Claudia Müller, FemaleFinanceForum

Claudia Müller, Female Finance Forum „Die Nachhaltigkeitsstrategie muss individuell passen“

Stand: 09.03.2020, 17:07 Uhr

Investieren in nachhaltige Finanzprodukte ist nicht riskanter und genauso rentabel, sagt Claudia Müller vom Female Finance Forum.

boerse.ARD.de: Sehen wir derzeit nur eine neue Welle in Sachen Nachhaltigkeit oder gibt es eine grundlegende Veränderung in der Gesellschaft?

Claudia Müller: Natürlich sehen wir derzeit so etwas wie eine Welle, durch die neue Umweltbewegung ist der Begriff in aller Munde, aber in Wirklichkeit ist Nachhaltigkeit eine Notwendigkeit, die wir nur jetzt relativ spät als solche wahrnehmen. Und jetzt bewegen wir uns endlich in diese Richtung.

boerse.ARD.de: Wie funktioniert denn nachhaltiges Investieren grundsätzlich?

Müller: Im Prinzip gelten hierfür die gleichen „Spielregeln“ wie für normales Investieren. Zunächst muss man als Anleger seine eigene Situation analysieren. Wie ist mein Zeithorizont, welche Rendite erwarte ich? Und welche Risiken bin ich bereit, dafür einzugehen? Danach schaue ich, welche Möglichkeiten des Investierens gibt es. Zu den drei Dimensionen der Geldanlage – Risiko, Rendite und Liquidität – kommt nun noch die Nachhaltigkeit als vierte Dimension hinzu.

boerse.ARD.de: Welche Herangehensweise empfiehlt sich, wenn ich als Anleger konkret in nachhaltige Finanzprodukte investieren will?

Müller: Zunächst sollte sich der Anleger darüber klar werden, welche Themen ihn überhaupt im Sinne von Nachhaltigkeit interessieren. Als Orientierung dabei können die ESG-Kriterien dienen. Sie stehen für ökologische Nachhaltigkeit, soziale Nachhaltigkeit und Nachhaltigkeit im Sinne einer guten Unternehmensführung. Über so genannte Ausschlusskriterien kann man zudem definieren, in welche Branchen man auf keinen Fall investieren möchte, also etwa Tabak oder Atomkraft. Das ist ein bisschen wie die Frage beim Konsumenten: Möchte ich auf Flugreisen oder auf hohen Fleischkonsum verzichten?

boerse.ARD.de: Sind einzelne Aktien, die bestimmte Nachhaltigkeitskriterien erfüllen, ein sinnvolles Investment für Privatanleger oder sollten diese lieber auf Aktienfonds setzen?

Müller: Ich muss mir dabei in jedem Fall überlegen, ob eine solche Strategie für mich in puncto Risiko passt. Denn mit einigen wenigen Einzelaktien ist es schwierig, die notwendige Risikostreuung zu erreichen. Diese erreiche ich deutlich leichter durch Investitionen in einen Fonds. Wenn ich nicht den Fonds selbst kaufen will, kann ich mir hier aber einzelne Wertpapiere herauspicken. Ich sollte dabei aber das Risiko nicht aus den Augen verlieren. Im Bereich der nachhaltigen Fonds gibt es bewährte Standards, die schon eine Weile am Markt vertreten sind. Das sind zum Beispiel nachhaltige Aktienfonds, die von nachhaltigen Banken angeboten werden.

boerse.ARD.de: Nachhaltige Fonds werden auch von Banken und Fondsgesellschaften angeboten, die selbst nicht als besonders nachhaltig gelten. Kann man dennoch zu deren Produkten greifen?

Müller: Das ist eine persönliche Frage. Im Zweifel ist ein nachhaltiger Fonds einer Bank, die selbst nicht als Muster in Sachen Nachhaltigkeit gilt, immer noch besser als ein „normales“ Fondsprodukt bei dieser Bank. Das ist wieder ein bisschen wie das Bioprodukt, das ja durchaus auch beim Discounter verkauft wird und selbst gute Werte haben kann.

boerse.ARD.de: Neben Finanzprodukten kann man als Anleger auch in Solar- oder Windparks oder auch neu gepflanzte Bäume investieren. Sind solche Direktinvestments aus Ihrer Sicht eine Alternative?

Müller: Grundsätzlich sollte man sich vor Augen halten, dass, nur weil etwas als nachhaltig angepriesen wird, es nicht mit weniger Risiken behaftet ist. Wenn ich all mein Geld in einen Wald stecke, bedeutet ein Unwetter natürlich das Risiko eines Totalverlustes. Man sollte sich hier Anbieter und Chance-Risiko-Verhältnisse vorher genau anschauen.

Das Gespräch führte Andreas Braun.