Wellenförmige Landschaft mit Hochhäusern und Wasser, darüber ein Globus

Nachfrage nach "grünen" Produkten steigt Nachhaltigkeitswelle in der Finanzbranche

Stand: 02.12.2019, 06:45 Uhr

Während in Madrid 200 Staaten um die Klimapolitk und die Eindämmung der CO2-Emissionen ringen, ist bei den Akteuren der Finanzindustrie ein grundlegender Wandel zu spüren. Nachhaltig ist "in", große Investoren setzen zunehmend auf "grüne" Investments, und auch Privatanleger haben mehr Möglichkeiten, nachhaltig anzulegen.

Das Klimaziel von maximal 1,5 Grad Erderwärmung bestimmt die Diskussion auf dem Klimagipfel in Madrid. Vor der Konferenz haben sich Hiobsbotschaften von Seiten der Wissenschaft gehäuft. Ohne gravierende Änderungen in Wirtschaft und Gesellschaft dürfte die Erderwärmung deutlich stärker ausfallen als angepeilt. Auf der Konferenz dürften die 2015 in Paris beschlossenen Vorgaben, vor allem aber der Weg zu ihrer Umsetzung, kontrovers diskutiert werden.

Großinvestoren schwenken um

In der Finanzindustrie gilt das Thema Nachhaltigkeit, englisch Sustainability, inzwischen als eine der wichtigsten Entwicklungen der vergangenen Jahre. Zuflüsse in Finanzprodukte, die mit diesem Etikett ausgestattet sind, erfreuen sich auf Anlegerseite stark steigender Beliebtheit. Waren es zunächst vor allem kirchlich orientierte Investoren, die nach ökologischen, ethischen und sozialen Kriterien anlegen wollten, steigen nun immer mehr Großanleger auf "grün" um. Stiftungen, Pensionsfonds, aber auch große Versicherungen wollen Firmen, die sich mit Waffen, Atomkraft oder selbst fossilen Brennstoffen beschäftigen, nicht mehr in ihren Depots haben. Nach Angaben des "Forum Nachhaltige Geldanlage" FNG wurden im vergangenen Jahr 219 Milliarden Euro in Deutschland nach solchen Vorgaben verwaltet, 30 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Selbst der norwegische Staatsfonds, der größte Investor weltweit, der rund eine Billion Euro verwaltet, legt nach nachhaltigen Kriterien an und hat zuletzt Öl-Konzerne aus seinem Portfolio verbannt.

Das Kürzel, auf das viele Anleger in dieser Neuorientierung schauen, lautet "ESG". Die Buchstaben stehen für Environment (Umwelt), Social und Governance (gute Unternehmensführung). ESG-Bewertungen werden von Rating-Agenturen angefertigt, die eine Vielzahl von Einzelkriterien für die Konzern abprüfen und dann an Fondsgesellschaften oder Vermögensverwalter verkaufen. Hohe ESG-Ratings für Aktien, aber auch für Anleihen werden immer mehr zum Entscheidungskriterium für die großen Asset Manager.

ESG und SDG bestimmen die Diskussion

Das liegt nicht nur an der allgemeinen Stimmung für ökologische oder ethische Geldanlagen. Die Investment-Profis müssen aus mehreren Gründen reagieren. Zum einen hat die EU einen Aktionsplan "Nachhaltige Finanzierung" auf den Weg gebracht. Ein Teil dieses Plans ist es, eine einheitliche Kennzeichnung (Taxonomie) für Anlageprodukte zu entwickeln. Erste Entwürfe für diese Regelungen sind bereits vorgelegt worden. Auch die Vereinten Nationen haben mit ihren Nachhaltigkeitszielen, den Sustainable Development Goals (SDG) eine Vorgabe für das Wirtschaften von Unternehmen gesteckt.

Aber auch ganz praktische Erwägungen sorgen dafür, dass die Investments in "grüne" Anlagen sprunghaft zunehmen. Depots mit nachhaltigen Anleihen oder Aktien schwanken weniger stark als "konventionelle" Anlageportfolios. Und große Investoren minimieren dabei auch "Klagerisiken", die Unternehmen aus der traditionellen Energiebranche oder der Gentechnik stets bedrohen. Und nicht zuletzt: Nachhaltige Anlagen weisen eine Wertentwicklung auf, die in vielen Fällen sogar besser ist als die üblicher Finanzprodukte. Die Unternehmen sind in der Regel besser gemanagt und sie sind häufiger in dynamischen Wachstumsbranchen tätig.

Vorsicht Greenwashing

Unternehmen selbst wollen sich entsprechend oft einen "grünen Anstrich" geben. Der Verdacht des "Greenwashing" schwingt aktuell bei vielen Marketing-Aktionen mit. Etwa wenn Coca-Cola einen Teil seiner Einwegflaschen aus Meeresplastik herstellen oder die britische Airline Easyjet die CO2-Emissionen ihrer Flüge ausgleichen will.

Die "grüne Welle" macht aber vor Aktien und Fondsprodukten längst nicht halt. Indexfonds (ETF) werden von den Größen der Branche wie der Blackrock-Tochter iShares oder der DWS-Sparte Xtrackers aufgelegt. Die großen Indexanbieter wie MSCI oder S&P Dow Jones schaffen dafür eigens neue Börsenbarometer. Und im Anleihenbereich werden "Green Bonds" immer populärer. Mit ihnen sammeln Unternehmen oder auch Staaten Kapital für bestimmte Umweltprojekte ein. Die staatliche Förderbank KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) ist hierzulande einer der größten Emittenten solcher Anleihen.

Privatanleger: Ahnungslos und ratlos

Von der grünen Welle scheinen Privatanleger in Deutschland derzeit überrollt zu werden. Einerseits sind die Bundesbürger generell weniger aufgeschlossen, wenn es um Geldanlagen wie Aktien, Anleihen oder Investmentfonds geht. Dazu kommt große Ratlosigkeit und Misstrauen gegenüber "grünen" Anlagen. Nach einer Umfrage der Wertpapier-Aufsicht BaFin haben erst 38 Prozent der Bundesbürger den Begriff "nachhaltige Geldanlage" schon einmal gehört. Immerhin können sich zwei Drittel der Befragten vorstellen, auch einmal nachhaltig zu investieren, wie dies möglich ist, darüber herrscht aber Rätselraten. Weitere Aufklärung tut not, damit der Wandel in der Finanzbranche auch bei ihnen ankommt.

AB