Katharina Lawrence, Verbraucherzentrale Hessen

Verbraucherschützerin Katharina Lawrence „Bei Direktinvestments ist immer ein Totalausfall möglich“

Stand: 11.03.2020, 16:36 Uhr

Gutes tun bei der Geldanlage ist ein schwieriges Unterfangen, meint Katharina Lawrence von der Verbraucherzentrale Hessen. Vor allem bei Direktinvestments sollten sich Verbraucher mit den Risiken und rechtlichen Gelegenheiten genau auseinandersetzen.

boerse.ARD.de: Gibt es auf Verbraucherseite derzeit eine höhere Nachfrage nach nachhaltigen Geldanlage-Produkten?

Katharina Lawrence: Wir werden in Beratungen, aber auch auf Vorträgen, auf solche Produkte und Anlageformen vermehrt angesprochen. Vielfach wird die Frage gestellt, ob die Produkte wirklich nachhaltig, sozial oder ethisch sind. Und ob mit ihnen wirklich das Ziel einer solchen Geldanlage auch verwirklicht werden kann.

boerse.ARD.de: Wie kann man denn beurteilen, ob eine Geldanlage wirklich nachhaltig ist?

Lawrence: Wir fangen generell in unseren Beratungen erst einmal mit dem Dreieck der Geldanlage an. Sicherheit, Risiko und Flexibilität. Das Thema Nachhaltigkeit ist ein weiterer Aspekt, der darf aber aus unserer Sicht die drei grundlegenden Dimensionen nicht überlagern. Es gibt keine einheitliche Definition für nachhaltige Geldanlagen. Jeder Anbieter zieht andere Kriterien heran. Herausfiltern, was zu den persönlichen Einstellungen passt, muss der Anleger selbst.

boerse.ARD.de: Was sind die grundsätzlichen Fragen, die sich ein Privatanleger bei der Anlage stellen muss?

Lawrence: Der Anleger muss sich erst einmal klar machen, welche Anlageform für ihn, für sein Kapital und seine Risikobereitschaft überhaupt in Betracht kommt. Dazu gehört auch die Frage, welche Laufzeit bei einer Anlage Sinn macht, also, wann muss ich wieder über das Kapital verfügen können?

boerse.ARD.de: Worauf sollte er bei einem Direktinvestment achten?

Lawrence: Wenn man eine nachhaltige Direktinvestmentanlage nutzen will, sollte man sich zunächst die rechtlichen Grundlagen vor Augen führen. Diese Form des Investments fällt unter das Vermögensanlagegesetz. Darin ist zum Beispiel festgelegt, dass die Finanzaufsicht, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, einen Verkaufsprospekt billigt. Diesen Prospekt sollte man als potenzieller Investor gründlich studieren.

Auch die Vermögensanlage-Informationsblätter, die VIB, sollte man sich sehr genau anschauen. Hier muss der Emittent ebenfalls über Risiken informieren. Wenn man diese Unterlagen durchgearbeitet hat, kann man entscheiden: Ist das etwas, was ich wirklich machen will?

boerse.ARD.de: Welche Besonderheiten gibt es darüber hinaus bei Direktinvestments?

Lawrence: Bei Direktinvestments ist immer ein Totalausfall möglich, auch das sollte man sich klarmachen. Wenn nur sehr vage beschrieben ist, welchen Erfolg die Anlage haben soll, dann kann man vielleicht schon davon Abstand nehmen. Auch wenn ein Projekt in Übersee, in Ländern mit anderen Rechtstraditionen und Währungen stattfindet, kann es allein deshalb zu Unvorhergesehenem kommen und schief gehen.

boerse.ARD.de: Welche rechtliche Rolle nehmen Anleger in Vermögensanlagen, wie Direktinvestments, Beteiligungen oder Genussrechten eigentlich rechtlich ein?

Lawrence: Vielen Anlegern ist gar nicht bewusst, dass die mit einer Beteiligung Unternehmer geworden sind. Andere haben Nachrangdarlehen mit qualifiziertem Rücktritt unterzeichnet und sind damit Gläubiger eines Unternehmens. Wenn ein solches Unternehmen aber pleitegeht, bekommen diese Anleger aus der Insolvenzmasse meist gar nichts, weil sie nach allen anderen befriedigt werden. Auch Genussrechte werden zum Teil ausgegeben, die ganz bestimmte Rechte beinhalten. Das grundsätzliche Totalverlustrisiko besteht bei allen diesen Anlageformen. Auch darüber sollte man sich zunächst klarwerden, bevor man wirklich ein solches Engagement eingeht.

boerse.ARD.de: Können Sie ein Beispiel für eine solche Pleite nennen?

Lawrence: Wir haben in der Schadensfallberatung schon zum Beispiel erleben müssen, dass Menschen in Pflanzungen in Südamerika investiert haben. Deren Geld wurde erst eingesammelt - und war dann schlicht „weg“. Natürlich kann das auch mit einer anderen Anlage passieren, die Motive vieler Anleger hier sind aber oft auch vom Wunsch getrieben, in etwas Gutes zu investieren. Umso tragischer sind dann solche Verluste.

boerse.ARD.de: Was sollte man während der Laufzeit eines solchen Direktinvestments als Verbraucher beachten?

Lawrence: Man sollte die Berichte des Emittenten kritisch prüfen. Hat er innerhalb der vorgeschriebenen Fristen einen Geschäftsbericht veröffentlicht? Dieser muss auch im Bundesanzeiger veröffentlicht werden. Dort muss auch über mögliche Schwierigkeiten des Projekts informiert werden. Unter Umständen ist das natürlich für die Betroffenen bereits zu spät, wenn der Emittent dort berichtet, er könne keine Forderungen mehr befriedigen.

boerse.ARD.de: Wie hoch sollte denn der Anteil des Vermögens sein, der in Direktinvestments investiert werden sollte?

Lawrence: Das hängt ganz wesentlich von der individuellen Risikobereitschaft und Risikofähigkeit ab. Man muss sich generell fragen, ob man bereit ist, eine Investition zu tätigen, die zum Totalverlust führen kann. Wer sein Vermögen zur Altersvorsorge oder seine Kinder benötigt, sollte nicht in Risikopapiere investieren.

boerse.ARD.de: Zu welchen nachhaltigen Anlageformen raten Sie Verbrauchern generell?

Lawrence: Eine breite Streuung der Investments ist wichtig, um bei einer wirtschaftlichen Flaute einer Branche keine hohen Verluste zu erleiden. Dafür kommen zum Beispiel eine Reihe nachhaltiger Fonds-Produkte infrage, sei es Aktien- oder auch Mischfonds, die auch in „grüne“ Anleihen investieren, wobei der Anleger schauen sollte, ob man seine Vorstellungen von nachhaltig trifft. Am einfachsten ist es für weniger risikobereite Anleger, bei Banken nachhaltige Festgelder oder Sparbriefe mit klaren Laufzeiten von drei oder vier Jahren zu nutzen. Sie fallen unter die gesetzliche Einlagensicherung, sind also sehr sicher und trotzdem „nachhaltig“.

Das Gespräch führte Andreas Braun.