-Vermögensverwaltungen in Deutschland inzwischen an Anlegergeldern eingesammelt. Die Anbieter versprechen zu kleinen Kosten eine sinnvolle Aufteilung und Verwaltung der privaten Vermögen. Im Corona-Crash mussten sie allerdings ebenfalls zum Teil heftige Verluste einfahren.

Wer als Anleger darauf gehofft hatte, dass sich mit den Anlagestrategien von Scalable Capital, Quirion, Investify & Co. die Kurskrise an den Aktienmärkten gänzlich umschiffen lassen würde, der dürfte beim Blick in sein Depot erschrecken. Umschichten je nach Risiko-Einschätzung, damit werben viele der Anbieter, die aktiv in die Portfolio-Strukturen eingreifen. Das bedeutete in den vergangenen Wochen aber nicht, dass dem Kursrutsch der Wind aus den Segeln genommen werden konnte.

Kein "Crash-Button"

Die Algorithmen und Risikobewertungssysteme der Robo Advisor haben allesamt keinen "Crash"-Button, bei dem im Angesicht einer raschen Kursbewegung nach unten Positionen in Windeseile verkauft werden, um die Anleger vor weiteren Verlusten zu schützen. Wie tief der Fall an den Börsen geht und wie lange er dauert, das können (und wollen) auch die Anlageprofis nicht abschätzen. "Wir haben derzeit viel damit zu tun, unsere Anleger zu beruhigen und zu erklären, dass Verkäufe derzeit wenig sinnvoll sind", meint Salome Preiswerk, Gründerin von Whitebox mit Sitz in Freiburg gegenüber boerse.ARD.de. Preiswerk geht davon, dass auch die Corona-Krise am Aktienmarkt in einiger Zeit überstanden sein wird: "Der derzeitige Baisse an den Börsen liefert keinen Grund dafür, von bewährten Anlagestrategien abzurücken."

Ein Performance-Vergleich des Internet-Portals "Brokervergleich.de" listet in einer aktuellen Übersicht die Wertentwicklung von Echtgelddepots bei 20 "Robos" für den Zeitraum 20. Februar bis 25. März auf. Dabei wurde jeweils in Portfolios mit "mittlerem Risiko" investiert, also einer möglichst ausgeglichenen Aufteilung von Aktien und Anleihen.

Die sture Benchmark erreichen nur wenige

In diesem Zeitraum haben der Dax, der US-Leitindex oder auch der wichtigste Industrieländerindex MSCI World zwischen 26 und 28 Prozent an Wert verloren. Ein gleichmäßig mit Aktien und sicheren Staatsanleihen bestücktes Depot hätte damit in dem Zeitraum zwischen 14 und 15 Prozent an Wert eingebüßt. Im Echtgeldtest schafft es nur das ETF-Portfolio des Robo-Neulings Kapilendo, diesen Wert klar zu schlagen, hier lagen die Crash-Verluste bei 10,7 Prozent.

Ein Großteil der Anbieter hat es geschafft, annähernd so abzuschneiden wie die Benchmark eines starren einfachen Musterdepots, mehr aber auch nicht. Bei Fintego, das bis vor kurzem noch zur Commerzbank-Tochter Comdirect gehörte, lagen die Verluste bei 16,5 Prozent, Whitebox bei minus 16,0 Prozent. Die zur Fondsgesellschaft Union Investment gehörende Visualvest lag bei minus 15,0 Prozent. Ginmon, ebenfalls in Frankfurt beheimatet, verbuchte danach Verluste von 19,5 Prozent.

Marktführer mit Ausrutscher?

Einen Ausreißer nach unten lieferte ausgerechnet Marktführer Scalable Capital. Das Münchener Unternehmen vertreibt seine Portfolio-Strategien sehr erfolgreich über die Direktbank Diba in Deutschland und hat nach Brachenschätzungen Ende 2019 die Marke von zwei Milliarden Euro an verwalteten Vermögen geknackt. Verluste hier im Zeitraum: 25,8 Prozent.

Scalable hat nach eigenen Angaben zu Beginn der Corona-Krise nur wenige Umschichtungen vorgenommen, seit Anfang März würden die Portfolios aber sukzessive umgebaut. Das Unternehmen verfolgt einen Value-at-risk (VaR)-Ansatz, bei dem verschiedene Anlageklassen nach ihren angenommenen Risiken gewichtet werden. In den höchsten Risikokategorien wurde die Aktienquote von 70 auf 40 Prozent reduziert, bei Portfolios mit mittlerem Risiko von 50 auf jetzt 40 Prozent. Fraglich, ob diese Maßnahmen womöglich etwas zu spät eingeleitet wurden.

Teils heftiges Umschichten

Der Echtgeldtest gibt auch Auskunft über die Häufigkeit von Umschichtungen vieler der beobachteten Robos. Im fraglichen Zeitraum schwankt dies von null (z.B. bei Quirion oder Growney) bis 58 bei Investify. Gerade in der Woche vom 10. bis 16. März wurden die Portfolios kräftig umgebaut. Offenbar hat die crash-bedingt kleiner werdende Aktienpositionen auch eine Reihe von Rebalancing-Transaktionen ausgelöst, mit denen die ursprüngliche Aufteilung zwischen den Anlageklassen wiederhergestellt werden sollte.

Bei Kapilendo dürfte umgekehrt die relativ gute Performance durch die Portfoliostruktur entstanden sein. Das beim Echtgeldtest beobachtete "ETF Allwetter-Portfolio" besteht zu 40 Prozent aus Aktien-ETF, hat aber mit 13 Prozent Rohstoff-Investments und zehn Prozent am Geldmarkt einen größeren Risikopuffer. Und unter den Aktienpositionen nimmt ein ETF auf schwankungsarme Aktien (minimum volatility) einen großen Posten ein. Laut Björn Siegismund, Chief Investment Officer bei Kapilendo, verfolgt man bei dem Berliner Unternehmen "eine Anlagestrategie, die nicht versucht die Märkte zu schlagen, sondern die Volatilität und die damit einhergehenden Risiken soweit wie möglich zu senken".

Damit dürfte der Kapilendo-Manager für die ganze Branche sprechen. Beim Erreichen dieses Ziels gibt es aber gerade in Krisenzeiten bemerkenswerte Unterschiede.

AB

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Überblick: Robo Advisors in Deutschland Geldanlage

Scalable-Anlagestrategie

Scalable
Das Münchener Unternehmen ist der unumstrittene Marktführer in Deutschland: Die Mindestanlagesumme für die automatisierte Vermögensverwaltung ist 10.000 Euro. Dafür wird das Anlageportfolio über die Risiko-Kennziffer Value at Risk (VaR) gesteuert, je nach ausgewählter VaR und Marktsituation finden laufende Umschichtungen statt. Scalable Capital ist als Finanzportfolio-Verwalter lizenziert. Die Kosten liegen pauschal bei 0,75 Prozent jährlich plus 0,25 Prozent Fondskosten. Scalable arbeitet erfolgreich mit der ING-Diba zusammen.