Ali Masarwah, Chefredakteur Morningstar

Ali Masarwah, Morningstar „Die Unternehmen in Nachhaltigkeitsfonds sind besser gemanagt“

Stand: 12.03.2020, 17:19 Uhr

Die Investmentwelt wendet sich zunehmend dem Nachhaltigkeitsgedanken zu, meint Ali Masarwah der Fondsratingagentur Morningstar. Das hat handfeste Gründe, so der Fondsexperte. Die Investoren fragen stärker entsprechende Produkte nach, und in nachhaltigen Fonds steckt weniger Risiko.

boerse.ARD.de: Wo wächst der Markt für nachhaltige Fondsprodukte am stärksten?

Ali Masarwah: Bei Anleihefonds ist die Wachstumsdynamik aktuell am höchsten. Hier besteht auch der größte Nachholbedarf bei Investoren. Historisch gesehen sind nachhaltige Fonds „Aktiengeschöpfe“, und das spiegelt sich auch im verwalteten Vermögen wider. Die meisten Gelder in ESG-Fonds stecken noch immer in Aktienfonds. Unabhängig von den Anlageklassen sehen wir derzeit auch eine Aufholbewegung bei nachhaltigen Indexfonds (ETFs) gegenüber aktiv gemanagten Fonds.

boerse.ARD.de: Wer ist auf Investorenseite an nachhaltigen Produkten interessiert?

Masarwah: Das sind vor allem die institutionellen Anleger wie Pensionsfonds oder Stiftungen, vor allem aus den Niederlanden oder Skandinavien. Man sieht aber, dass zunehmend der Privatanleger auf das Thema aufmerksam geworden ist, das liegt auch an der zunehmenden öffentlichen Diskussion. Private Anleger fragen das Thema aktiv nach, und das Angebot auf Produktseite wird ebenfalls größer.

boerse.ARD.de: Sehen Sie die Gefahr, dass damit auch vermehrt Fonds auf den Markt gebracht werden, die nur das Etikett „nachhaltig“ tragen, es aber in Wirklichkeit nicht sind?

Masarwah: Dieses „Greenwashing“ gibt es natürlich auch bei Fonds-Emittenten. Die ganze Branche ist sehr marketing- und vertriebsgetrieben. Die Entscheider bemühen sich natürlich, auf diesen Trend aufzuspringen. Allerdings haben sich die Möglichkeiten der Auswahl für die Anleger auch deutlich verbessert, wir können also relativ schnell herausfinden, ob es sich wirklich um Etikettenschwindel handelt, oder ob Kompetenz dahinter steckt.

boerse.ARD.de: Wie trennen Sie als Ratingagentur hier die Spreu vom Weizen in der Fondslandschaft?

Masarwah: Wir bieten seit einigen Jahren ein Fondsrating an, das die Nachhaltigkeitseigenschaften von Fonds misst. Wir können die Bestandteile der Fonds analysieren und einschätzen, ob die Unternehmen im Fondsbestand wirklich nachhaltig sind. Wir können auch sehen, wo die Risiken sind, die die Unternehmen aus Nachhaltigkeitssicht bergen. Dahinter steht die Vermutung, dass sich eine Verschlechterung der Nachhaltigkeit eines Unternehmens auch auf die Finanzkennzahlen auswirken wird.

boerse.ARD.de: Woher kommen die Daten, die Sie ja für jedes einzelne Unternehmen erheben und einschätzen müssen?

Masarwah: Das ist uns durch die Zusammenarbeit mit einer der größten Research-Agenturen auf diesem Gebiet, Sustainalytics, möglich. Sustainalytics prüft 70 bis 80 Indikatoren für die Unternehmen ab. Wir aggregieren diese Daten auf der Fondsebene. Ein Investor kann dann schnell sehen, wie „gut“ ein Fonds im Sinne der Nachhaltigkeit ist. Professionelle Anleger haben dabei auch die Möglichkeit, verschiedene Einzelkriterien abzuprüfen, wie etwa die CO2-Emissionen der Unternehmen in einem Fonds. Die Nachhaltigkeitsfaktoren können außerdem mit den üblichen Finanzkennzahlen aus unserer Fondsdatenbank abgeglichen werden.

boerse.ARD.de: Gibt es einen Zusammenhang zwischen guter Performance und hohen Nachhaltigkeitsstandards bei Unternehmen?

Masarwah: Das wollen Investoren immer als erstes wissen. Es gibt tatsächlich einen gewissen Zusammenhang. Wer aber nur auf die Performance schaut, der jagt man oft Ergebnissen der Vergangenheit hinterher. Wenn man aber auf die Eigenschaften von Nachhaltigkeitsfonds blickt, dann sieht man, dass die Risiken in den Fonds unterdurchschnittlich sind und die Unternehmen von höherer Qualität, also besser gemanagt sind.

boerse.ARD.de: Finden Nachhaltigkeitskriterien auch deshalb bei Investoren und Emittenten inzwischen mehr Beachtung?

Masarwah: Das ist ganz sicher so. Das Nachhaltigkeits-Research kommt immer mehr in der Mitte der Investmentwelt an und findet zunehmend Anwendungen, zum Beispiel auch, um Risiken zu erkennen und Portfolien entsprechend auszurichten.

Das Gespräch führte Andreas Braun.