Dr. hendrik Leber, Geschäftsführer ACATIS

Dr. Hendrik Leber, Acatis „Firmen, die nachhaltige Ziele verfolgen, performen besser als der Durchschnitt“

Stand: 10.03.2020, 15:15 Uhr

Das klassische Value-Konzept und das Thema Nachhaltigkeit passen bestens zusammen, meint Fondsmanager und Acatis-Gründer Hendrik Leber. Seine Aktienauswahl für nachhaltige Fonds erfolgt in einem mehrstufigen Verfahren.

boerse.ARD.de: Was war der Grund für Acatis, Nachhaltigkeitsfonds aufzulegen oder auf Nachhaltigkeit umzustellen?

Hendrik Leber: Ich habe nachhaltige Fonds erstmals um die Jahrtausendwende wahrgenommen. Damals hat mich das nicht begeistert. Ein neuer Kollege hat mich dann erst 2009 darauf hingewiesen, dass wir Value, unseren Investmentansatz, mit Nachhaltigkeit verbinden können. Noch im gleichen Jahr haben wir begonnen die ersten Fonds umzustellen. Dabei haben wir dann einen Nachhaltigkeitsprozess aufgesetzt.

boerse.ARD.de: Wie sieht dieser Prozess aus?

Leber: Zu Beginn unserer Umstellung haben wir unsere Kunden gefragt, was ihnen bei einem nachhaltigen Investment wichtig ist. Darauf aufbauend haben wir ein Kriterienset erarbeitet und das an eine externe Ratingagentur gegeben. Mit den Firmen, die dann herausgefiltert wurden, haben wir dann unsere Fondsportfolios zusammengestellt.

boerse.ARD.de: Welche wichtigen Ausschlusskriterien legen Sie an eine Aktie an, damit diese für ein nachhaltiges Investment infrage kommt?

Leber: Jeder Investor kommt aus einer anderen Gedankenwelt, daher sind die Regeln, die hier aufgestellt werden, sehr individuell. Wir haben einerseits zwingende Ausschlusskriterien wie etwa Kinderarbeit, und zwar auch in der Lieferantenkette. In anderen Bereichen tolerieren wir bestimmte Umsatzschwellen, etwa im Bereich Rüstung oder Alkohol. Wichtig ist uns aber auch, uns Firmen anzuschauen, die sich gerade verändern oder die Produkte herstellen, die für die Nachhaltigkeit relevant sind.

boerse.ARD.de: Können Sie einige dieser Positivkriterien nennen?

Leber: Für uns sind seit 2015 die nachhaltigen Entwicklungsziele der UN (SDG) hier durchaus maßgebend. Dabei geht es zum Beispiel darum, die Welt gerechter zu machen, Frauen müssen einen größeren Anteil am Erwerbsleben haben, wir müssen das Klima und die Artenvielfalt schützen und vieles mehr. Wir arbeiten sehr gerne mit diesen Zielen, denn Firmen, die diese Ziele verfolgen sind häufig sehr erfolgreich im Geschäftsleben. Und damit liefern sie den Investoren auch gute Erträge ab.

boerse.ARD.de: Wie steht es generell um die Rendite in den Fonds, wenn viele Firmen aus dem „Anlageuniversum“ ausgeschlossen werden?

Leber: Sicher verzichtet man, wenn man harte Ausschlusskriterien verwendet, erst einmal auf Rendite. Rüstungs- oder Tabakfirmen verdienen viel Geld, entsprechend gut laufen auch deren Aktien. Dafür gibt es wiederum Kriterien, wie die Gleichstellung von Frauen oder Mitarbeiterförderung, die auch an der Börse durchaus eine Mehrrendite bringen.

boerse.ARD.de: Wird die Zahl der Firmen, in die Sie „nachhaltig“ investieren können, durch eine solche Vorauswahl nicht deutlich kleiner? Ist eine vernünftige Diversifikation so noch möglich?

Leber: Unser gesamtes Aktienuniversum besteht aus rund 2.500 Titeln, wenn man dabei alle „grünen Häkchen“ macht, also alle unsere Ausschlusskriterien anwendet, dann bleiben 400 Firmen übrig. Damit können wir recht gut arbeiten. Und Firmen, die etwa die UN-Kriterien erfüllen, performen deutlich besser als der breite Durchschnitt.

boerse.ARD.de: Wie „verträgt“ sich der Value-Ansatz, den Sie generell im Fondsmanagement verfolgen, mit dem Thema Nachhaltigkeit in der Aktienauswahl?

Leber: Wir schauen automatisch bei jeder Bewertung eines Unternehmens und einer Aktie: Was bekomme ich für einen Gegenwert? Und ich bekomme bei solchen Firmen oft einen sehr guten Gegenwert. Er muss aber nicht unbedingt bereits heute da sein. Wir versuchen immer, zukünftige Erträge einzuschätzen. Und wenn ein Unternehmen auf einem Wachstumspfad unterwegs ist und neue innovative Produkte entwickelt, dann stellt sich dieser Gegenwert auch irgendwann ein.

boerse.ARD.de: Wie findet ein Privatanleger Aktien, die auf einem solchen Weg im Sinne von Nachhaltigkeit sind?

Leber: Wir versuchen immer ein Stück in die Zukunft zu sehen, um dann wieder schrittweise zurückzugehen. Also wir stellen uns die Frage, werden wir in fünf, sechs Jahren mehr oder weniger Elektroautos haben? Und dann ist die Frage, wer sind die Firmen, die eine künftige größere Nachfrage in einem Bereich befriedigen werden? Im Beispiel: Wer wird die Autos der Zukunft liefern, wer wird in der Zulieferkette sein, wer wird Batterien und Elektronik liefern? So können durchaus auch Privatanleger auf der Suche nach interessanten Aktien vorgehen.

Das Gespräch führte Andreas Braun.